Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Juli 2020, Nr. 154
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Verkommen« Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 25.06.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Wider das Vergessen

Zu jW vom 23.6.: »Gedenken heilig«

Am 22. Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion. Heinrich Himmler instruierte seine Unterstellten mit den Worten: »Zweck des Russland-Feldzuges ist die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um mindestens 30 Millionen.« In den ersten Kriegsmonaten ließ die Wehrmacht täglich mehr als 6.000 sowjetische Kriegsgefangene verhungern. Die UdSSR verlor mit 27 Millionen Toten über 17 Prozent der Bevölkerung, in Deutschland waren es 6,3 Millionen Opfer, 9,2 Prozent der Bevölkerung. Zum 75. Jahrestag der Befreiung sprach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Den Kampf gegen den Faschismus erwähnte er nicht. Das relativiert die deutschen Verbrechen und erweckt den Eindruck der Mitschuld der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg. Heute ist die Gefahr für den Weltfrieden sehr groß. Russland wird als Bedrohung dämonisiert. Dabei geht die Hochrüstung von der NATO aus. Die USA kündigten den INF- und den Vertrag zum »Offenen Himmel« sowie die Atomvereinbarung mit dem Iran. »New Start« und das Teststoppabkommen sollen folgen. Für Deutschland kann es nur heißen: gute Nachbarschaft statt Konfrontation mit Russland. Der Beginn des bisher größten Eroberungs- und Vernichtungskrieges der Geschichte hätte in Medien und Politik mehr Beachtung verdient.

Wilfried Schubert, Güstrow

Schwarze Gesichtchen

Zu jW vom 13./14.6.: »Die Gier des Zuspätgekommenen«

In diesen Wochen gibt es in Italien eine spannende Diskussion um den 2001 verstorbenen »Doyen« des italienischen Journalismus, Indro Montanelli. Es wurde bekannt, dass er als Kolonialoffizier in Äthiopien eine 14jährige als Beutefrau hatte. Das war zur faschistischen Besatzungszeit durchaus üblich. Das Lied »Faccetta nera« (Schwarzes Gesichtchen) sprach dies aus. Das Lied von der »Schönen Abessinierin« wurde offizielles faschistisches Marschlied und wird heute noch gerne von den Neofaschisten gesungen. Die Kriegsverbrechen in Äthiopien (und Libyen) wurden nie geahndet (und erst im letzten Jahrzehnt aufgearbeitet). Man darf nicht vergessen, dass Benito Mussolini die höchste Zustimmung der Bourgeoisie 1936–39 hatte, also als Rom »Imperium« war. Auch Kleinbauern und Handwerker, am Anfang nicht profaschistisch, hatte er natürlich auf seiner Seite als Kolonisten in Afrika. Der Kriegsverbrecher (der größte seines Zeichens) General Rodolfo Graziani war Vizekönig von Äthiopien. In einem Dorf bei Rom gibt es immer noch ein Monument ihm zu Ehren. Marschall Pietro Badoglio, der andere Kriegsverbrecher von Äthiopien, wurde der erste postfaschistische, von den Alliierten hofierte Ministerpräsident. Das katholische (faschistische) Italien metzelte Zehntausende orthodoxer äthiopischer Christen und Priester nieder. Die Repräsentanten der italienischen katholischen Kirche erkannten die »nicht echten« Christen Äthiopiens nicht an. Der Vatikan hielt sich bedeckt. In allen größeren Städten Italiens finden sich Straßen und Plätze, die den Kolonialschlachten in Äthiopien gewidmet sind, zum Beispiel »Adua und Axum«. Was die Besetzung Libyens anbelangt, so handelt es sich wahrscheinlich um den ersten wirklichen Ausrottungskrieg, auch wenn einige der einheimischen Großgrundbesitzer sich mit der Besatzungsmacht arrangierten. (…)

Leonhard Schäfer, Florenz

Nicht im Hitler-Haus

Zu jW vom 22.6.: »›Mitschuld wird hier weitestgehend geleugnet‹«

Raffael Schöberl erwähnt in dem Interview, dass bis 2011 der Sozialverein Lebenshilfe im »Hitler-Haus« in Braunau untergebracht war und eine Werkstätte für Menschen mit Beeinträchtigung eingerichtet hatte. Der KZ-Verband/VdA hat diese Nutzung durch einen Sozialverein wie eben die Lebenshilfe für die adäquateste gehalten. Dieser Vorschlag ist jedoch nicht mit den behinderten Menschen abgesprochen. Diese wollen sich nämlich nicht weiter vorführen und als Ausstellungsstücke im »Hitler-Geburtshaus« begaffen lassen. Ihre auch im Internet veröffentlichte Stellungnahme »Hitlers Geburtshaus als Behindertenheim – nicht mit uns!« ist daher eindeutig und sollte endlich auch vom KZ-Verband beachtet werden.

Andreas Maislinger, per E-Mail

Nicaragua siegt vereint

Zu jW vom 20./21.6.: »Legendärer Rebell«

Edén Pastora (geboren am 22.1.1937 in Ciudad Dario) gründete 1959 die Guerillagruppe Revolutionäre Front Sandino (…). Über die Entstehung der FSLN berichtete Pastora, dass es 1961 in Patuca ein Treffen mit Carlos Fonseca über die Einheit zwischen der Front der Nationalen Befreiung, die sich Nueva Nicaragua nannte, und der Revolutionären Front Sandino gegeben habe. »In der Front der Nationalen Befreiung waren alle, die bereits in der Revolutionären Front Sandi­no gewesen waren … Auf einem Zettel entwarf Carlos ein Abkommen. Wir unterschrieben es … So wurde die Sandinistische Front der Nationalen Befreiung geboren.« (…) Pastora wurde nicht unter Präsident Daniel Ortega Vizeinnenminister und Vizeverteidigungsminister. Am 19. Juli 1979 siegte die Sandinistische Volksrevolution. Da gab es noch keinen Präsidenten Ortega. Das wurde er erst nach den Wahlen 1984. Nach dem Sieg 1979 wurde das Land von einer Regierungsjunta angeführt, die sich Mitte Juni 1979 in San José (Costa Rica) auf Initiative der FSLN gebildet hatte. (…) Nach dem Sieg setzte die Nationalleitung der FSLN, bestehend aus je drei Comandantes der drei Tendenzen, Edén Pastora zunächst als Vize von Innenminister Tomás Borge und dann 1980 als Vize von Verteidigungsminister Humberto Ortega ein. Im Juli 1981 trat Pastora zurück und ging ins Exil. Er war unzufrieden mit seiner Stellung in der FSLN. In Costa Rica gründete er die Revolutionäre Demokratische Allianz (Arde) und kämpfte gegen seine früheren Compañeros. Die Gruppe zerfiel, als die USA versuchten, Pastora für die Contra zu gewinnen. 1985 verließ er die Arde. Daniel Ortega und Edén Pastora versöhnten sich vor den Präsidentschaftswahlen 2006. Pastora und seine Anhänger traten in das Bündnis der FSLN »Vereintes Nicaragua siegt!« ein.

Wolfgang Herrmann, Dreesch

Der Jahrestag des Beginns des bisher größten Eroberungs- und Vernichtungs­krieges der Geschichte hätte in Medien und Politik mehr Beachtung verdient.

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Wo gibt es noch konsequent linken Journalismus? Na, am Kiosk! Am Wochenende für 2,20 €.