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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 5 / Inland
Der schöne Schein

Angst vor Bankenrun

Eine kurze Geschichte des Geldes. Teil 9: Abschaffung des Bargelds. Kriselnden Finanzinstituten sind Münzen und Scheine eine Last
Von Lucas Zeise
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Finanzinstitute propagieren das bargeldlose Einkaufen

Ob Rettungspakete der Bundesregierung oder Staatsanleihenkäufe der EZB: Geld ist in der Coronakrise das bestimmende Thema. In dieser zehnteiligen jW-Serie werden mit Hilfe marxistischer Erkenntnisse bürgerliche Mythen entlarvt – vom Tauschwert einer Kaurimuschel bis hin zum Handel mit Kryptowährungen. (jW)

Bargeld stirbt aus. Dass es immer weniger genutzt wird, kann man an der Kasse im Supermarkt beobachten. Wozu noch Münzen und Scheine? Sie sind aus der Sicht der Banken, Großhändler und Kaufhäuser lästig und teuer. Aber auch die Kunden wechseln gern und freiwillig zur Karte. Das geht zwar meist noch nicht schneller als mit Scheinen und Münzen, aber es wird sich noch einspielen. Sonderbar daran ist allerdings, dass die Abschaffung von Bargeld auch noch propagiert wird. Wer hat ein Interesse daran, und warum?

Rechtlich ist Bargeld das einzige, richtige Geld. Nur die von den Notenbanken gedruckten Scheine und die im Auftrag der Regierungen geprägten Münzen sind gesetzliche Zahlungsmittel. Das legen das Bundesbankgesetz und der Paragraph 128 des EU-Vertrages fest. Faktisch ist das Bargeld nur ein kleiner Teil des im Lande umlaufenden Geldes. In Deutschland macht sein Anteil noch etwa ein Zehntel der gesamten eng definierten Geldmenge aus. Die anderen neun Zehntel bestehen aus dem bei den Banken in Form von Kontoguthaben liegenden, dem sogenannte Buch- oder Giralgeld. Die Banken selbst bezeichnen es als Sichteinlagen. Das Buchgeld ist jederzeit tauschbar in echtes Bargeld. Und nur diese Bereitschaft und Fähigkeit der Bank, das Geld auf Verlangen herauszurücken, macht es den Scheinen ähnlich und fast ebenbürtig. Die Sichtguthaben sind nicht vom Staat oder seiner Zen­tralbank emittiert, sondern sie sind der schriftliche Ausdruck für ein Schuldverhältnis zwischen Bank und Kunde.

Mehr Geld wird entgegen dem weit verbreiteten Glauben nicht dadurch geschaffen, dass die Bundesbank oder die Europäische Zentralbank entscheidet, mehr Geld zu drucken und es dann über die Banken in Umlauf bringt. Es ist umgekehrt. Letztere signalisieren der Zen­tralbank, wenn der Bedarf der Kunden an Bargeld, wie vor langen Wochenenden, größer wird, und die Zentralbank gibt dann mehr Scheine aus. Das verändert aber nur die Verteilung zwischen Bar- und Buchgeld, nicht jedoch die gesamte Geldmenge. Entscheidend dafür ist vielmehr die Kreditvergabe der Banken. Durch sie kommt frisches Geld in die Welt.

Konkret sieht das so aus: Ein gut betuchter Unternehmer X braucht einen Kredit (von beispielsweise zehn Millionen Euro), den die Bank ihm gern gewährt, weil er eine gut laufende Fabrik als Sicherheit bieten kann. Wenn der Kreditvertrag von beiden Seiten unterzeichnet ist, schreibt die Bank zehn Millionen Euro dem Konto des Herrn X gut. Herr X kann nun über zehn Millionen Euro zusätzlich verfügen, hat aber zugleich zehn Millionen Euro Schulden mehr. Die Bank umgekehrt verfügt über eine Forderung gegenüber Herrn X, deren Gegenwert als Einlage noch bei der Bank liegt. Noch ist keine der beiden Parteien reicher als zuvor, aber die Menge des Geldes (hier der Sichteinlagen) im gesamten Bankensystem ist um zehn Millionen Euro höher als zuvor. Das Ganze funktioniert nur deshalb so gut, weil die Zentralbank den Geschäftsbanken im Normalfall ihre Liquidität (sprich Zahlungsfähigkeit) garantiert und es ihnen damit ermöglicht, die Geldschöpfung nach eigenen Bedürfnissen zu betreiben.

Trotz der Liquiditätsgarantie durch die Zentralbank können auch Banken pleite gehen. Da Banken ihr Geschäft mit Schulden betreiben und deshalb viel höher verschuldet sind als andere Unternehmen, bleibt im Konkursfall nur selten viel Masse übrig. Die Einlagen der Kunden sind dann weg. Das Buchgeld kann nicht mehr in Bargeld getauscht oder überwiesen werden. Ahnen die Kunden, dass es der Bank schlecht geht, werden sie vorher versuchen, ihr Geld abzuheben und damit den Konkurs beschleunigen. Im Herbst 2008 drohte international eine Welle von Bankpleiten. Noch bevor der Run des breiten Publikums auf die Institute einsetzte, wurden damals die Staaten aktiv. »Ihre Einlagen sind sicher«, sagte Frau Merkel zu den Bürgern und ließ aus dem Bundeshaushalt 480 Milliarden Euro zur Stützung der Häuser bereitstellen. Die später folgenden Bankenkrisen in Irland, Griechenland, Spanien und Zypern zeigten, wie anfällig das System ist.

Wenn das Bargeld eliminiert oder auch nur seine Nutzung eingeschränkt wird, verliert der Bürger die Alternative zum Bankengeld. Gibt es kein Bargeld, kann es auch nicht abgehoben werden. Wenn die Bank pleite ist oder in Gefahr ist, pleite zu gehen, sind die dort befindlichen Guthaben verloren oder in Gefahr verloren zu gehen. Bei den immer häufiger fällig werdenden Reparaturarbeiten am Bankensystem wird das gesetzlich als Zahlungsmittel garantierte Bargeld für Regierungen und Finanzsystem zunehmend lästig. Deshalb soll es abgeschafft werden.

Lucas Zeise ist Buchautor, Finanzjournalist und jW-Kolumnist. Er arbeitete u. a. für die Börsen-Zeitung und war Mitbegründer der Financial Times Deutschland.

Lesen Sie morgen in junge Welt Teil 10 und Schluss: Geld im Sozialismus

Die Serie online: jungewelt.de/der-schoene-schein

Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus Rostock (30. Juni 2020 um 14:01 Uhr)
    Würde ein Kunde einer kriselnden Bank nicht trotzdem (wenn es kein Bargeld gibt) sein Geld zu retten versuchen, in diesem Fall, indem er es auf ein Konto bei einer stabilen Bank überweist?

    Wären nicht die Folgen für die kriselnde Bank exakt dieselben, mit und ohne Bargeld? Oder übersehe ich hier etwas?

In der Serie Der schöne Schein:

Ab dem 20. Juni erscheint in der jungen Welt eine zehnteilige Serie zum Thema »#Geld - Der schöne Schein« des renommierten Finanzjournalisten Lucas Zeise. Zeise arbeitete für die Börsen Zeitung, gehörte zur Gründungsredaktion der Financial Times Deutschland und publiziert heute regelmäßig in der Tageszeitung junge Welt.

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