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Aus: Ausgabe vom 25.06.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Unternehmenskultur

Die Großen lässt man laufen

Im Wirecard-Bilanzbetrug kommen immer mehr Details ans Tageslicht
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Noch will niemand etwas ahnen: Wirecard-Stand auf der Internationalen Tourismusbörse ITB in Berlin am 8. März 2015

Schmiergeld, Preisabsprachen, Manipulation: Große Betrügereien, bei denen gegen die offiziellen Spielregeln verstoßen wird, gehören zum System. In der BRD haben in jüngerer Vergangenheit auch andere Beispiele die bürgerliche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Von der VW-Dieselaffäre bis zum milliardenschweren Schmiergeldskandal bei Siemens 2006. Nun erregt das bislang den meisten Menschen nur wenig bekannte Unternehmen Wirecard die Gemüter.

Trotz des milliardenschweren Bilanzskandals beim Zahlungsdienstleister ist dessen Exchef Markus Braun wieder auf freiem Fuß. Nach einer Nacht in Untersuchungshaft in München wurde er am Dienstag nachmittag gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro freigelassen. Dem langjährigen Wirecard-Vorstand und Braun-Vertrauten Jan Marsalek, gegen den ebenfalls Ermittlungen laufen, droht Insidern zufolge weiterhin eine Verhaftung. Marsalek war bis zu seiner Abberufung am Montag für das Tagesgeschäft und die Aktivitäten von Wirecard in Asien verantwortlich. Der philippinische Justizminister Menardo Guevarra sagte, es gebe Hinweise darauf, dass Marsalek kürzlich auf die Philippinen gereist sei und sich dort aufhalte.

Die Behörden des Landes ermittelten gegen mehrere Personen, die möglicherweise in den Fall Wirecard verwickelt seien. Unterdessen spitzt sich die geschäftliche Lage des Unternehmens zu, da sich Großkunden in großer Zahl von Wirecard abwenden: darunter Aldi Süd, die niederländische Airline KLM, das schwedische Möbelhaus IKEA oder Fedex. Die Zukunft des Konzerns ist daher höchst ungewiss. Die Gespräche mit Gläubigerbanken zur Rettung laufen auf Hochtouren. Die Banken versuchen, sich einen Überblick über die Situation von Wirecard zu verschaffen.

Der in den fast zwei Jahrzehnten unter Brauns Führung stark gewachsene Dienstleister für bargeldlose Zahlungen hatte Anfang der Woche eingeräumt, dass ein bilanziertes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien aller Wahrscheinlichkeit nach nicht existiert. Die Ermittler legen dem 50jährigen Österreicher zur Last, wahrscheinlich mit weiteren Tätern die Bilanzsumme und den Umsatz durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. Die Gesellschaft habe so finanzkräftiger und für Anleger und Kunden attraktiver dargestellt werden sollen.

Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin geht inzwischen davon aus, dass die Bilanzen für die Jahre 2016 bis 2018 falsch sind. Sie hat daher ihre Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation erweitert. Die Behörde, die unter der Aufsicht des Finanzministeriums steht, sieht sich selbst wachsender Kritik ausgesetzt, weil sie erst spät gegen das Unternehmen vorging. Riesige Lücken im Aufsichtsregime sind nun offenkundig geworden. Mittlerweile sah sich auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz gezwungen, »Fehler« bei der von seinem Ministerium beaufsichtigten Bafin einzuräumen. Über den Wirecard-Skandal hinaus, lohnte sich ein genauerer Blick auf die »Deregulierungen« der vergangenen Jahrzehnte, die einem Betrug in dieser Dimension Tür und Tor geöffnet haben. (dpa/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Linke Kultur fehlt Wirecard, Tönnies, Amthor, Steuerbetrug, »Cum-Ex«-Geschäfte, Mietspekulanten, Leerverkäufe, Gesundheits- und Pflegekrise, soziale Konflikte, Kriege, Flucht, Ausplünderung und Versklavung der ärmsten R...

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