Gegründet 1947 Donnerstag, 16. Juli 2020, Nr. 164
Die junge Welt wird von 2341 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Gegen Faschismus und Kolonialismus

Nicht abgefallen

Die Revolution entromantisieren: Anne Beaumanoirs Memoiren über ihre Zeit in der Résistance und in Algerien
Von Sabine Kebir
893354.jpg
Keine Revolution? Jubelnde Menschen feiern in Algier die algerische Unabhängigkeit von Frankreich (3.7.1962)

In den Alltagsverstand gehen Bilder revolutionärer Umwälzungen meist als heroische Höhepunkte der Geschichte ein. Dass die postrevolutionären »Mühen der Ebenen« (so Bertolt Brecht) oft genug enttäuschend sind, wird seltener wahrgenommen. Dem romantisierenden Trend arbeiten die Memoiren von Anne Beaumanoir entgegen, einer Aktivistin aus der Bretagne, die an zwei wichtigen Fronten des 20. Jahrhunderts kämpfte – in der französischen Résistance und im Unabhängigkeitskrieg der Algerier. Im Unterschied zu anderen Desillusionierten hat die heute 97jährige, die auch eine erfolgreiche Neurophysiologin war, dem Kampf für die Entrechteten nicht abgeschworen.

In einer kommunistischen Jugendgruppe las die Gymnasiastin die Bücher von André Malraux über den Spanienkrieg und die revolutionären Kämpfe in Asien, ehe sie sich einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzung anschloss. »Ich konnte es nicht erwarten, dass unsere Straßen zu denen Kanton-Chinas werden würden.« Als junger Mensch wisse man nicht, dass Revolutionen auch Terror und Bürokratie hervorbringen. »Wer in diesem Alter nicht in irgendeiner Form revoltiert, riskiert, später eine affektive Behinderung zu entwickeln.«

Sie wurde mit Botengängen beauftragt, bald auch in Paris. »Das Leben im Untergrund – besonders im kommunistischen Untergrund – kann als eine Abfolge starker Gefühle, Entdeckungen, Begegnungen erscheinen – nichts davon stimmt. Der Untergrundkämpfer verschwindet in einem vollständigen Inkognito. Er entwickelt eine Schizophrenie. Die verheimlichte Seite der Existenz gilt mehr als die sozialen, beruflichen und familiären Aktivitäten, die aber doch irgendwie fortbestehen.« Beaumanoir überschritt die strengen Regeln der Konspiration: Obwohl die Rettung von Juden nicht zu den Aufgaben ihrer Gruppe gehörte, verhalf sie einem Geschwisterpaar zur Flucht aus Paris zu ihren Eltern in die Bretagne. Als das herauskam, wurde sie strafversetzt. Sie erlebte 1944 die Befreiung von Marseille durch De-Gaulle-Truppen. Dass diese vor allem aus Soldaten der afrikanischen Kolonien bestanden, deren Hoffnung auf Gleichberechtigung nicht erfüllt wurde, vergaß sie nicht.

Während sich die algerische Kommunistische Partei früh dem Unabhängigkeitskrieg anschloss, taten das in Frankreich zunächst nur einzelne Kommunisten. Die KPF hielt am französischen Algerien fest, weil sie von einer baldigen gemeinsamen sozialistischen Zukunft ausging. Erst ab 1957 unterstützte sie Deserteure des Algerienkrieges. Auf eine neue Volksfront hoffend, hatte sie noch 1956 für die von Ministerpräsident Mollet vorgeschlagenen Sondervollmachten der Armee votiert, die Folter ermöglichten. Auch deswegen wandte sich Anne Beaumanoir von der Partei ab.

Inzwischen Ärztin und Mutter, engagierte sie sich im französischen Unterstützernetz der algerischen Befreiungsfront FLN. Sie half zunächst bei medizinischen Behandlungen Illegaler, aber auch als »Kofferträgerin« für Geldsammlungen unter den algerischen Arbeitsmigranten. Da sich ihr Ehemann bereit erklärte, für die Kinder zu sorgen, ging sie wieder in die Illegalität und wurde persönliche Assistentin des Leiters der FLN in Südfrankreich. In dieser Funktion wurde sie verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Weil sie schwanger war, wurde sie zur Geburt in den häuslichen Arrest entlassen. Diesen Umstand konnte sie zur Flucht nach Tunis nutzen, wo sich die algerische Exilregierung befand.

Dort übernahm sie den Gesundheitsdienst, den Frantz Fanon für Kriegsflüchtlinge und die in Tunesien stationierte Grenzarmee aufgebaut hatte. Fanon wurde Botschafter der FLN in unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten.

Nachdem auch Algerien unabhängig geworden war, leitete Beaumanoir mehrere Abteilungen des Gesundheitswesens und baute dringend benötigte Ausbildungsstätten für Ärzte und medizinisches Personal auf. Als 1965 Houari Boumédiène gegen Präsident Ahmed Ben Bella putschte, erfolgte ein Rechtsruck. Ihr als Kommunist geltender Minister wurde verhaftet. Sie wurde ebenfalls verfolgt, konnte aber in die Schweiz fliehen.

Weil sich im unabhängigen Algerien rasch Karrierismus, Vetternwirtschaft und auch Rassismus breit machten, will Beaumanoir nicht wie Fanon von einer algerischen Revolution sprechen. Zumal sich das Land in die Alternativlosigkeit zwischen Islamismus oder Militärherrschaft lavierte. Auch Fanon, der 1961 starb, hatte bereits vor der Gefahr der Korruption durch den Westen und der Verbürokratisierung der jungen afrikanischen Staaten gewarnt. Die Rezensentin meint mit Domenico Losurdo, dass der Kampf gegen den Kolonialismus, der mit der Oktoberrevolution und der Chinesischen Revolution begann, der wichtigste und unumkehrbare revolutionäre Prozess im zwanzigsten Jahrhundert war. Er wurde mit der Gewinnung staatlicher Souveränität nicht vollendet, sondern vollzieht sich auch heute noch über viele Etappen, einschließlich Rückschlägen. Gerade in Algerien ist eine permanente soziale Dynamik zu erkennen, die immer wieder eine Veränderung der Institutionen erzwungen hat. Auch Beaumanoir sieht im Hirak – der seit Februar 2019 jeden Freitag demonstrierenden Bürgerbewegung – starke gesellschaftliche Kräfte, die eine Weiterentwicklung der Demokratie bewirken.

In ihrer Zeit in Tunesien und Algerien war sie nur selten mit ihren Kindern zusammen und verdrängte, dass diese das als »Fallengelassenwerden« erlebten. Allerdings haben ihre Kinder später verstanden, dass ohne die Bereitschaft zu Opfern kein Engagement an vorderster Front möglich ist. »Der Kampf an der Seite der Unterdrückten muss sich uns auf absolute, unwiderlegbare Weise aufdrängen, um alle Wagnisse einzugehen, selbst, an seinem Engagement leiden zu müssen.« Das bedeute, auch in Extremsituationen »nicht abzufallen«.

Anne Beaumanoir: Wir wollten das Leben ändern. Band 1: Leben für Gerechtigkeit. Erinnerungen 1923–1956. Edition Contra-Bass, Hamburg 2019, 208 Seiten, 15 Euro. Band 2: Kampf für Freiheit. Algerien 1954–1965. Edition Contra-Bass, Hamburg 2020, 232 Seiten, 16 Euro

Ähnliche:

  • Wassyla Tamzali 2013 in Lissabon
    19.06.2020

    Wütendes Manifest

    »Eine zornige Frau«: Algerische Feministin Wassyla Tamzali fordert von Europäerinnen mehr Solidarität im Kampf gegen Rollback im Maghreb
  • Mörder ohne Ambition und Empathie. Luchino Visconti erfasst den ...
    09.04.2020

    Fremd in der Menschheit

    Die wechselhafte Rezeption von Albert Camus’ Erzählung »Der Fremde« vor dem Hintergrund des antikolonialen Befreiungskampfs Algeriens
  • Die Fahne der Berber bei einem der freitäglichen Protestmärsche ...
    28.02.2020

    Selbstbewusste Kabylen

    Die Berber in Algerien zwischen Kulturkampf, Separatismus und demokratischer Bewegung

Mehr aus: Politisches Buch