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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 8 / Ansichten

Personalpronomen des Tages: Das »Wir« der CSU

Von Jan Greve
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Gewalt, Misstrauen und Hetze bestimmen den Alltag verschiedener Bevölkerungsgruppen – die CSU sorgt sich aber vor allem um die bewaffneten Vertreter des staatlichen Gewaltmonopols

Wer kennt das nicht: Je höher die Temperaturen, desto schneller erhitzen sich die Gemüter, setzt mitunter gar ein unangenehmer Schwindel ein oder steigen einem alkoholhaltige Getränke wie Weißbier zu Kopf. Kurzum: Der Verstand verabschiedet sich in den Sommerurlaub. Ist das vielleicht schon die einfache Erklärung für die CSU-Kampagne unter der Überschrift »Respekt jetzt!«, die derzeit durchs Internet geistert? Ist es nicht – es geht noch einfacher.

Das Münchner Franz-Josef-Strauß-Haus setzt in der aktuellen Debatte über rassistische Polizeigewalt, die mit dem Tod des schwarzen US-Bürgers George Floyd ihren Anfang nahm, ins Land der Sarrazins und Höckes überschwappte und hier mittlerweile zwischen Müllrhetorik der Taz und Stuttgarter Ausschreitungen aufgerieben wurde, auf eine klare Botschaft: Wir gegen die, Ausgrenzung first. Auf der Kampagnenseite heißt es: »Die Polizei ist unser Freund und Helfer! Unsere Polizistinnen und Polizisten halten für uns den Kopf hin. Sie schützen uns und unsere Freiheit.« Am Montag nachmittag hatten knapp 1.900 Menschen den CSU-Aufruf nach eigenen Angaben unterzeichnet.

Welches »Wir« ist da gemeint, wenn es heißt: »Hilf mit, diejenigen zu schützen, die uns schützen«? Wohl keine Migranten, keine People of Color, keine Linken – keine der Angehörigen der vielen Gruppen, die im Visier der Staatsgewalt sind und wissen, was es heißt, wegen seines Aussehens kontrolliert oder wegen seiner Meinung verfolgt zu werden. Auf den Punkt brachte das vergangene Woche der CSU-Bundestagsabgeordnete Stefan Müller, der twitterte: »Wir haben in Deutschland ein Problem mit Migranten, die keinerlei Respekt vor der Polizei haben.« Das blau-weiße Sommermärchen einer homogenen Nation, in der es weder rote Parolen noch schwarze Perspektiven gibt – an simplen Gedanken hat es in der CSU noch nie gemangelt.

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