Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 27.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Eskapismus für Feministinnen

Auf »Ladies of Too Slow to Disco 2« werden Meisterinnen des gediegenen Schiebers gewürdigt.
Von Christina Mohr
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Bei »Ladies of Too Slow to Disco 2« sind Frauen nicht mehr nur Plattencoverdeko, sondern auch Inhalt

Toll sind wieder die Geschichten hinter den Songs und die Biographien der Künstlerinnen: Holly Near zum Beispiel stand für US-amerikanische TV-Shows wie »The Mod Squad« und »The Partridge Family« vor der Kamera, trat im Musical »Hair« auf, gründete feministische Plattenlabels, nahm Protestsongs auf und outete sich zu einer Zeit als lesbisch, als das längst noch nicht selbstverständlich war. Oder Franne Golde: Sie schrieb Hits wie »Nightshift« für die Commodores, gewann mehrere Grammys und produziert heute Damenmode (»The Perfect Black Pant«).

Worum geht es überhaupt? Um die Compilation-Reihe »Too Slow to Disco« (TSTD), ins Leben gerufen von Marcus Liesenfeld (DJ Supermarkt), um den seiner Ansicht nach zu Unrecht als seicht und eskapistisch verspotteten US-Westcoast-Sound oder Yachtrock zu rehabilitieren. Liesenfelds Rechnung ging voll auf: Mit seinen TSTD-Clubnächten bespielt er die halbe Welt (vor Corona, klar), unlängst erschienen Yachtrock-Variationen aus Frankreich und Brasilien – und aktuell die zweite Edition der »Ladies of Too Slow to Disco«: Yachtrock war vor allem zu Beginn überwiegend männlich geprägt, man denke an Bands wie die Doobie Brothers und Steely Dan, aber auch an die ungezählten Studiomusiker, die für den makellos-geschmeidigen Sound sorgten. Frauen traten als Plattencoverdeko in Erscheinung und sangen allenfalls im Backgroundchor, erfolgreiche Yachtrock-Künstlerinnen wie Carly Simon oder Rickie Lee Jones blieben Ausnahmen. Liesenfelds Plattenkistenwühlinstinkt wird natürlich durch solch vermeintlich aussichtsarme Aufgaben getriggert: Schon auf der ersten »Ladies«-Ausgabe fanden sich Perlen von Lauren Wood oder Maria Muldaur, die dank der Compilation späte Würdigung erfuhren.

Die zweite Ausgabe konzentriert sich erneut auf verborgen gebliebene Musikerinnen der 70er und erweitert die stilistische Bandbreite um Disco, Gospel, Soul und Jazz. Auch wenn die im Waschzettel betonte politische Natur der Songs oft nur versteckt rüberkommt, kann man an den gediegenen Schiebern sehr viel Freude haben – und die unfassbar guten Sängerinnen wie Marti Caine oder Karla Bonoff bewundern, deren Style unter anderem von Joan as Police Woman in die Neuzeit überführt wird. Ein paar bekannte Namen sind auch dabei: Liesenfeld hat einen verschollenen Song von Lulu ausgegraben (… wussten Sie, dass sie mit Maurice Gibb von den Bee Gees verheiratet war? Steht auch im liebevoll zusammengestellten Booklet), und »The Rising Cost of Love« von Elkie Brooks, einen vergleichsweise expliziten Schlussmachsong, zu dem sich herrlich Discofox schwofen lässt. Eskapismus für Feministinnen.

»The Ladies of Too Slow to Disco 2« (How Do You Are?)

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