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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 6 / Ausland
Kolumbien

Wut auf Militärs

Kolumbien: Soldaten verüben Verbrechen an Zivilisten
Von Frederic Schnatterer
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Angehörige der kolumbianischen Streitkräfte auf der Militärbasis Tolemaida (29.1.2020)

Die tödliche Gewalt gegen Linke in Kolumbien ebbt nicht ab. Im Gegenteil: Am Wochenende wurden landesweit mindestens sechs Aktivisten umgebracht, wie kolumbianische Medien am Sonntag (Ortszeit) berichteten. Besonders der Tod des 22jährigen Kleinbauern Salvador Jaime Durán schlägt Wellen. Durán war bereits am Sonnabend von Soldaten der kolumbianischen Streitkräfte in einem Ort der Gemeinde Teorama im Departamento Norte de Santander regelrecht hingerichtet worden. Das gab die »Bauernvereinigung des Catatumbo« (Ascamcat) am Sonntag über die alternative Presseagentur Prensa Rural bekannt.

Laut Mitteilung der Aktivisten war Durán Mitglied des Aktionskomitees seines Dorfes und engagierte sich in der Bauernvereinigung. Am Sonnabend morgen habe er in der Nähe des Ortes Filo Guanmo auf seinen Vater gewartet, als er durch fünf Kugeln getötet wurde. Die heraneilenden Bewohner hätten sechs fliehende Männer festsetzen können, von denen sich später herausgestellt habe, dass sie den kolumbianischen Streitkräften angehörten. Die Gemeinde habe beschlossen, die mutmaßlichen Täter festzuhalten. Sie habe die zuständigen Behörden wie das Innenministerium sowie die Generalstaatsanwaltschaft kontaktiert.

Am Sonntag berichtete der multinationale Nachrichtensender Telesur, dass die Gefangenen im Laufe desselben Tages wieder freigelassen worden seien. Vorausgegangen waren Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft unter Vermittlung der Ombudsstelle. Wie diese über ihren Twitter-Account mitteilte, habe die Staatsanwaltschaft zuvor zugesichert, Ermittlungen gegen die sechs Soldaten einzuleiten.

Erst Anfang der vergangenen Woche hatte ein besonders brutales Verbrechen durch kolumbianische Militärs für Empörung gesorgt. Am 24. Juni war die Gruppenvergewaltigung eines 13jährigen Mädchens aus einer Gemeinde der Emberá-Indigenen in Santa Cecilia im Departamento Risaralda durch mindestens sieben Soldaten bekanntgeworden. In einer Mitteilung erklärte die Nationale Indigene Organisation Kolumbiens (ONIC), die Militärs hätten »die wegen des Coronavirus verhängten Maßnahmen ausgenutzt« und das Mädchen »entführt und sexuell missbraucht«.

Während Kolumbiens Präsident Iván Duque das Verbrechen noch am selben Tag verurteilte, kündigte Generalstaatsanwalt Francisco Barbosa eine Anklage der mutmaßlichen Täter wegen »missbräuchlichem Geschlechtsverkehr« an, wofür als Höchststrafe 30 Jahre Gefängnis vorgesehen sind. Selbst die Vizepräsidentin Marta Lucía Ramírez erklärte daraufhin am Freitag: »Hier handelt es sich nicht um Missbrauch. Das ist eine Vergewaltigung«.

Das Militär genießt in Kolumbien traditionell viele Privilegien und muss nur selten mit Konsequenzen für begangene Verbrechen rechnen. Nicht zuletzt deswegen fordert die ONIC auch eine Verurteilung der mutmaßlichen Täter nach indigener Rechtsprechung, wie die mexikanische Zeitung El Imparcial am Sonntag berichtete. Die Organisation sieht demnach auch einen Zusammenhang zwischen den strikten Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Coronavirus und der Gewalt gegen Frauen. So sei es während der Pandemie zu mindestens 14 tödlichen Übergriffen auf indigene Frauen gekommen.

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