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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 12 / Thema
Chinas Anreize

Transparent angelegt

Die entscheidende Frage angesichts der digitalen Erfassung des Menschen ist, ob sie von Privatkonzernen oder von der Öffentlichkeit kontrolliert wird. Über das Social Credit System und sein Potential. Teil 2 und Schluss
Von Marc Püschel
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Die große Halle des modernisierten Bürgeramtes in Rongcheng ist für die Bürger vor Ort erste Anlaufstation für alle Fragen rund um den Social Credit. Hier erhalten sie Einsicht in die Regeln und ihren Punktestand

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass das chinesische Sozialkreditsystem (SCS) vorrangig als Instrument der Wirtschaftssteuerung eingesetzt wird. Wie wenig das SCS die meisten Menschen in ihrem Alltag betrifft, zeigt eine Studie der Sinologin Genia Kostka. Trotz landesweiter Werbung für das SCS wussten in Regionen, in denen ein SCS-Pilotprogramm der Regierung stattfindet, nur elf Prozent der Befragten, dass es bei ihnen ein solches überhaupt gibt (wohingegen 80 Prozent kommerzielle Programme wie Sesame Credit oder Tencent Credit nutzten). Die Zustimmungsraten zum SCS sind erstaunlich hoch. Rund 80 Prozent der anonym Befragten befürworteten das Prinzip des SCS, lediglich ein Prozent äußerte eindeutige Ablehnung. Interessanterweise steigen die Zustimmungsraten mit höherem Bildungsgrad und Einkommen und sind bei Stadtbewohnern größer als auf dem Land. Kostkas Fazit: »Die Studienergebnisse und Interviews zeigen, dass die Bürger das SCS nicht als ein Instrument zur Überwachung, sondern als ein Instrument zur Verbesserung des Lebens und zum Schließen in­stitutioneller und regulatorischer Lücken wahrnehmen, das zu mehr Ehrlichkeit und gesetzestreuem Verhalten in der Gesellschaft führt.«¹

Das Beispiel Rongcheng

Wie sieht aber die Umsetzung des SCS für die Menschen konkret aus? Zwar beruht das »Private SCS« prinzipiell auf demselben institutionellen Rahmenwerk wie das Corporate SCS und folgt derselben Logik, unterliegt aber ganz anderen Regularien. Als berühmtestes Beispiel für ein Pilotprojekt des SCS gilt die Stadt Rongcheng in der Ostküstenprovinz Shandong, wo die Durchführung schon weit fortgeschritten ist. Es ist jedoch noch offen, ob dieses Modell für ganz China relevant wird oder eine regionale Besonderheit bleibt.

Dort bekommen die Bürger tatsächlich einen Punktestand, der wiederum in die Kategorien D bis AAA eingeteilt wird. Der Anfangsstand jedes Bürgers liegt bei 1.000 Punkten, womit man bereits in der Kategorie A liegt. In die bestmögliche Kategorie kommt man ab 1.050 Punkten (AAA). In die schlechteste Kategorie D – die einzige, in der man auch bestraft wird – gelangt jemand bei unter 600 Punkten. Für welche Vergehen es Punktabzüge gibt, ist transparent auf dem Bürgeramt einzusehen, wo jeder seinen aktuellen Social-Credit-Stand erfragen kann. Bislang werden Punkte fast ausschließlich bei bereits per Gesetz oder Verordnung untersagten Handlungen abgezogen. Grundlage sind das Strafregister, Verkehrsdelikte, die Kredithistorie sowie Informationen der Finanzbehörde und der Sozialkassen. Wer etwa an Zebrastreifen sein Fahrzeug nicht anhält, erhält nicht nur die übliche geringe Geldbuße und Strafpunkte im Führerschein (vergleichbar dem Punktesystem in Flensburg), sondern auch fünf Punkte Abzug beim Sozialkredit. Eine Prügelei in der Öffentlichkeit gibt zehn Punkte Abzug, Müllentsorgung im Fluss fünf Punkte. Auch alle anderen Gesetzesvergehen werden mit Punktabzug bestraft, etwa Steuerhinterziehung, Kreditbetrug, Schwarzfahren, usw.² In den westlichen Medien wird oft behauptet, dass politisch unliebsames Verhalten bestraft wird, aber auch das gilt nur für ohnehin gesetzlich untersagte Vergehen, etwa in der Stadt Nanjing die Verherrlichung des japanischen Militarismus und die Abwertung chinesischer Kriegsopfer (vgl. Global Times, 1.1.2020).

Mitunter kommt es zu der durch kulturelle Unterschiede bedingten Fehlannahme, dass normales zwischenmenschliches Verhalten bestraft werde. In Shanghai etwa kann es zu einer Verschlechterung des Sozialkredits kommen, wenn man seine Eltern nicht besucht und diese Beschwerde einlegen. Allerdings ist dies auch gesetzlich festgeschrieben – ein Anzeichen für den starken Bedarf in China, die nachlassende »Kindliche Pietät« der konfuzianischen Gesellschaft zu kompensieren, in der Kinder in der Pflicht standen, für ihre Eltern zu sorgen (vgl. Caixin Global, 11.4.2016).

Pluspunkte kann hingegen gewinnen, wer sich um den Nachbarn oder pflegebedürftige Menschen kümmert, eine ehrenamtliche Tätigkeit ausübt oder Spenden für wohltätige Zwecke sammelt. Auch Auszeichnungen im Beruf oder durch den Staat schlagen sich im SCS nieder. Betrug und willkürliche Punktevergabe werden verhindert, indem offizielle Dokumente die eigenen Handlungen bestätigen müssen, vieles läuft auf dieser Ebene des SCS noch analog. Aufgrund der individuell notwendigen Überprüfung ist ein riesiges Big-Data-System, das automatisch das Verhalten der Bürger beurteilt, entgegen westlicher Panikmache überhaupt nicht realistisch. In Nachbarschaften und Stadtgebieten gibt es zudem jeweils eigene Variationen der Regeln, wofür es Pluspunkte gibt – ein einheitliches System existiert auch innerhalb der Pilotprojektstädte nicht.³

90 Prozent der Bevölkerung in Rongcheng befinden sich noch in der Startkategorie A – ein Hinweis darauf, dass es keine großen Schwankungen oder Nachteile gibt. Dennoch hat sich laut Aussagen vieler Bürger das soziale Zusammenleben deutlich verbessert. Exemplarisch meint der lokale Unternehmer Chen: »Ich habe das Gefühl, dass das Verhalten der Leute in den vergangenen sechs Monaten besser und besser geworden ist. Zum Beispiel beim Autofahren halten wir vor Zebrastreifen jetzt immer an. Wenn wir nicht anhalten, verlieren wir Punkte. Zuerst waren wir nur besorgt darüber, Punkte zu verlieren, aber mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt.« (Zit. nach Foreign Policy, 3.4.2018)

Verstärkt werden soll die Verhaltensänderung durch die im ersten Teil erwähnten Black- und Redlists. In Rongcheng handelt es sich dabei vor allem um Aushänge in Bibliotheken, Seniorenresidenzen, städtischen Behörden und an anderen öffentlichen Plätzen. In der Tradition des sozialistischen Wettbewerbs gib es für Bürger mit besonders hohem Sozialkreditstand auch Auszeichnungen, die diese sich oft stolz an die Haustüre hängen. Dabei findet zwar eine Art positiver Wettbewerb um soziales Engagement statt, ohne dass jedoch eine nachteilige Konkurrenzsituation entsteht, denn gemessen wird jeder nicht in Relation zu den anderen, sondern anhand den für alle gleichen Bewertungskriterien und SCS-Punkte. Gleichsam hat es auch keine negativen Folgen, wenn man sich nicht sozial engagiert, denn Abzüge gibt es wie gesagt nur bei Gesetzesverstößen.

Die Einhaltung der Regeln im öffentlichen Raum wird dabei in der Tat stärker als früher mit Videokameras überwacht, bevorzugt mit Kameras von Hikvision, dem Weltmarktführer in Sachen digitaler Überwachung und Gesichtserkennung. Aber diese Überwachung hat zum einen aufgrund technischer Möglichkeiten bezüglich der eindeutigen Erkennbarkeit von Vergehen enge Grenzen, zum anderen werden dadurch mehr und mehr Streifenpolizisten ersetzt, so dass die eine Form von Kontrolle des öffentlichen Raumes nur durch eine andere ersetzt wird. Die Behauptung, damit würde ein »Orwellsches System« etabliert, wie sie etwa der US-Vizepräsident Michael Pence verbreitet, sind an den Haaren herbeigezogen, zumal die Anreize bei normalen Bürgern, ihr Verhalten zu ändern, gering bleiben und auch die Punktabzüge im Vergleich zu den Strafen im Rahmen der Gesetze eher unbedeutend sind. Auf diese Weise suchen die Pilotprojekte nach dem Mittelweg, das SCS zur sozialistischen Erziehung einzusetzen, ohne aber das Verhalten der Menschen zu stark zu beeinflussen.

Die Anreize

Wer in Rongcheng in der höchsten Kategorie AAA eingestuft ist, erhält Belohnungen wie zinsfreie Kredite, geringe Zuschüsse zu staatlichen Leistungen, kostenlose Gesundheitschecks und Förderkurse. Ab der Startkategorie A wird man mit bevorzugter Behandlung bei Schulanmeldungen, bei in Aussicht stehenden Beförderungen und Bewerbungen im Staatsdienst belohnt, wobei diese Bevorzugung dadurch relativiert wird, dass sich fast alle Bürger in dieser Kategorie befinden. Kategorie B hat kaum Auswirkungen außer, dass man Informationen darüber erhält, wie man sich verbessern kann. Erst ab Kategorie C (niedriger als 850 Punkte) gibt es Einschränkungen, ab Kategorie D (unter 600 Punkten) landet man auf einer Blacklist und ist dann nur noch begrenzt kreditfähig, erhält kein öffentliches Amt mehr oder wird von staatlichen Wirtschaftsaufträgen ausgeschlossen. Ein genauer Blick auf die Bestrafungen zeigt erneut, dass sich das SCS vorrangig an Akteure in der freien Wirtschaft und der staatlichen Sphäre richtet und nicht an normale Bürger. China-Experte Jeremy Daum dazu: »Obwohl die Strafen unterschiedlich streng sind, scheinen sie sich selten an die breite Öffentlichkeit zu richten. Die meisten Menschen bieten nicht für Regierungsaufträge, suchen nicht nach Positionen im öffentlichen Dienst oder erwarten, dass sie z. B. staatliche Auszeichnungen erhalten. (…) Die meisten der schwerwiegenderen Strafen scheinen sich hier gegen Unternehmer und Unternehmen zu richten, indem sie von kommerziellen Möglichkeiten und finanzieller Unterstützung abgeschnitten werden.«⁴

Anders konzipiert sind dagegen die Kreditsysteme privater Konzerne. Am berühmtesten ist hier das im Januar 2015 eingeführte Bonussystem »Sesame Credit« der Alibaba-Tochtergesellschaft Ant Financial. Dabei werden Kundendaten aus allen Alibaba-Diensten zusammengefasst, und darauf aufbauend ein Punktestand ermittelt. Hier fließen auch Faktoren zum Sozialverhalten ein, die nichts mit gesetzlichen Regulierungen zu tun haben – in erster Linie das Konsumverhalten und das Verhalten in den sogenannten sozialen Medien. So erklärte etwa Li Yingyun, Leiter der Technologieabteilung bei Sesame Credit, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Caixin, dass etwa der Kauf von Windeln belohnt werde, da es sich offenbar um verantwortungsbewusste Eltern handele, während etwa der Kauf von zuviel Alkohol oder das exzessive Spielen von Onlinecomputerspielen zur Reduzierung seines »Scores« führt (Vgl. Caixin Global, 2.3.2015). Solche Bewertungssysteme finden aber erstens ohne staatliche Beteiligung statt, zweitens ist die Teilnahme an dem Programm freiwillig.

Laut dem Manager von Sesame Credit, Hu Tao, werden außerdem ohne die Einwilligung der Nutzer keinerlei Daten mit der chinesischen Regierung geteilt. Relevant ist zudem, dass es bei Sesame Credit zwar Belohnungen wie etwa Vergünstigungen beim Onlineshopping oder bessere Kreditbedingungen, aber keine Bestrafungen gibt. Im sozialen Leben Chinas wird allerdings der Punktestand bei Sesame Credit oftmals als Statussymbol gesehen. Berühmt-berüchtigt ist das Beispiel der Dating-Website Baihe geworden, wo Nutzer freiwillig den eigenen Sesame-Credit-Score einblenden können.

Überwachung und Scoring im Westen

Dem an doppelten Standards reichen Westen in Sachen SCS Heuchelei nachzuweisen, fällt nicht schwer. Nicht nur sind auch in Deutschland erstaunlich viele Kommentatoren schnell bereit, mehr Überwachung zuzulassen, wenn es um das eigene Rechtssystem geht, auch sind beispielsweise immer noch die USA in Sachen Videokameras im öffentlichen Raum pro Bürger weltweit führend. Im Durchschnitt kommt dort auf 4,1 Menschen eine Kamera, in China beträgt der Wert bislang 4,6 (vgl. Telepolis, 9.12.2019). Doch dies sind nicht nur deswegen schlechte Argumente, weil China auf absehbare Zeit Weltmarktführer in Sachen Überwachungstechnik, Gesichtserkennung und »Smart Policing« sein wird. Das chinesische Modell des Scorings ist dem Westen auch prinzipiell überlegen – gerade in Fragen der Grundrechte. Manche Forscher sprechen mittlerweile davon, dass sich auch in den USA ein von privaten Firmen dominiertes Scoring-System etabliert.⁵

Grundsätzlich ist Scoring als das Sammeln und Auswerten von Datenmengen zur Bewertung und Vorhersage des Verhaltens von Personen allgegenwärtig. Ein Beispiel ist die Schufa, ein privates Unternehmen mit Monopolstellung, das mit undurchsichtigen Algorithmen die Kreditwürdigkeit von Personen und Unternehmen prüft. Nicht minder relevant sind Versicherungen, die hinter unserem Rücken Algorithmen entwickeln, um automatisch unseren Versicherungsstatus zu bestimmen. Längst werden dabei auch private Daten u. a. aus den »sozialen Netzwerken« abgegriffen. Laut Experten verringert »die Undurchsichtigkeit des Bewertungsverfahrens die Macht der zu bewertenden Personen. (…) Es ist kein Zufall, dass für die meisten der hier zitierten Beispiele die Regeln der Punktevergabe nicht veröffentlicht werden. Dies ist ein Merkmal des Bürger-Scoring in der Europäischen Union.«⁶

Allgemein unterliegt unser Verhalten auch im privaten Bereich, etwa beim Konsum, immer stärkerer Kontrolle durch Bewertungen. Auf allen möglichen Plattformen wie Ebay, Uber, Airbnb oder Amazon findet mittlerweile ein wechselseitiges Rating statt. Wegen der Dezentralität dieser Bewertungen scheint das für die Bürger weniger spürbare Auswirkungen auf ihr Leben zu haben, sie beeinflussen die Menschen aber gleichsam hinter deren Rücken, und zwar nachhaltig und ohne die Möglichkeit zur Mitsprache oder öffentlichen Kontrolle. Das Profitinteresse der Konzerne steht hier über allem.

Auch die digitale Überwachung inklusive Gesichtserkennung läuft im Westen größtenteils schon – organisiert von privaten Firmen und ohne jegliche öffentliche Mitsprache. Ein frappierendes Beispiel ist die jüngste Aufdeckung der Machenschaften des US-amerikanischen Unternehmens Clearview, das eine Datenbank mit rund drei Milliarden Fotos menschlicher Gesichter angesammelt hat, indem automatisiert alle öffentlichen »sozialen Netzwerke« durchsucht und die Fotos der Nutzer abgespeichert wurden. Mit dieser Datenbank und der Gesichtserkennungssoftware »Clearview AI« können gesuchte Personen innerhalb kürzester Zeit identifiziert werden. In den USA bezahlen mittlerweile mehr als 600 Behörden, darunter das FBI und die Polizei, das Unternehmen, um Verdächtige ausfindig zu machen. Auch private Unternehmen gehören zu Clearviews Kunden – ohne dass klar wird, wofür genau sie zahlen. Die Firma selbst versucht, sich unangreifbar zu machen: In ihren Geschäftsunterlagen und auf der Website befanden sich falsche Anschriften (Vgl. Süddeutsche Zeitung, 20.1.2020)

Beijings Transparenz

Im Gegensatz dazu besticht das chinesische Modell geradezu durch seine Transparenz und die regelmäßige Erprobung der besten Verfahren. Die eingesetzten Pilotprogramme werden alle der öffentlichen Kritik ausgesetzt und wieder eingestampft, wenn sie nicht funktionieren oder auf Kritik seitens der Bürger stoßen. Weitgehend unbekannt ist etwa, dass bereits 2010 ein erstes Sozialkreditexperiment im Kreis Suining in der Provinz Jiangsu existierte. Dort flossen tatsächlich auch soziale Verhaltensweise wie etwa bestimmte Familientugenden in den Sozialkredit ein. In der Organisation den späteren SCS-Projekten ansonsten relativ ähnlich, stach das Projekt außerdem durch härtere Strafen heraus. Die Regeln des Suining-Projekts wurden allerdings von Bürgern und staatlichen Medien scharf kritisiert: Die gesammelten Daten seien irreführend und das Rating habe sich mehr gegen Bürger als gegen die politischen Kader und Beamte gerichtet. Für Unruhe sorgte zudem der Umstand, dass das Einreichen von Beschwerden bei Behörden zu niedrigeren Sozialkreditwerten führte. Der eigene Punkterang war für die Bürger außerdem nicht einsehbar. Daraufhin wurde von diesem SCS-Projekt Abstand genommen, und die späteren Projekte wurden auf Transparenz und das reine Bestrafen von Vergehen gegen Gesetze verpflichtet.⁷ Der zweite Vorsitzende der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, Lian Weiliang, sagte im Rückblick, dass es »in der Vergangenheit in einigen Regionen einige unangemessene Strafmaßnahmen für Unehrlichkeit gab, die bereits geregelt und korrigiert wurden.« (South China Morning Post, 19.7.2019) Die mittlerweile auch bei den anderen SCS-Projekten durchgeführten Korrekturen betreffen etwa die Aufhebung von Reisebeschränkungen in wichtigen Fällen (z. B. Tod eines Verwandten) oder die Gewährung von Aufschüben beim Vollzug von Gerichtsurteilen.

Da die Kommunistische Partei aus solchen Experimenten lernt und bereit ist, das SCS den Bedürfnissen der Menschen anzupassen, ist es unwahrscheinlich, dass das entwickelte SCS über das Modell von beispielsweise Rongcheng hinausgeht. Entgegen antikommunistischer Propaganda herrscht zudem in China eine rege und ergebnisoffene öffentliche Debatte über die Gestaltung des SCS. So wurde beispielsweise in der Rechtszeitschrift Legal Daily die bisher zu weit gefasste Definition von Unehrlichkeit und Kredit deutlich kritisiert (10.12.2019). In anderen Medien wird noch darüber gestritten, welche Handlungen in den Sozialkredit einfließen sollen. Anhand konkreter Beispiele wie etwa der Frage, ob Blutspenden mit Punkten belohnt werden sollen, geht es dann schnell in allgemeine Diskussionen über, inwiefern überhaupt soziales Verhalten durch das SCS beeinflusst werden sollte (vgl. China Daily, 22.11.2019).

Debatten dieser Art gibt es zuhauf, und sie werden von der Staatsführung berücksichtigt. So griff der Sprecher der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, Meng Wei, Mitte des vergangenen Jahres die Kritik auf, dass es bei den Pilotprojekten eine »Tendenz der exzessiven Anwendung kreditbezogener Bestrafungsmaßnahmen in sozialen Fragen« gegeben habe. Viele Regionen und Provinzen hätten illegalerweise Verhaltensweisen in das SCS miteinbezogen, die nicht angemessen seien für die Bestrafungsmechanismen des Kreditsystems. Das SCS solle sich aber stets an die Gesetze und Regulierungen halten, so Meng (vgl. China Daily, 20.8.2019).

Gleichzeitig macht China bedeutende Fortschritte im Kampf gegen Datenmissbrauch – ein angesichts der Masse der abgespeicherten Informationen sehr dringliches Problem – und in Sachen Schutz der Privatsphäre. In den vergangenen Jahren wurde das Strafrecht dahingehend ausgebaut, den illegalen Handel mit persönlichen Daten zu sanktionieren, was anders als im Westen auch bis hin zur Festnahme von Firmenmitarbeitern führt. Zudem beinhaltet die am 28. Mai 2020 vom Nationalen Volkskongress verabschiedete Kodifikation des Zivilrechts, das als erstes nationales Zivilrechtsgesetzbuch einen Meilenstein in der rechtlichen Entwicklung des Landes darstellt, Kapitel über Persönlichkeitsrechte, die ausdrücklich festhalten, dass auch das Recht auf Privatsphäre geschützt werden müsse.

Spezifisch innerhalb der SCS-Pilotprojekte, etwa in Hubei, Shanghai und Hangzhou, wurden zudem Sicherheits- und Datenschutznormen integriert, um jeglichen Missbrauch der gesammelten Daten zu verhindern. Die Gesetzgebung zu Shanghais SCS von 2017 beispielsweise beinhaltet auch Regelungen zum »Recht auf Vergessen« (d. h. Löschen privater Daten), zum Recht auf Wiederherstellung der Kreditfähigkeit sowie Grundsätzen dazu, welche Verwaltungsbehörden auf die Sozialkreditinformationen der Bürger zugreifen dürfen.

Ein Ausblick

Unleugbar gibt es natürlich noch Probleme: Die technische Umsetzung der Zusammenführung und Vereinheitlichung der Daten ist noch lange nicht abgeschlossen, die endgültige Form der institutionellen Struktur des SCS daher auch nicht vollends absehbar. Während das Corporate SCS weitgehend steht, bleibt unklar, wie umfangreich das private SCS werden wird. Höchstwahrscheinlich wird es sich nur geringfügig auf das Leben der Menschen auswirken. Dennoch bleiben auch hier Fragen: Wie lässt sich bestimmtes Verhalten quantifiziert in Punkten erfassen? Wie verhält sich die weiter bestehende Bestrafung nach dem Gesetz gegenüber dem SCS-Punktestand?

Einen einheitlichen Score, unter den alle Handlungen eines Menschen subsumiert werden, wird es nicht geben – allein schon, weil dies nicht dem Sinn und Zweck des SCS entspricht. Sollten die zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in nennenswertem Maße in das SCS miteinbezogen werden, so würde ein einheitlicher Score gerade verdecken, ob jemand seinen finanziellen Zahlungspflichten nachkommt, solange er sich sozial engagiert. Der eigentliche Zweck der Feststellung der Kreditwürdigkeit würde dadurch verhindert.

Im Gegenzug: Sollte der private SCS sich langfristig als Alternative zum bestehenden Gesetzesvollzug bewähren, so könnte letzterer überflüssig werden. Dies würde nicht nur zu bedeutenden Einsparungen führen, sondern auch die Möglichkeit des allmählichen Absterbens des Exekutivapparats vorbereiten. Schlussendlich könnte das SCS paradoxerweise den Menschen wesentlich mehr Freiheit lassen als es in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft je möglich ist – denn den Menschen eröffnet sich durch das SCS die Wahlfreiheit, an welchen Stellen und durch welches Engagement sie der Gesellschaft nutzen und worin sie, solange ihr Gesamtverhalten nicht schädlich ist, auch ihren Eigeninteressen folgen können.

Anmerkungen

1 Vgl. Genia Kostka: China’s social credit systems and public opinion: Explaining high levels of approval. Berlin 2019

2 Vgl. René Raphaël und Ling Xi: Der dressierte Mensch. In: Le Monde diplomatique, 10.1.2019

3 Vgl. Simina Mistreanu: Life inside China’s Social Credit Laboratory. In: Foreign Policy, 3.4.2018

4 Jeremy Daum: Getting Rongcheng Right, 29.3.2019

5. Vgl. Mike Elgan: Uh-Oh: Silicon Valley is building a Chinese-style social credit system. In: Fast Company, 26.8.2019

6 Sarah Sommer und Gert G. Wagner auf der Konferenz »Superscoring« am 11.10.2019 in Köln

7 Vgl. Marianne von Blomberg: The Social Credit System and China’s Rule of Law. In: Mapping China Journal, Nr. 2, 2018

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Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (29. Juni 2020 um 09:02 Uhr)
    Ein solches System kann einen »Mainstream« definieren, aber nicht das Leben mit allen Facetten abdecken. Natürlich sind privatwirtschaftliche Systeme dieser Art weitaus gefährlicher und unberechenbarer, aber ein »schematisierter Sozialismus« kann niemals gewachsenes klassenbewusstes Denken und Handeln ersetzen.
  • Beitrag von Rolf R. aus O. (30. Juni 2020 um 12:51 Uhr)
    Ein sehr guter Artikel. Das beste, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Dieses spannende Thema unbedingt weiter verfolgen, da das SCS, wie auch im Artikel beschrieben, ein weiterer wichtiger Baustein in der erfolgreichen Weiterentwicklung des Sozialismus sein kann. Überhaupt finde ich die Entwicklung, die die VRCh macht, sehr interessant, spannend und wegweisend für alle, die sich für eine sozialistische Gesellschaft einsetzen. Also, weiter so.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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