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Aus: Ausgabe vom 26.06.2020, Seite 7 / Ausland
Südjemen

Krieg im Krieg

Südjemen: Separatisten und Exilpräsident Hadi einigen sich auf Waffenstillstand
Von Jakob Reimann
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Die Zentrale des »Übergangsrats im Südjemen« (STC) in Atak (27.8.2019)

Am Montag haben sich der separatistische Übergangsrat im Südjemen (STC) und die Regierung des jemenitischen Exilpräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi auf einen Waffenstillstand im Süden des Landes geeinigt. Dieser soll insbesondere in und um die wichtige Hafenstadt Aden, die seit August 2019 unter der Kontrolle des STC steht, gelten. Die Waffenruhe umfasst auch das umkämpfte Abyan-Gouvernement am Golf von Aden, in dem Al-Qaida einige Küstengebiete kontrolliert. Teil der Einigung ist die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen für den Süden. Es gehe auch um die Implementierung eines Friedensabkommens vom November 2019, erklärte am Montag ein Sprecher der Arabischen Koalition, die seit März 2015 gegen die Ansarollah (»Huthis«) kämpft, gegenüber saudischen Staatsmedien.

Angeführt wird die Koalition sowohl von Saudi-Arabien als auch den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Nominell Alliierte im Kampf gegen die Ansarollah verfolgen die beiden Regionalmächte im Jemen-Krieg gegensätzliche Interessen und finden sich im Südjemen gar auf entgegengesetzten Seiten der Frontlinien wieder. Saudi-Arabiens zentrales Ziel ist die Niederschlagung des Ansarollah-Aufstands und die Rückeroberung der von den Rebellen eroberten Gebiete im bevölkerungsreichen Norden des Landes. Das Königreich will den De-jure-Präsidenten Hadi – der in Riad im Exil sitzt und gemeinhin als saudische Marionette gilt – auch de facto wieder an die Macht bringen. Saudi-Arabien setzt auf die territoriale Integrität des Jemen und unterstützt daher im Süden des Landes das Hadi unterstellte Militär im Kampf gegen die Separatisten, die zum Zustand vor der Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen 1990 zurückkehren wollen.

Die VAE unterstützen hingegen den STC und forcieren die Abspaltung des Südens. Um mittelfristig zu einer globalen Energiesupermacht aufzusteigen, hat Abu Dhabi vom Arabischen bis zum Mittelmeer eine Vielzahl strategisch wichtiger Häfen unter seine Kontrolle gebracht. Der Jemen mit seiner über 1.900 Kilometer langen Küste, der Großteil davon im Süden, ist zentral für diese expansionistische Unternehmung. In der Vergangenheit war es mehrfach dazu gekommen, dass saudische Kampfjets STC-Einheiten und emiratische Jets Regierungstruppen bombardierten, obwohl alle vier Akteure nominell Verbündete sind, was die sogenannte Denkfabrik »Brookings Institution« dazu veranlasst, seit längerem von einem »Bürgerkrieg im Bürgerkrieg« zu sprechen.

Aus saudischer Perspektive bindet der ungelöste Konflikt im Süden wichtige Ressourcen im Kampf gegen die Ansarollah im Norden. Daher hat es in der Vergangenheit bereits mehrmals Vorstöße von Riad gegeben, die verfeindeten Parteien an einen Tisch zu bringen. Das letzte »Friedensabkommen« war im November 2019 geschlossen worden, als ebenfalls ein Waffenstillstand vereinbart und den Separatisten eine integrale Rolle in einer zukünftigen Regierung zugesichert wurde. Das sogenannte Riad-Abkommen verringerte die Gewalt im Süden zwar, doch kam es immer wieder zu blutigen Gefechten. Versprechen an den STC wurden nicht eingehalten, weshalb die Separatisten im April den Ausnahmezustand über die Region verhängten und die Selbstverwaltung der Hafenstadt Aden und anderer südlicher Provinzen erklärten.

Am Sonnabend nahm der STC schließlich die strategisch wichtig im Golf von Aden gelegene Insel Sokotra ein. Der Gouverneur der Insel wurde gestürzt, Regierungsgebäude besetzt. Die Hadi-Regierung sprach laut der amtlichen Nachrichtenagentur Saba von einem »ausgewachsenen Putsch«. In den vergangenen Jahren hatten die mit dem STC verbündeten Vereinigten Arabischen Emirate Sokotra mehr und mehr in einen militarisierte Kolonie verwandelt. Die Übernahme der Insel war nun die Formalisierung dieser Entwicklungen. Es gibt also keine guten Vorzeichen für den Waffenstillstand vom Montag.

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