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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 15 / Antifa
Namenspatrone in der BRD

Schleyers langer Schatten

Stuttgarter Linksbündnis fordert Überprüfung von Straßen und Gebäuden, deren Namensgeber faschistische oder koloniale Vergangenheit haben
Von Tilman Baur
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Die Hanns-Martin-Schleyer-Halle im Bezirk Bad Cannstatt (Stuttgart, 16.6.2020)

Während in den Vereinigten Staaten von Amerika und andernorts reihenweise Statuen von Sklavenhaltern gestürzt werden, geht es hierzulande unter anderem um die Umbenennung von Straßen und öffentlichen Gebäuden. So beantragte das Linksbündnis im Stuttgarter Gemeinderat aus der Partei Die Linke und »Stuttgart ökologisch sozial« (SÖS) eine kritische Überprüfung von Gebäude und Straßen, deren Namensgeber mit der Nazizeit und dem Kolonialismus in Verbindung stehen.

Es geht um Schwergewichte südwestdeutscher Geschichte und um teils prestigeträchtige Bauten. In seinem Antrag nennt das Bündnis das Ferdinand-Porsche-Gymnasium, den Hindenburg-Bau – ein mächtiges Büro- und Geschäftsgebäude gegenüber dem Hauptbahnhof –, den ebenfalls am Hauptbahnhof gelegenen Kurt-Georg-Kiesinger-Platz und die Hanns-Martin-Schleyer-Halle als eine der wichtigsten Mehrzweckhallen der Stadt sowie die Mauserstraße im Bezirk Feuerbach.

Das Linksbündnis beruft sich auf andere Städte wie München, Freiburg und Bremerhaven, die bereits Expertenkommissionen eingesetzt haben. So ließ die Stadt München 6.177 Straßennamen überprüfen, von denen 400 als »klärungsbedürftig« eingestuft wurden. »Gerade angesichts aktueller neonazistischer, antisemitischer und rassistischer Aktivitäten bis hin zu Morden« sowie auch anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung vom Faschismus sei es an der Zeit, sich umfassend damit zu beschäftigen, »welche Personen in Stuttgart mit der Benennung von Straßen, Wegen, Gebäuden und Einrichtungen geehrt wurden«, heißt es im Antrag.

Der Fraktion spielt in die Karten, dass sich bereits Kommissionen anderer Städte mit der Geschichte von Personen auseinandergesetzt haben, die in Stuttgart jetzt in Frage stehen. Dem Porsche-Gründer Ferdinand Porsche wies die Bremerhavener Kommission beispielsweise nach, Insassen von Konzentrationslagern als Zwangsarbeiter aktiv angefordert zu haben. Die Freiburger Kommission wiederum konstatierte über Reichspräsident Paul von Hindenburg längst Bekanntes: Dieser habe ohne Zwang Notverordnungen und das Ermächtigungsgesetz unterzeichnet und so die Nazidiktatur auf den Weg gebracht. Den ehemaligen Bundeskanzler und gebürtigen Schwaben Kurt-Georg Kiesinger beschreibt der Historiker Michael F. Feldkamp als Beispiel junger Akademiker, die »von der NS-Ideologie, von einer starken Deutschtümelei und einem starken Nationalbewusstsein infiziert waren und sich begeistert den Nationalsozialisten anschlossen«.

Die Mauserstraße geht zurück auf die gleichnamige Waffenfabrikantenfamilie. Der 1792 geborene Franz Andreas Mauser hatte wie später seine beiden Söhne Wilhelm und Peter-Paul Mauser in der 1811 gegründeten Königlich Württembergischen Gewehrfabrik gearbeitet. Die Brüder entwickelten dort eigene Konstruktionen, kauften 1874 die Fabrik und gliederten sie in ihre zwei Jahre zuvor gegründete Privatgesellschaft ein. Mauser produzierte unter anderem das Standardgewehr der Wehrmacht, das 98k, bis zum Jahr 1945 und setzte dafür während des Zweiten Weltkriegs mehr als 5.000 Zwangsarbeiter ein. Die Waffenfabrik stellte sich nach Kriegsende als Heckler & Koch neu auf.

Auf besonderen Widerstand dürfte das Ansinnen stoßen, die 1983 eröffnete Hanns-Martin-Schleyer-Halle umzubenennen. Schließlich wird der ehemalige Präsident des »Arbeitgeberverbandes« in bürgerlichen Kreisen hauptsächlich als Opfer der Roten Armee Fraktion (RAF) gesehen, die ihn 1977 entführte und ermordete. Seine faschistische Vergangenheit indes tritt dabei in den Hintergrund. Der Heidelberger Historikerin Cordia Baumann gilt Schleyer allerdings als »engagierter Nationalsozialist«, der unter anderem aus Protest aus einem Heidelberger Studentencorps austrat, weil sich dieses geweigert hatte, jüdische Mitglieder auszuschließen.

Dennoch sprach sich der Fraktionsvorsitzende der SPD im Gemeinderat und Oberbürgermeisterkandidat Martin Körner auf jW-Anfrage gegen eine Umbenennung aus. »Nicht weil ich beschönigen möchte, dass Hanns-Martin Schleyer ein Nazi war. Ich finde nur, dass wir eine Umbenennung der Halle der Familie des ermordeten Hanns-Martin Schleyer nicht antun sollten«, so Körner. Die Ambivalenz der öffentlichen Person Hanns-Martin Schleyer als Nazi und RAF-Opfer solle die Stadtgesellschaft aushalten, so Körner.

Dass der bürgerlich geprägte Gemeinderat einer Umbenennung zustimmt, scheint unwahrscheinlich. Einen Alternativvorschlag gibt es unterdessen schon. Martin Eickhoff, der für das Linksbündnis auf Bezirksebene aktiv ist, sähe gerne Walter Häbich als Namenspaten der Halle. Der Stuttgarter Kommunist diente lange als Vorsitzender des Kommunistischen Jugendverbands und wurde 1934 von den Nazis getötet.

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