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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Ohne Wenn und Aber

Zu jW vom 24.6.: »Boykott und Erinnerung«

Norman Paech schreibt in dem Artikel: »Unsere Verantwortung für den Holocaust erstreckt sich bis in die Gegenwart nicht nur auf den Staat, in dem die Überlebenden eine Zuflucht gefunden haben, sondern auch auf die Palästinenser, die dieser Zuflucht weichen mussten.« Ja zur Verantwortung, soweit überhaupt ein junger Deutscher von heute für die Untaten seiner Groß- und Urgroßväter verantwortlich gemacht werden sollte – aber mussten sie denn »weichen«? Auf dem Gebiet Israels, so die UNO damals, sollten jüdische Einwanderer und arabische Bevölkerung gleichermaßen leben. Doch es gab einen »Plan Dalet«, um das zu verhindern. Die genannte Formulierung verschleiert, dass die Palästinenser vertrieben wurden, wer dafür verantwortlich war und wer warum die Rückkehr verhinderte. Viele der 531 palästinensischen Dörfer und Weiler, die von der Landkarte verschwunden sind, wurden nicht einmal neu besiedelt, sondern eingeebnet, »platt gemacht«. Dann wurde die Fläche aufgeforstet. Damit Israel rein jüdisch sein oder werden könne (eine Illusion – rund 20 Prozent der Inhaber israelischer Pässe sprechen heute arabisch), wurden deren Bewohner vertrieben bzw. wurde den Geflohenen die Rückkehr verwehrt. Was ist das sonst als ethnische Säuberung? Und die ist ein internationales Verbrechen. Das auch Deutschland verurteilen muss. Ohne Wenn und Aber. Erlittenes Unrecht, selbst extremstes Unrecht in der Vergangenheit, rechtfertigt kein verübtes Unrecht jetzt und heute! Ein »Leben unter Besatzung, Gewalt und Unterdrückung« rechtfertigt Widerstand – in welcher Form, müssen die Unterdrückten wohl selbst entscheiden dürfen! Der ANC entschied sich nach ergebnislosen Jahren des friedlichen Widerstandes gegen Südafrikas Rassisten für den bewaffneten Kampf. Dagegen ist die Bewegung »Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen« (BDS) noch sehr gemäßigt (…). Da aber Unternehmen, die in israelischen Siedlungen im Jordantal produzieren, als Herkunftsort einen Geschäftssitz im »Israel in den Grenzen von 1949 bis 67« angeben, kann sich die Bewegung BDS nicht auf die illegalen Siedlungen außerhalb desselben beschränken. Die Kennzeichnungspflicht für entsprechende Waren wird bewusst umgangen – was ja bereits seit Jahren die EU kritisiert, doch mit geringem Nachdruck und Erfolg. Die Bewegung BDS muss also wohl umfassend sein – wie gegenüber Südafrika unter den Rassisten!

Volker Wirth, per E-Mail

Mehr Stellungnahmen

Zu jW vom 24.6.: »Lockerungschampions des Tages: Coronaexperten«

(…) »Man hat lange nichts von Leopoldina gehört. Die hatte sich zu Beginn der Pandemie ein einziges Mal zu Wort gemeldet und schweigt seitdem«, schreiben Sie. Obwohl es sich um eine Glosse handelt, möchten wir gern auf Folgendes hinweisen: Die Leopoldina hat sich insgesamt fünfmal zur Coronaviruspandemie geäußert. Bereits am 13. Februar hat sie ein öffentliches Pressebriefing mit den Professoren Christian Drosten, Heyo Kroemer, Clemens Wendtner und Lothar Wieler durchgeführt, danach im Zeitraum vom 21. März bis zum 27. Mai insgesamt vier Stellungnahmen zur Coronaviruspandemie veröffentlicht. Die letzte Veröffentlichung zum Thema Energiewende mit Bezug zur Pandemie erschien vor wenigen Tagen. Um – auch für Ihre Leser – herauszufinden, wer die Leopoldina ist und wofür sie arbeitet, besuchen Sie doch unsere Website leopoldina.org oder folgen Sie uns bei Twitter. Gern nehmen wir Sie auch in den Presseverteiler auf.

Dr. Martin Laqua, Redakteur in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Leopoldina, Halle

Vorschlag für Die Linke

Zu jW vom 24.6.: »›Die linken Parteien in die richtige Richtung bringen‹«

Um so bald wie möglich aus der Coronakrise zu kommen, ist auf einer breit angekündigten Pressekonferenz mit möglichst vielen Parteiführenden und -delegierten der Partei Die Linke zu fordern: 1. Ein Verbot auf unbegrenzte Zeit aller Zwangsräumungen, und zwar mit Blick auf privat Wohnende (wenn ganz unvermeidlich, erst dann, wenn eine bezahlbare Ersatzwohnung zur Verfügung gestellt wird), aber auch bei Jugendklubs, Tanzklubs, Jugendzentren, Geschäften, die als Wohngebietstreffpunkte beliebt sind. Für solche Einrichtungen muss Die Linke bis in die höchsten Stellen kämpfen. Auch zur Not mit leiblichem Einsatz. 2. Die Bundeswehr muss sofort zurück aus Afghanistan, Westafrika, dem östlichen Mittelmeer und anderen Einsatzorten. Die ersparten Gelder sollen verwandt werden zur Verbesserung der Löhne, für schlecht bezahlte Kräfte im Gesundheitswesen, im Transportwesen, im Einzel- und Großhandel etc. 3. Möglichst schnelle Konversion der Waffenindustrie. Die Kapazitäten müssen für friedliche Zwecke wie den Ausbau von Infrastruktur oder die Bewältigung der Umweltkrise genutzt werden. 4. Die Deutsche Wohnen nicht in den Dax, sondern enteignen! – Um die Forderungen mit Nachdruck zu vertreten, bräuchte es einen Einsatz auf allen Ebenen, inner- und außerhalb der Legislaturen, möglichst mit Gewerkschaften, Gewerkschaftern und anderen Aktiven oder zu Aktivierenden. Es ist dringend!

Victor Grossman, per E-Mail

Große Beteiligung

Zu jW vom 25.6.: »Sieg über Faschismus gefeiert«

Die Berichterstattung der deutschen Medien, voran der zu Objektivität verpflichteten und dafür von den Steuerzahlern finanzierten Öffentlich-Rechtlichen, über die Parade in Moskau am vergangenen Mittwoch zum 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg war wie immer, wenn es um Russland geht, einfach beschämend. Einzige wohltuende Ausnahme: die jW (…). Ich hätte mir aber gewünscht, auch darüber informiert zu werden, dass neben den russischen Einheiten auch Paradeformationen aus China, Indien, der Mongolei, Serbien sowie den einstigen Sowjetrepubliken Belarus, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Moldawien, Aserbaidschan, Armenien, Kasachstan und Kirgistan aufmarschiert sind. Ich halte das für mehr als bemerkenswert.

Hellmut Kapfenberger, Panketal

Ethnische Säuberung ist ein internationales Verbrechen. Das auch Deutschland verurteilen muss. Erlittenes Unrecht rechtfertigt kein verübtes Unrecht jetzt und heute!