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Aus: Ausgabe vom 27.06.2020, Seite 15 / Geschichte
Antikolonialismus in Afrika

Zu Europas Takt tanzen

Im Laufe des »Afrikanischen Jahres« 1960 feierten 17 Länder ihre Unabhängigkeit. An den ökonomischen Machtverhältnissen änderte sich wenig
Von Christian Selz
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1960 erhielt der antikoloniale Kampf durch zahlreiche Proteste neuen Auftrieb, wie hier in Kongos Hauptstadt Léopoldville (heute Kinshasa)

Der »Wind of Change« wehe über Afrika, konstatierte der britische Premierminister Harold Macmillan am 3. Februar 1960 in Kapstadt, Südafrika. Mit diesem Wind sah er die Zeit für die Unabhängigkeit der Nationen des Kontinents gekommen. »Ob wir es mögen oder nicht, dieses Wachstum nationalen Bewusstseins ist ein politischer Fakt«, erklärte der Konservative. Seine Zuhörer, soviel darf als gesichert gelten, hegten keine Freude ob dieser Prophezeiungen: Macmillan hielt seine Rede vor dem südafrikanischen Parlament, auf dessen Bänken ausnahmslos Weiße saßen, die ausschließlich von Weißen gewählt worden waren. Gut einen Monat später ließ die aus genau diesem Parlament hervorgegangene Regierung in der Township Sharpeville mit scharfer Munition auf unbewaffnete schwarze Demonstranten schießen. 69 Menschen starben.

In vielen anderen Ländern des Kontinents wurde 1960 dennoch zum sogenannten Afrikanischen Jahr. Insgesamt 17 afrikanische Länder feierten innerhalb von zwölf Monaten ihre Unabhängigkeit. Mit wie aus dem Nichts auftretendem »Wind« oder plötzlichem »Erwachen« nationalen Bewusstseins, wie Macmillan es in Kapstadt zu begründen versucht hatte, hatten diese Ereignisse allerdings weit weniger zu tun als mit dem Kalkül der alten Kolonialmächte.

Zwei wichtige Faktoren sorgten in London, Paris und beim mächtigen NATO-Partner in Washington für Beunruhigung: Zum einen waren die antikolonialen Bewegungen in vielen afrikanischen Ländern seit den 1950er Jahren wesentlich stärker geworden. Auch ihre Stoßrichtung hatte sich geändert: Ging es der Vätergeneration im wesentlichen noch um einen Platz am Tisch der weißen, kolonialen Obrigkeit, so strebte die junge Unabhängigkeitsbewegung die Souveränität an. Hinzu kam der gewachsene Einfluss kommunistischer Staaten auf die Weltpolitik. »Wie ich es sehe, ist die große Frage der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ob die unentschiedenen Völker Asiens und Afrikas zum Osten oder zum Westen tendieren«, erklärte Macmillan in seiner Kapstädter Rede offen. Die Entlassung ehemaliger Kolonien in die Unabhängigkeit – oder in den Worten des britischen Premiers: »das großartige Experiment des Selbstregierens« – war freilich weniger das von ihm erklärte Werben für »Freiheit und Ordnung und Gerechtigkeit«, sondern vielmehr ein geschicktes Sichern von Einfluss.

Indem sie den Übergangsprozess in die formale Selbständigkeit der vorherigen Kolonien weitgehend bestimmten, nahmen die europäischen Mächte nicht nur den oft sozialistisch geprägten Befreiungsbewegungen entscheidend den Wind aus den Segeln, sondern sie konnten den Aufbau der neuen Eliten und den Erhalt der ausbeuterischen Wirtschaftsordnung maßgeblich mitgestalten. Da die Bindung an die alten Kolonialmächte für die neuen lokalen Eliten lukrativ blieb, hatten diese selbst ein Interesse da­ran, den Status quo nicht anzurühren. Wo dieses Modell misslang und neue Regierungen nach echter Souveränität strebten, schlugen die Geheimdienste der Westmächte zu. Patrice Lumumba, den Premierminister der in der Folge bis heute von Milizen und Rohstoffkonzernen geplünderten Demokratischen Republik Kongo, traf es bereits im Januar 1961, nur 17 Tage nach dem Ende des Afrikanischen Jahres. Die Ermordung Thomas Sankaras 1987 in Burkina Faso zeigte, dass dieses Muster auch fast drei Jahrzehnte später noch Bestand hatte. In etlichen ehemaligen Kolonien sorgt das französische Militär bis zum heutigen Tag nach Pariser Vorstellung für »Ordnung«, inzwischen oft mit Unterstützung der EU-Hausmacht Deutschland.

Die militärische Vormachtstellung sichert das Fortbestehen der ökonomischen Verhältnisse. In 14 west- und zentralafrikanischen Ländern wird bis heute mit einer der beiden Varianten des CFA-Francs (Coopération Financière en Afrique) bezahlt, den Frankreich bereits 1945 eingeführt und fest an den Kurs des Francs gekoppelt hatte. Was Paris nach dem Krieg zunächst dazu diente, mittels entsprechender Abwertung der eigenen Währung die Exporte in die Kolonien anzukurbeln und auf Kosten der dortigen Wirtschaft die eigene wiederzubeleben, wurde mehr und mehr zu einem finanziellen Machtinstrument. In letzter Instanz entscheidet nach wie vor die französische Zentralbank über die Geldpolitik der CFA-Länder, was deren wirtschaftspolitischen Spielraum extrem einschränkt. Bestrebungen afrikanischer Regierungen, aus dem CFA auszusteigen oder ihn entscheidend zu reformieren, hat Frankreich bisher weitestgehend zurückgeschlagen. Eine 2019 angekündigte Reform des westafrikanischen CFA, der in näherer Zukunft in »Eco« umbenannt werden soll, konnte Paris zwar nicht verhindern, zumindest aber in seinem Sinne abschwächen. Eine bahnbrechende Errungenschaft dieser Initiative ist allerdings, dass die Mitgliedsländer des Eco-Blocks künftig nicht mehr gezwungen sein werden, die Hälfte ihrer Devisenreserven in der französischen Zentralbank einzulagern.

Von wirklicher Selbstbestimmung bleiben die meisten Länder Afrikas allerdings auch 60 Jahre nach dem Afrikanischen Jahr weit entfernt. Die kamerunisch-US-amerikanische Schriftstellerin Imbolo Mbue warf in einem Beitrag in der New York Times am 7. Februar dieses Jahres entsprechend die Frage auf: »Aber von wem sind wir unabhängig?« Ihre Zeilen fassen eine weitverbreitete Ernüchterung zusammen. »Welchen Nutzen hat Unabhängigkeit im Zeitalter des Neokolonialismus?« fragt Mbue und gibt die Antwort selbst. »Europa spielt noch immer die Flötentöne, nach denen unsere Regierung tanzt. Wir schulden der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds Milliarden.«

Auch die Jagd nach Rohstoffen ist ein Kontinuum europäischen Einflusses geblieben. In Südafrika, dessen damalige Rassistenregierung schon Macmillan für ihren »immensen materiellen Fortschritt« lobte, änderte sich daran selbst nach den gewaltsam erzwungenen Verhandlungen zum Ende der Apartheid wenig. Die Gold- und Platingruben blieben größtenteils in Händen westlicher Konzerne. Staatspräsident ist heute mit Cyril Ramaphosa ein Mann, der noch vor acht Jahren Aufsichtsrat beim damals an der Londoner Börse notierten Bergbauriesen Lonmin war. Während eines Streiks im August 2012 rief er die Polizei zum »entschiedenen Durchgreifen« gegen »kriminelle Elemente« auf. 34 Kumpel starben tags darauf im Kugelhagel. Als Staatschef setzt er nun in erster Linie auf Investitionen ausländischer Konzerne. Macmillan wäre stolz auf ihn.

»Der Wind des Wandels«: Auszug aus der Rede des britischen Premiers Harold Macmillan vom 3. Februar 1960 vor dem Parlament in Kapstadt

Der Wind des Wandels weht durch diesen Kontinent, und ob wir es mögen oder nicht, dieses Wachstum nationalen Bewusstseins ist ein politischer Fakt. Wir müssen es alle als Fakt akzeptieren, und unsere nationale Politik muss es berücksichtigen. Sie verstehen das wohl besser als jeder andere, sie stammen aus Europa, der Heimat des Nationalismus, hier in Afrika haben Sie selbst eine freie Nation geschaffen. (…)

Die Welt ist heute in drei Hauptgruppen geteilt. Zuerst gibt es, was wir die westlichen Mächte nennen. Sie in Südafrika und wir in Großbritannien gehören zu dieser Gruppe, zusammen mit unseren Freunden und Verbündeten in anderen Teilen des Commonwealth. In den USA und in Europa nennen wir es die Freie Welt. Zweitens gibt es die Kommunisten – Russland und seine Satelliten in Europa sowie China (…). Drittens gibt es die Teile der Welt, deren Völker zur Zeit weder an den Kommunismus noch an unsere westlichen Werte gebunden sind. In diesem Kontext denken wir zuerst an Asien und dann an Afrika. Wie ich es sehe, ist die große Frage der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ob die unentschiedenen Völker Asiens und Afrikas zum Osten oder zum Westen tendieren. Werden sie ins kommunistische Lager gezogen? Oder werden die großartigen Experimente des Selbstregierens, die jetzt in Asien und Afrika unternommen werden, insbesondere innerhalb des Commonwealth, sich als so erfolgreich erweisen und durch ihre Beispielwirkung so überzeugend sein, dass das Pendel zugunsten von Freiheit und Ordnung und Gerechtigkeit ausschlägt. (…)

Übersetzung: Christian Selz

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann, Shenzhen: Nicht sozialdemokratisch Ich stimme dem Artikel weitgehend zu. Weitgehend heißt aber auch, dass ich dem Urteil über Cyril Ramaphosa nicht zustimme. Ramaphosa ist, obwohl der ANC Mitglied in diversen internationalen sozialdemo...

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