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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 16 / Sport
Basketball

Sie waren mal wieder dran

Nach langer Durststrecke das Maß aller Dinge im Quarantäneturnier: Alba Berlin ist deutscher Basketballmeister
Von Oliver Rast
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»Eine totale Freude«, »das Salz in der Suppe« usw. – Alba feiert die Meisterschaft

Ein Finale mit Hin- und Rückspiel ist eine Zumutung, aber das passte zur Beendigung der Meisterschaft der Basketballbundesliga (BBL) im Quarantäneturnier. Zehn von 17 Bundesligisten nahmen die Strapazen nach der Coronazwangspause auf sich, spielten jeden zweiten Tag. Die Finalisten absolvierten in summa zehn Partien. Am Sonntag schließlich setzten sich die Albatrosse aus Berlin deutlich gegen die Riesen aus Ludwigsburg durch, die zum ersten Mal überhaupt ins Finale eingezogen waren.

Für Alba war es die neunte deutsche Meisterschaft, das fünfte Double (nach 1997, 1999, 2002, 2003). Schon im Finalhinspiel am Freitag waren sie den Kontrahenten aus dem Südwesten in den ersten drei Vierteln klar überlegen. Keine Spur von einem spielerisch packenden Saisonabschluss. Die MHP Riesen Ludwigsburg konnten mit 19 Ballverlusten und einer Wurfquote von 38 Prozent nur einem Rückstand hinterherlaufen. Im Schlussviertel ließ Alba etwas nach, hatte aber mit Martin Hermannsson und Rokas Giedraitis dennoch die Topscorer in seinen Reihen (je 14 Punkte). Die ungleiche Partie endete 88:65, die Berliner gingen also mit einem komfortablen Punktepolster ins Rückspiel am Sonntag nachmittag.

Die Riesen hingegen gingen wieder gehandicapt aufs Parkett. Aufbauspieler Marcos Knight fehlte wie im Hinspiel verletzungsbedingt – Diagnose: Fuß verknackst. Der 30jährige US-Amerikaner war in allen vier Partien des Viertel- und Halbfinales ein »Double-Double«-Experte, erzielte jeweils zweistellige Werte bei Punkten und Rebounds. Weitere Riesen-Probleme: Auch Guard Zamal Nixon und Center Cameron Jackson standen nicht auf dem Spielberichtsbogen. Kriegerisch äußerte sich Teamkollege Thomas Wimbush bei Magenta Sport kurz vor der Partie: »Es ist immer herzzerreißend, wenn einer unserer Soldaten im Kampf nicht dabei ist – aber wir müssen da draußen für ihn spielen.«

Es ging dann weniger martialisch zu. Die ersten beiden Punkte erzielte Riese Jaleen Smith. Nach zehn Minuten führten die Albatrosse aber bereits mit 21:11, nach 20 Spielminuten lagen die Riesen noch sieben Punkte zurück. »Wir spielen hart, um zu gewinnen«, sagte Smith im Pauseninterview bei Magenta Sport, »alles ist möglich«. Doch Alba lag auch nach dem dritten Viertel noch 67:54 in Front. Enger wurde es tatsächlich im letzten Viertel des Turniers. 47,9 Sekunden vor der Schlusssirene kamen die Riesen bis auf einen Punkt heran, dabei blieb es. Endstand: 75:74 für Alba.

Standardsprüche nach Standardfragen nach dem Finale-Finale: »Ich brauche noch ein paar Momente, um das zu realisieren«, sagte Berlins Nationalspieler Johannes Thiemann ins Mikro des übertragenden TV-Senders – und weiter: »Es ist eine verdammt komische Situation, aber wir sind glücklich, dass wir es geschafft haben.« Der Ludwigsburger Jonas Wohlfarth-Bottermann war trotz des Scheiterns »sehr stolz«: »Keiner hatte auf dem Zettel, dass wir noch mal so zurückkommen.« Alba sei aber in dem Turnier das Maß aller Dinge gewesen.

Sie waren auch einfach mal wieder dran, die Berliner. In den beiden zurückliegenden Spielzeiten erreichten sie die Finals im Pokal, in der Meisterschaft und im Eurocup, verloren diese aber allesamt. »Titel sind das Salz in der Suppe«, sagte Berlins Geschäftsführer Marco Baldi bereits vor den letzten 40 Saisonminuten: »Es ist eine totale Freude, Titel zu gewinnen.« Vor einem Jahr hatte Alba-Kapitän Niels Giffey noch geklagt: »Wir wollen endlich Hardware.« Ziel erreicht.

Eine wichtige Personalie ist offen, die des 73jährigen spanischen Meistertrainers Aíto García Reneses. Der Vertrag des Erfolgsgaranten an der Seitenlinie läuft aus. »Er braucht jetzt ein bisschen Ruhe«, meinte Baldi fürsorglich. Etwas unbedacht fügte er an: »Reneses kann so lange bei uns bleiben, wie er will.«

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