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Peary and Henson Aftershave

Von Helmut Höge
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Den afroamerikanischen Neurologen Samuel Allen Counter, Direktor der Harvard-Stiftung für »Intercultural and Race Relations«, zog es 1986 in die Arktis, wo »das glücklichste Volk der Erde« lebte, wie der dänische Polarforscher und Ethnologe Peter Freuchen einst versichert hatte. Counter entdeckte bei den Jägern in Nordgrönland eine zunehmende Taubheit, die er auf ihre Verwendung von großkalibrigen Gewehren aus dem Westen zurückführte. Bei all seinen Reisen zu Eskimosiedlungen hatte er Ohrstöpsel zum Verschenken dabei.

Die Gewehre hatten die nordgrönländischen »Polareskimos« großteils von den US-Forschern Robert Edwin Peary und Matthew Henson, die um die Jahrhundertwende versucht hatten, mit großem finanziellen und personellen Aufwand und vielen Schlittenhunden den »Wettlauf zum Pol« zu gewinnen (wer wirklich gewann, ist immer noch umstritten).

Peary war ein weißer Marineoffizier und Henson, sein Assistent, ein afroamerikanischer Matrose, der die Inuitsprache erlernte. Der heutige Nationalheld Peary und Henson gehörten zu den ersten, die den Eskimos gegenüber nicht als Überlegene auftraten, sie übernahmen sogar ihre wesentlichen Überlebenstechniken. Zudem stellten sie einige als Expeditionsbegleiter ein, gegen Bezahlung – etwa Gewehre und Munition.

Obwohl Peary und Henson in den USA verheiratet waren, hatten sie in Nordgrönland jeder ein Kind mit Eskimofrauen. Beide Söhne waren 1906 auf Pearys Schiff »Roosevelt« geboren worden: Kali war eher hellhäutig mit runden Augen, Anaukaq dunkelhäutig und hatte krauses Haar. Nachdem ihre Väter 1909 auf Nimmerwiedersehen in die USA verschwunden waren, wuchsen sie bei ihren Müttern auf.

Der besagte Harvard-Professor Counter erfuhr von einem Kollegen, der gerade aus Grönland zurückgekommen war, dass die Söhne von Peary und Henson, beide über 80, noch lebten und viele Kinder und Enkel hatten. Counter besuchte die beiden in getrennten Siedlungen lebenden »Clans«. Er erzählte ihnen von ihren verstorbenen Vätern und dass der weiße Polbezwinger sein pompöses Grab auf dem Heldenfriedhof Arlington nahe Washington, D. C., fand und der schwarze Vater auf dem Friedhof einer Schwarzensiedlung bei New York begraben liege. Beide Söhne wollten unbedingt mit Anhang die Gräber besuchen und ihre US-amerikanischen Verwandten kennenlernen. Wieder zurück in den USA, gab der Neurologe den Reiseveranstalter und leerte dafür sein Bankkonto. Trotzdem fehlten noch Zigtausende Dollar.

Er bekam sie vom afroamerikanischen Herausgeber des Magazins Ebony und gründete dann mit Studenten und Freunden eine Aktionsgruppe zur Bewältigung der Formalitäten mit der dänischen Kolonialmacht in Grönland und den US-Amerikanern, deren Militärstützpunkt Thule Air Base er benutzen wollte, um von dort die Reisegruppe nach New York zu bringen. Für die zwei Wochen ihres USA-Aufenthaltes stellte sein Vorbereitungstrupp ein umfangreiches Programm in mehreren Städten zusammen.

Counter telefonierte mit der Verwandtschaft und den Nachkommen von Peary und Henson: Ob sie Interesse hätten, ihre grönländischen Verwandten kennenzulernen? Die Afroamerikaner waren begeistert und begannen sofort mit Vorbereitungen für den Empfang »ihrer« Eskimos. Aber die Weißen wollten nichts davon wissen, der Sprecher des Peary-Clans dachte, Counter wolle ihn mit diesem »Unehelichen« erpressen, dann bestritt er, dass Kali überhaupt Pearys Sohn sei. Schließlich luden Pearys Sohn und Enkel die Grönländer aber doch ein – auf eine kalte Limonade (die Gäste aus dem Norden litten unter der Hitze). Ansonsten wurde die Reisegruppe mit allen Ehren empfangen – von der Universität bis zum US-Präsidenten Ronald Reagan.

Am pompösen Grab von Peary – mit Ehrengarde, Rednern und Pressepulk hinter einem Absperrband – kam Counter die Idee, dass die Überreste von Henson und seiner Frau auch auf den Heldenfriedhof gehören, an die Seite von Peary und seiner Frau. Er kämpfte für die Umbettung. Mit Erfolg. Den Grabstein, der mit Transport wieder Zigtausende kostete, die erneut der Ebony-Verleger übernahm, entwarf Counter selbst. Darüber hinaus wurde Matthew Henson posthum eine Medaille von der »National Geographic Society« verliehen und ein Vermessungsschiff der US Navy nach ihm benannt sowie ein Rasierwasser nach den beiden, »Peary and Henson Aftershave«. Kurzum: Counter machte einen guten Job als Leiter der Harvard-Stiftung für »Intercultural and Race Relations«. Als er 2017 starb, ehrte ihn seine Uni mit einer Gedenkveranstaltung. Zuvor hatte man bereits seinen Tätigkeitsbericht »North Pole Legacy – Black, White, and Eskimo« neu aufgelegt.

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