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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 12 / Thema
Geschichtswissenschaft

Den Toten die Wahrheit!

Die Zeitschrift für Geschichtswissenschaft verbreitet verleumderische Behauptungen gegen den Pazifisten Hans Paasche, der vor 100 Jahren von rechter Soldateska ermordet wurde
Von Helmut Donat
Hans Paasche und Hermann Popert.jpg
Hans Paasche (l.) und Hermann Popert, hier auf dem Ersten Freideutschen Jugendtag im Oktober 1913, gaben die Zeitung Der Vortrupp heraus, aber nur Paasche behielt seine konsequente pazifistische Haltung bei

In Heft 3/2020 der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) hat Christian Niemeyer unter dem Titel »Hans Paasche unter Töchtern in der Wüste?« einen Beitrag veröffentlicht, der sich im Wesentlichen mit den Hintergründen der Ermordung an Hans Paasche befasst. Dem Aufsatz haftet der Makel an, einen von rechter Soldateska am 21. Mai 1920 niedergestreckten Pazifisten und erklärten Gegner des preußisch-deutschen Militarismus verunglimpft und als eine Art Mittäter verdächtigt zu haben – und das fast genau 100 Jahre nach der Ermordung Hans Paasches. Mein Vorwurf richtet sich zugleich an die Herausgeber der ZfG, die Niemeyers Abhandlung mit ihrem Namen decken. Durch meinen in der ZfG im November 2018 mit der Hilfe des Historikers Wolfgang Benz publizierten Beitrag über »Hans Paasche und das Scheitern der Novemberrevolution 1918« sind die Herausgeber weitreichend über Hans Paasches besondere Rolle in der deutschen Geschichte und Politik informiert gewesen.

Niemeyers absurde Vorwürfe

Zu dem Beitrag von Niemeyer ist Folgendes zu bemerken: 1. Seine Behauptung, ich sei wegen »zielgerichteter Auslassungen« in dem von Helga Paasche und mir 1992 herausgebrachten Band von Texten und Schriften Hans Paasches »alles andere als ein verlässlicher Zeuge«, weil wir »den ›guten‹ Paasche auf keinen Fall mit Positionen in Verbindung bringen wollten, die sie exklusiv dem ›bösen‹ Popert zuzuschreiben gedachten«, ist unzutreffend. Sie dient dazu, meine Reputation als Wissenschaftler zu untergraben. Zudem bringt sie die Herausgeber der »Schriftenreihe Geschichte & Frieden« (die Historiker Dieter Riesenberger und Wolfram Wette), in welcher der Band erschienen ist, in Verruf. Helga Paasche hat in ihrem Geleitwort Hermann Popert (Schriftsteller und Aktivist der Jugendbewegung; jW) mit keinem Wort erwähnt, und ich habe mich in meinem 40 Seiten umfassenden Essay nur kurz mit ihm auf den Seiten 20 und 35 f. befasst. Warum nicht mehr? Wir haben ein Buch über Paasche und nicht über Popert oder über das Verhältnis von Paasche und Popert herausgegeben. Wer die einschlägige Literatur kennt, weiß, dass Popert nur eine Randfigur war.

2. Niemeyers Behauptung, es gebe in dem o. g. Band »teilweise nicht als solche gekennzeichnete Auslassungen«, dient dem Zweck, meine Arbeit als wissenschaftlich unseriös abzuqualifizieren. Von den 42 und nicht, wie Niemeyer fälschlicherweise schreibt, 40 Paasche-Dokumenten, sind 27 vollständig abgedruckt, bei den anderen gibt es jeweils gekennzeichnete Auslassungen. Wo dies nicht der Fall ist, geht es aus anderen Hinweisen hervor, dass es sich um einen Auszug handelt. Viele Schriften und Texte Paasches sind überhaupt nicht abgedruckt, zumal es nicht unsere Absicht gewesen ist, eine Werkausgabe herauszubringen. Vielmehr sahen wir es als unsere Aufgabe an, dem Leser den außergewöhnlichen Facettenreichtum von Paasches Denken und Handeln vor Augen zu führen, allzu Zeitgebundenes zu vernachlässigen und von Paasche selbst überwundene Denkhaltungen und Vorurteile nicht in den Vordergrund zu stellen. Im Übrigen ist den Texten Paasches ein wissenschaftlicher Anmerkungs- und Erläuterungsapparat beigegeben.

3. Bei dem Beitrag Niemeyers handelt es sich um eine konstruierte, spekulative Darstellung. Er manipuliert historische Quellen und verkürzt oder verzerrt ihre Aussagekraft im Sinne einer »Ehrenrettung« Poperts. Die seinem Beitrag vorangestellten Zitate dienen dazu, eine Art Heldenmythos zu insinuieren, den die Geschichtsschreibung der Jugendbewegung unkritisch um Paasche gewoben habe. Im zweiten Zitat gibt Niemeyer einen, wie er meint, »Trinkspruch« wieder, der in der Aufforderung gipfelt: »Durch Alkohol zum Sieg!« Er soll Paasches Kriegsbegeisterung belegen. Beide Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen und stellen somit eine Verfälschung dar.

Der von Niemeyer als »Grabspruch« titulierte Satz »Hier ruht ein Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung, ermordet im Jahre 1920 als Opfer seiner Gesinnung«, ist mitnichten ein originaler Grabspruch der Jugendbewegung-Geschichtsschreibung. Der Satz steht in polnischer Sprache auf einer an einem Kreuz befestigten Tafel am Grab von Paasche, das der Paasche-Biograph Werner Lange vor vielen Jahren anfertigen ließ. Darunter setzte er die deutschen Worte »Ich habe mehr gesät als geschnitten…« Das Grab Paasches auf dem Gut Waldfrieden in Polen ist 2005 zur Gedenkstätte europäischer Verständigung erklärt worden, was Niemeyer unerwähnt lässt. Auf Paasches Grabstein steht lediglich: »Hans Paasche / geboren 3. April 1881 / gefallen 21. Mai 1920«. Dass Hans Paasche ein »Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung« war, dass er ermordet wurde und – wie Kurt Eisner, Gustav Landauer oder Alexander Futran – ein »Opfer seiner Gesinnung« war, ist ein Faktum und hat nichts mit »Heldenverehrung« zu tun. Einem Organ wie der ZfG sollte es um Tatsachen gehen und sonst nichts – und um Folgerungen daraus, die diskutabel, aber nicht polemisch-abstrus sind.

Keineswegs handelt es sich bei dem zweiten Zitat, wie Niemeyer glauben machen will, um einen »Trinkspruch«. Der von ihm angeführte Satz ist einem Aufruf Paasches entnommen, den Walter Hammer als »6. Kriegsflugblatt« der »Meißner-Jugend« widmete und den Otto Wanderer alias Otto Buchinger in seinem »Paasche-Buch« 1921 veröffentlicht hat, worauf Niemeyer sich ausdrücklich bezieht. Mit einem guten Schuss Boshaftigkeit und Humor stellt Paasche fest, dass es »eine Schande für uns mäßige Alkoholiker zu beiden Seiten des Rheins« wäre, »wenn es später hieße, wir hätten nur als Wassertrinker gesiegt. Deshalb, deutsche Spießer, tut eure Pflicht gegen das Vaterland. Helft, unsere Truppen zu alkoholisieren. Schickt Liebesgaben hinaus, die zugleich unseren bedauernswerten Gegnern helfen und unsere Krieger schwächen. Das ist christlich, wenn ihr auch der Feinde gedenkt. Unsern Kriegern darf der Stoff nicht ausgehen.« Dass es sich hier – für Paasche durchaus typisch – um eine satirische Bloßstellung des Alkoholkonsums an allen Fronten handelt, ist so offensichtlich, dass man sich darüber wundert, dass Niemeyer dies übergeht. Im Übrigen ist Paasche selbst Anfang August 1914 nicht dem allgemeinen deutschen Kriegstaumel erlegen gewesen, sondern mahnte eine maßvolle Sprache an. Als er sich dabei auch noch auf das Programm der Deutschen Friedensgesellschaft berief, schrie man ihn nieder und lachte ihn mit der Entgegnung aus, »das habe fortan keine Geltung mehr«. Und da will uns Niemeyer einreden, Paasche sei kriegsbegeistert gewesen?

Fragwürdige Methoden

4. Niemeyer verstößt gegen Grundprinzipien der historischen Forschung. Konsequent verzichtet er auf die Kontextualisierung seiner Behauptungen. Er zieht es vor, mit Meinungsäußerungen und Mutmaßungen auf einer persönlichen Ebene zu arbeiten, die von der realen Geschichte losgelöst sind. Die historisch-politischen Differenzen zwischen Popert und Paasche verschweigt er ebenso wie die Kontroversen zwischen Kriegsgegnern und Kriegsbefürwortern. Niemeyer beruft sich auf Aussagen, die vor Gericht keinen Bestand hätten. Medizinische Quellen für die von Popert gegen Paasche gestreute Verdächtigung, er sei seit 1916 an Syphilis erkrankt gewesen, gibt es nicht. Gleichwohl behandelt Niemeyer derlei Mutmaßungen wie Trophäen der Wahrheitsfindung. Eine Zeitschrift, die solchem Vorgehen ein Forum bietet, muss sich fragen lassen, was dies noch mit einer sich kritisch verstehenden Geschichtsschreibung zu tun hat?

Poperts umstrittene Haltung im und nach dem Ersten Weltkrieg übergeht er ebenso wie Paasches Artikel »Nationalistische Pazifisten«, von Alfred Hermann Fried, 1911 Friedensnobelpreisträger, in der Zeitschrift Die Friedens-Warte publiziert und als »Dokument 40« in dem Band »Ändert Euren Sinn!« vollständig abgedruckt. Paasche kritisiert darin Poperts Haltung vor und nach 1918 als sich stets der jeweiligen Regierungspolitik andienend und sich vor der Mitverantwortung für die deutsche Misere und das soziale Elend herumdrückend. Niemeyer schweigt dazu ebenso wie zu dem Hintergrund der politisch-historischen Differenzen zwischen Popert und Paasche. Es geht um die Einstellung zu den Hohenzollern, zum Ersten Weltkrieg und zur Schuldfrage: auf der einen Seiten stehen die Gegner der kaiserlichen Kriegspolitik und radikalen Pazifisten wie A.H. Fried, Hans-Georg von Beerfelde und Hans Paasche, auf der anderen die Kriegsbefürworter, die wie Popert am 1. März 1919 im »Vortrupp« behaupten, dass von einer »Schuld am Kriege« nicht zu sprechen sei, weil »bis 1914 der Krieg als ein Mittel zur Durchführung politischer Ansprüche gegolten habe«. Poperts Rechtfertigung erteilt Fried eine klare Absage: »Deutschland trage die entscheidende Schuld daran«, dass man es nicht erreicht habe, »zu einem wahren Friedenssystem« zu gelangen.« Mit anderen Worten: Popert spielt in der damaligen Diskussion um die Kriegsschuldfrage eine unrühmliche Rolle in der Friedensbewegung – und folgt dem regierungsamtlichen Tamtam.

Und Niemeyer? Statt Poperts Hass auf Paasche in Rechnung und dessen davon überschattetes Urteilsvermögen in Frage zu stellen, übernimmt er dessen Einschätzungen unkritisch. Mit seinem Versuch einer »Ehrenrettung« für Popert wird er keinem der beiden Protagonisten gerecht. Vielmehr spielt Niemeyer den einen gegen den anderen aus. Er instrumentalisiert sie um des Effektes willen, den er erzielen möchte, ohne Gemeinsamkeiten und Trennendes von Paasche und Popert fein säuberlich zu erarbeiten. Es geht ihm nun einmal darum, Popert, den Kurt Tucholsky als »Pinscher am Grab« bezeichnete, reinzuwaschen.

Damit nicht genug, unterdrückt Niemeyer die wichtige Tatsache, dass die Wege der beiden »Jugendbewegten« seit Paasches Rücktritt von der Mitherausgeberschaft der gemeinsam 1912 gegründeten lebensreformerischen Halbmonatszeitschrift Der Vortrupp weit auseinandergingen und schließlich infolge von Poperts Verbitterung in einem schweren Zerwürfnis gipfelten. Niemeyer verschweigt diesen Konflikt, käme der Leser doch sonst auf den Gedanken, dass Poperts Angriffe auf Paasche auf dieser Auseinandersetzung beruhen.

Die Urteile Dritter

5. Was nicht in sein Interpretationsgefüge passt, erklärt Niemeyer zu einer »offiziellen Mär« und beruft sich dabei auf Aussagen und Urteile, die mit dem wirklichem Geschehen nichts zu tun haben. Dabei scheut er nicht davor zurück, abfällige und rüde Urteile über Menschen in die Welt zu setzen, die seine Meinung nicht teilen. Poperts Behauptung, Paasches 1916 erfolgte Entlassung aus der Marine sei »wohl eher krankheits-, denn überzeugungsbedingt« gewesen, klittert er zu einer Tatsachenbeschreibung. Paasche, der u. a. wegen »gemeingefährlicher Reden« den Laufpass erhielt, hat sich dazu ausführlich in seinem im November 1917 in der Untersuchungshaft verfassten »Lebenslauf« geäußert, wobei er seine Lage und die Umstände seines Zerwürfnisses mit dem Militär genau und nachvollziehbar schildert. Popert behandelt er sehr nobel, obwohl es bei der Trennung um viel mehr ging: Sein »Freund Dr. Popert« habe ihn gebeten, »als Herausgeber des Vortrupp während des Krieges zurückzutreten, weil er anderes mit der Zeitschrift vorhabe«. Anders als Popert sieht Paasche davon ab, seinem Weggefährten Übles nachzusagen. Anfang Mai 1917 hatte er an einen befreundeten Marinearzt lediglich geschrieben: »Dass der Vortrupp Regierungsblatt wurde, wird Sie überrascht haben. Popert ist tatsächlich der Meinung, auch für den Frieden damit das Beste zu tun. Unseliges Geschick, so zur Durchhalterei beizutragen, soviel den Frieden hinausschieben zu helfen!« Hintergrund für Paasches Ausscheiden aus dem Vortrupp war, dass er im Frühjahr 1916 den Aufruf der pazifistischen »Zentralstelle Völkerrecht« zu einem raschen Verständigungsfrieden unterschrieben hatte und nicht wie Popert bereit war, die kaiserliche Kriegspolitik zu unterstützen. Letzterer habe »die Unmenschlichkeit der deutschen Militärbestie beschönigt und den Spießern in harmloser Form präsentiert«.

Niemeyer übergeht Paasches Kritik und folgt Poperts Haltung, obwohl dieser bei Paasches »Abschied« aus der Marine nicht dabei war. Statt die Tatsachen zu schildern, zitiert Niemeyer Urteile Dritter, die mit dem Vorgang selbst nichts zu tun gehabt haben – Urteile, die einen brutal ums Leben gebrachten Menschen in ein überaus schlechtes Licht rücken!

Verdrehung von Aussagen

6. Niemeyers Verunglimpfungsstrategie hat Methode. Dazu gehört, dass er eindeutig gegen Paasche gerichtete Verleumdungen generell zu Tatsachenbehauptungen erhebt. Das gilt für Äußerungen des Medizinalrats Leppmann (Paasches Gutachters während der Untersuchungshaft), des Schwiegervaters und Vaters von Hans Paasche sowie von Brunold Springer (Rechtsanwalt und Autor des Buches »Die genialen Syphilitiker« von 1926; jW) und von Popert selbst. Niemeyer ignoriert, dass den Militärbehörden selbst nicht daran gelegen war, Paasche wegen Hoch- und Landesverrats anzuklagen und zu verurteilen. Er war kein Unbekannter, und sein Vater, Reichstagsvizepräsident, sowie sein Schwiegervater Richard Witting (Aufsichtsratsvorsitzender der Nationalbank; jW) und dessen Bruder Maximilian Harden waren einflussreiche Persönlichkeiten; man wollte Aufsehen vermeiden und keinen Märtyrer aus Hans Paasche machen. Wichtige Zeugenaussagen, wie die von Witting, die Einschätzung des ermittelnden Richters sowie die ärztlichen Gutachten und Befunde deuten unverkennbar darauf hin, die Paasche vorgeworfenen Handlungen als im »Zustande krankhafter Geistestätigkeit« begangen zu erklären, das Verfahren einzustellen, ihn so vor Schlimmerem zu bewahren und den Fall ohne größeres Aufsehen zu den Akten zu legen. Ebenso ist die Militärgerichtsbarkeit mit Kritikern wie Hans-Georg von Beerfelde und Heinrich Vogeler umgegangen, hat sie politisch unschädlich gemacht und in Nervenheilanstalten gesteckt. In den erhalten gebliebenen, umfangreichen Paasche-Untersuchungsakten gibt es nicht einen einzigen Hinweis auf die von Popert geäußerte und nun von Niemeyer wiedergekäute Behauptung, Paasche hätte an einer nicht ausgeheilten Syphilis-Erkrankung gelitten. Niemeyer ficht selbst das nicht an.

Dass er sich ausgerechnet auf Paasches Vater als »Kronzeugen« beruft, zeugt von seiner Unkenntnis über den Konflikt zwischen Vater und Sohn bzw. ignoriert er ihn. Anders ließe sich die Glaubwürdigkeit Hermann Paasches nicht aufrechterhalten. Dieser hat seinen Sohn scharf bekämpft, wegen dessen kriegsgegnerischer Haltung kein gutes Haar an ihm gelassen und ihm bewusst wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Hermann Paasche freute sich über jeden weiteren Kriegstag, der ihn, »Geschäftspolitiker en gros« und als Vorsitzender des Aufsichtsrats und Großaktionär der Howaldtswerke an der Rüstung und am U-Boot-Krieg beteiligt, reicher machte, während sein Sohn gegen das weitere Völkermorden opponierte. Niemeyer wischt die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe einfach beiseite und schlägt sich auf die Seite des Kriegsgewinnlers. Und die Redaktion und die Herausgeber der ZfG reichen ihm dazu die Hand?

Ein kurzer Blick in die o. g. Untersuchungsakten genügt, um das Verhältnis der Eltern zu ihrem Sohn zu charakterisieren. In dem Schreiben des gerichtlichen Sachverständigen A. Leppmann vom 9. Mai 1918 an seine vorgesetzte Behörde heißt es: »Den Brief der Mutter [Paasches] vom 29.IV. habe ich ihm nicht übergeben; er ist meiner Ansicht nach ein neuer Beweis für die krankhafte Artung derselben. Hält sie ihren Sohn, wie sie immer und immer wieder versichert, für wahnsinnig, so hat sie ihn, was er auch tut, schonend zu behandeln wie einen Kranken und nicht in dieser Weise in den Schmutz zu treten. Leider ist Geheimrat Paasche bei einem Besuche, den er seinem Sohne vor einigen Tagen abstattete, wie mir mein zuverlässiger Oberaufseher berichtet, (…) so heftig und verletzend geworden, dass ich, falls Paasche noch in der hiesigen Irrenabteilung bleibt, aus ärztlichen Gründen für die nächste Zeit wenigstens einen Besuch ablehnen würde.« Ein Kommentar dazu erübrigt sich.

Popert hat Paasche schon Monate vor dessen Ermordung übel angegriffen. Bereits in seiner Besprechung von Paasches Flugschrift »Meine Mitschuld am Weltkrieg« im 2. Maiheft 1919 des Vortrupp warf er ihm vor, in eine »Wahnwelt« geraten zu sein, »in der nicht nur alles nachweislich verkehrt« sei, »sondern deren Logik« seines Erachtens »auch in sich selbst nicht mehr verstanden werden« könne. Solche Äußerungen waren nicht nur grober Unfug, sondern auch ehrabschneidend. Niemeyer übergeht sie.

Angebliche Syphilis

Dass Kurt Tucholsky bei der Besprechung des Buches von B. Springer über »Die genialen Syphilitiker« zu den Darlegungen über Paasche schweigt, legt Niemeyer so aus, als habe Tucholsky gekniffen. Richtig ist jedoch, dass sich Springer auf äußerst dünnem Eis bewegt. So hält ihm Tucholsky vor, dass seine »Behauptungen miserabel dokumentiert« sind und urteilt: »Der hier kennt nicht einmal seinen Stoff.« Insgesamt betrachtet, stellt Tucholskys Rezension einen Verriss dar. Er schreibt: »Die gesamte Dokumentation des Buches ist mehr als kläglich.« Niemeyer lässt auch das außen vor – und beruft sich auf Springer!

Seine Behauptung, Springer sei Popert zur Seite getreten, ist falsch. Nirgendwo bezieht sich Springer auf Popert. Anders als dieser beurteilt er Paasches »Buch ›Meine Mitschuld am Weltkriege‹« nicht als Ausfluss einer »Wahnwelt«, sondern als »eines der ersten, das sich dem Weltwahnsinn entgegenstellte.« Und er bezeichnet Paasche als »eines der ersten Opfer«, »an denen die wiederkommenden Militärs ihre Rache kühlten«.

In Sachen Syphilis beruft Springer sich auf jeweils ein (!) Zitat aus Veröffentlichungen von Magnus Schwantje und Otto Wanderer sowie auf eine »Paasche-Nummer« der Zeitschrift Junge Menschen. Nirgendwo bezieht er sich – wie Niemeyer nahelegen will – auf Interna, die er von dessen »Lebensgefährtin« Helene Stöcker oder über diese von Ellen Paasche oder Maximilian Harden erhalten habe. Erneut stützt sich Niemeyer auf hergeholte Annahmen. In der erhalten gebliebenen Korrespondenz von 1917 bis 1927 zwischen Stöcker und Springer gibt es nicht einen einzigen Hinweis auf Ellen oder Hans Paasche oder gar auf M. Harden. Auch im Nachlass von Stöcker findet sich dazu nichts. Wie ihr Onkel M. Harden stand Ellen Paasche in der »Kriegsschuldfrage« an der Seite ihres Ehemannes – und damit in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu H. Stöcker.

Die von Springer herangezogenen Verhaltensauffälligkeiten Paasches mag man als normabweichend betrachten, im medizinischen Sinne haben sie nichts mit Syphilis zu tun. Danach wäre jeder zweite oder dritte Deutsche von Syphilis befallen. Niemeyer beruft sich, wenn er Springer als »Zeugen« anführt, auf lyrisches Quacksalbertum.

7. Es ist offenkundig, dass Niemeyer mit Paasche die Kritiker der kaiserlichen Kriegspolitik treffen will. Es geht ihm u. a. darum, die Geschichte der Jugendbewegung zu »verpopern« bzw. im Sinne Poperts umzuwidmen. Wie Christopher Clark und Herfried Münkler die Interpretation über die Ursache des Ersten Weltkrieges 2014 »entfischert« und die Forschungsergebnisse Fritz Fischers als überholt in eine antiquierte Ecke geschoben haben, so nunmehr das revisionistische Unterfangen Niemeyers und der ZfG im linksgrünen Bereich. Clark und Münkler blendeten jedwede Stimme der deutschen Opposition aus, obwohl gerade diese einen bedeutenden Teil der Geschichte darstellt und mehr Anerkennung verdient als das Verhalten derjenigen, die den Mainstream repräsentiert haben oder diesem gefolgt sind.

Niemeyer und die ZfG desavouieren Paasches Engagement für ein vom Militarismus und Nationalismus befreites Deutschland, in dem sie ihn als einen »Geistes- oder Geschlechtskranken« diskreditieren. Dies stellt einen Rückfall in Zeiten dar, in denen Opfern des rechten Terrors in Deutschland angelastet wurde, für das an ihnen begangene Verbrechen selbst verantwortlich zu sein. Es handelt sich um einen eklatanten Tabubruch, an dem nicht zuletzt die Vertreter des Rechtspopulismus Gefallen finden dürften. Die Suizidbehauptung, die Niemeyer, vage einstreuend, mystisch raunend beschwört, ist und bleibt niederträchtig.

Die Orientierung an demokratisch-pazifistischen Werten wie sie Hans Paasche, Heinrich Vogeler, Walter Hammer, Hans-Georg von Beerfelde, Friedrich Wilhelm Foerster und andere im Unterschied zu Popert vertreten haben, stellt keine »Hagiographie« oder »Heldenverehrung« dar. Vielmehr ist sie das Ergebnis einer bewussten und kritischen Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte und dem Anteil der Jugendbewegung an dem Irrweg, der in das »Dritte Reich« und in den Zweiten Weltkrieg geführt und dem nicht zuletzt Paasche vehement widersprochen hat. So verdeutlichte er bereits am 4. Mai 1917 in seinem Schreiben an den Marine-Assistenzarzt Engelhardt: »Es ist zum Speien! Wenn deutsche Jugend erwacht, wird sie hakenkreuzlerisch, alldeutsch, antisemitisch!« Und schon im Oktober 1913 warnte er die Teilnehmer des Ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner davor, sich nicht als Protagonisten einer »Wehrkraft-, Wehrmacht-, Militärbewegung« zu verstehen.

Die Herausgeber der ZfG sollten sich daher ernsthaft fragen, wer vor dem Hintergrund des Verlaufs der deutschen Geschichte und der Lehren, die aus zwei von deutschem Boden ausgehenden Weltkriegen zu ziehen sind, heute zu ehren ist und wer es verdient, in unserer Erinnerungskultur einen festen Platz einzunehmen: Hans Paasche oder Hermann Popert? Und mit Voltaire sollten sich die ZfG-Herausgeber daran erinnern: »Den Lebenden schuldet man Respekt, den Toten die Wahrheit!«

Helmut Donat schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 20. Mai über Hans Paasches fiktiven Bericht »Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland«.

Literatur:

– Helmut Donat: Der Mord an Hans Paasche vor 100 Jahren. In: Das Blättchen, 11.5.2020

– Werner Lange: »Ich ging zu den Löwen im hohen Grase…« In: Ossietzky, 16.5.2020

– Geert Platner: »Wieder einer«. Vor 100 Jahren wurde der pazifistische Offizier und Schriftsteller Hans Paasche ermordet. In: junge Welt, 20./21.5.2020

Hans Paasche: »Ändert Euren Sinn!« Schriften eines Revolutionärs. Hrsg. von H. Donat und Helga Paasche, Bremen 1992 (erhältlich im Donat Verlag)

Debatte

  • Beitrag von Alexander K. aus Leipzig (29. Juni 2020 um 21:58 Uhr)
    Leider denke ich, dass dieser Beitrag zu viele Vorkenntnisse voraussetzt. Wem die beiden Artikel in der ZfG, um die es hier geht, der von Helmut Donat und der von Christian Niemeyer, nicht bekannt sind, kann der Argumentation nur schwer folgen. Wahrscheinlich ist den meisten Leserinnen und Lesern nicht einmal die Person von Hermann Popert bekannt. (Leider nur wenigen mehr Hans Paasche.) Ein paar einführende Bemerkungen wären da hilfreich gewesen.

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