Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 16 / Sport

Die Wahrheit über den 34. und letzten Spieltag

Von Jakob Hayner
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Servus: Claudio Pizarro und Davy Klaassen nach dem Erreichen der Relegation

Was für eine Saison! Die Bayern sind mit großem Vorsprung Meister, dahinter die irgendwie tragisch gescheiterten Dortmunder, verfolgt von den ambitionierten Leipziger Brauseboys, der Leverkusener Bayer-Werkself, den Gladbachern … Pardon, falsche Saison. Das war im Jahr zuvor. Das Schlimme ist, dass es dieses Jahr fast genauso aussieht. Nur Gladbach und Leverkusen haben die Plätze getauscht. Die gleichen fünf Mannschaften liegen vorne in der Tabelle. Zumeist haben sie ansehnlichen Fußball gezeigt. Und sie haben mehr Tore geschossen als im Vorjahr, die Bayern kamen auf 100 insgesamt, 34 davon erzielte Robert Lewandowski, der erfolgreichste Stürmer. Zum Vergleich: Fredi Bobic wurde in den Neunzigern mit gerade einmal 17 Treffern ebenfalls Torschützenkönig.

Die Liga wird attraktiver, besser, schneller – einerseits. Andererseits verfestigen sich die Unterschiede. Mit 40 Punkten ist man nicht nur vor dem Abstieg sicher, wie die Faustregel sagt, sondern fast schon in der oberen Hälfte der Tabelle. Düsseldorf hätte es mit 30 Punkten fast auf den vorvorletzten Platz 16 geschafft. Am Sonnabend wurden die Fortunen bei subtropischen Temperaturen in Berlin-Köpenick 0:3 niedergerungen, Stadtrivale Köln ließ sich derweil in Bremen mit 6:1 aus dem Stadion schießen. Werder sicherte sich so die beiden Zusatzspiele namens Relegation. Und der HSV … aber das wäre wohl zuviel des Guten. Wenn Werder gegen Heidenheim die Oberhand behielte, wäre das auch okay.

Die Klassengesellschaft der Bundesliga entspricht der Wirklichkeit: ganz oben die Superreichen, die auf die globalen Märkte schielen und auf die nationale Liga auch verzichten würden, wenn sie dafür in einer neuen Superliga antreten dürften. Dann folgt die teils extrem verschuldete, teils mit Konzerngeldern gepäppelte Mittelklasse, die noch mitzuhalten versucht. Und unten schließlich das abstiegsbedrohte Prekariat der Liga, weit entfernt vom großen Geld. Das ist nichts Neues. Aber nachdem der DFL-Boss den Bayern am Sonnabend die Meisterschale überreicht hatte, damit die ein paar Runden im leeren Wolfsburger Stadion drehen konnten, bevor ihnen das doch zu bescheuert wurde, sprach er vom großen Zusammenhalt der Liga. Und wie toll man die Krise gemeistert hätte. Und dergleichen mehr. Man kennt solches Gewäsch von Betriebsfeiern, nichts als hohle Phrasen. Und kein Wort über die Fans, deren Anliegen in den vergangenen Wochen für vernachlässigenswert erachtet wurden.

Es sei nicht die beste Bundesliga gewesen, plapperte der Funktionär, aber die einzig mögliche. Da war sie wieder, die metaphysische Alternativlosigkeit des Faktischen. Doch die Fans organisieren sich. Die Initiative »Unser Fußball« erklärt: »Wir wollen nicht zurück zu einem kaputten System.« Es geht nicht nur um Abstiegskampf oder europäische Pokale, es geht mehr und mehr um Wettbewerbsregeln, die den Wettbewerb abschaffen. Man muss nicht einmal Kommunist sein, um das blöde oder einfach nur öde zu finden.

Was von dieser Saison bleibt? Schalkes große Serie, die am letzten Spieltag mit einem 0:4 gegen Freiburg einen würdigen Endpunkt fand. Das Comeback der in der DFB-Auswahl aussortierten Müller, Hummels und Boateng. Der Kurzauftritt des Egomanen mit dem irren Lächeln, bekannt als Jürgen Klinsmann. Christian Streichs nachdenklicher Blick aus Käferhaltung in den Himmel über Freiburg, nachdem er umgetackelt wurde. Der Auftritt des 19jährigen Erling Haaland, der jede Spekulation um eine Eingewöhnungszeit ad absurdum führte. Und während nun die 2000er Jahrgänge auf den Rasen drängen, sagt einer leise Servus: Claudio Pizarro beendet mit 41 Jahren seine Karriere.

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