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Aus: Ausgabe vom 27.06.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein Merkel-Versteher

Von Arnold Schölzel
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Ein Titel wie »Zorn und Schmerz« weckt Erwartungen auf große Epik. Am Mittwoch war er auf Seite drei der FAZ über einem Artikel von Markus Wehner, Korrespondent der Zeitung in Berlin, zu lesen. Die Unterzeile fasste zusammen: »Die Kanzlerin fühlt sich Russland nahe. Aber Angela Merkel sieht auch klar, dass Putin Deutschland schwächen und die Europäische Union spalten will – mit allen Mitteln. Kürzlich hat sie das im Bundestag überraschend deutlich gemacht. Was kann sie dagegen tun?«

Die Frage klingt besorgt. Schafft sie genügend Waffen gegen Moskau an? Die Ostdeutsche hat schließlich ein Handicap, nämlich laut Wehner »ein persönliches emotionales Verhältnis zu Russland«. Weil sie Tolstoi und Dostojewski möge, neulich einen Roman über Schostakowitsch gelesen habe, die Verbrechen der Deutschen 1941 bis 1945 in der Sowjetunion kenne und: »Sie hätte auch in diesem Jahr in Moskau des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht, wenn nicht die Coronapandemie dazwischengekommen wäre.«

Ist das so? Warum tat sie’s nicht? Vielleicht aus Gewohnheit. Schon beim letzten großen Gedenktag vor fünf Jahren kam etwas »dazwischen«: die sogenannte russische Annexion der Krim. Weswegen Angela Merkel nicht am 9., sondern am 10. Mai 2015 nach Moskau flog. Und stets auf den EU-Sanktionen beharrt. Ihre Regierung ließ zum 70. und 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 2011 und 2016 nichts Offizielles verlauten. Vielleicht doch politisch bedingte emotionale Kälte? Am 8. Mai 2020 gab es ein offizielles Gedenken in Berlin, aber keine Silbe zur Roten Armee. Wehner schreibt von der »Hassliebe« der Kanzlerin zu Russland.

Er benötigt die Herzblattgeschichte, um das Merkel-Verstehen zu etablieren: Diese Frau schickt nicht einfach so deutsche Soldaten an die russische Grenze, sondern es handelt sich um Tragik, um enttäuschte Zuneigung. Deutsche Regierungschefs nach Bismarck bereiten keinen Krieg gegen Russland vor ohne höhere Gefühle, auch sie nicht. Merkel erklärte daher am 13. Mai im Bundestag: »Ich darf sehr ehrlich sagen: Mich schmerzt es.« Weil vor fünf Jahren auch ihre E-Mail-Konten gehackt worden seien und der Generalbundesanwalt nun »sehr ordentlich recherchiert« habe: Ein Russe war’s. Das sei, so die Kanzlerin, nur eine »Facette« unter vielen, denn Russland betreibe eine »Strategie der hybriden Kriegführung«. Sie nannte das »ungeheuerlich«, es werde weitere Maßnahmen gegen Moskau geben.

Welch Wende. Oder doch nicht. Wehner erläutert, reingefallen sei Angela Merkel nie auf Putin, etwa auf den »demokratischen Schein«, mit dem der sich »in den ersten Jahren seiner Amtszeit« umgeben habe. Aus Pflichtbewusstsein habe sie immer wieder mit ihm gesprochen. Aber: »Als Dank dafür betreibt Russland eine Spionage, die jedes durchschnittliche Maß übertrifft.« Da gebe es ein Russland, das »Einwanderungskrisen verstärkt, indem es Zehntausende tschetschenischer Flüchtlinge nach Deutschland reisen lässt«. Die Deutschen waren und sind Opfer der Russen, sagte die FAZ schon immer, endlich begreift es auch die Ostdeutsche. Die FAZ honoriert das mit Versöhnlichkeit.

Trotz Putins Ungeheuerlichkeiten, versichert Wehner, werde es aber keine »neue Politik gegenüber Moskau« geben. Wäre auch sehr merkwürdig, denn die bisherige sieht so aus: Am 18. Juni beschloss die Nukleare Planungsgruppe der NATO, Russland früher als bisher geplant mit Atomwaffen zu drohen. So formulierte es die FAZ und schrieb von landgestützten Mittelstreckenraketen, die entgegen allen Ankündigungen aufgestellt werden sollen. In 15 Jahren Kanzlerschaft hat Angela Merkel maßgeblich mit dafür gesorgt, die Beziehungen zu Russland aufs Niveau der 60er Jahre zu senken. Nun kommt auch noch Emotion dazu.

Die Deutschen waren und sind Opfer der Russen, sagte die FAZ schon immer, endlich begreift es auch die Ostdeutsche. Die FAZ honoriert das mit Versöhnlichkeit.

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