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Aus: Ausgabe vom 25.06.2020, Seite 1 / Ausland
Nordsyrien

Türkischer Staatsterror

Aktivistinnen der kurdischen Frauenbewegung bei Drohnenangriff in Nordsyrien getötet
Von Nick Brauns
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Seit Jahren ist die Türkei an vorderster Front dabei, wenn es gegen die syrischen Kurden geht (25.8.2016)

Die türkische Armee hat am Dienstag abend im Norden Syriens drei Zivilistinnen mit Hilfe einer Drohne ermordet. Beim Beschuss eines Wohnhauses im Dorf Helince, drei Kilometer südöstlich des Stadtgebietes von Kobani, starben die Leitungsmitglieder der kurdischen Frauenbewegung Zehra Berkel und Hebun Mele Xelil sowie die 60jährige Besitzerin des bombardierten Hauses, Amina Waysi. Die 30jährige Berkel war Koordinatorin des feministischen Dachverbandes Kongreya Star für das Euphrat-Gebiet in der als Rojava bekannten nord- und ostsyrischen Autonomieregion, Xelil gehörte der Leitung des Frauenverbandes in Kobani an.

Wie Remziya Mihemed von der Kongreya-Star-Koordination am Mittwoch erklärte, habe es sich um eine gezielte Attacke gegen die Frauenorganisierung in Rojava gehandelt. Das kurdische Volk solle über die Angriffe auf Frauen vernichtet werden. Tatsächlich weckt die Drohnenattacke Erinnerungen an die Ermordung von drei kurdischen Revolutionärinnen 2013 in Paris durch einen türkischen Agenten sowie von drei Politikerinnen durch Soldaten während einer Ausgangssperre in der türkischen Grenzstadt Silopi im Jahr 2016. Auch die Vorsitzende der Syrischen Zukunftspartei, Hevrin Khalaf, wurde während des türkischen Einmarsches in Nordsyrien im Oktober vorigen Jahres von Mitgliedern einer protürkischen Miliz an einer Straßensperre ermordet. Wenige Stunden vor dem Drohnenangriff bei Kobani war zudem ein Sprengsatz vor einem ­Frauenzentrum in Basira in der ostsyrischen Region Deir Al-Sor detoniert. Die in der Region aktive protürkische Untergrundorganisation Ahrar Al-Scharkija hatte zuvor entsprechende Drohungen ausgesprochen.

In Kobani und anderen nordsyrischen Städten demonstrierten am Mittwoch Tausende gegen den Dreifachmord. Die Selbstverwaltung der Euphrat-Region appellierte dabei an Russland als Garantiemacht, da der Drohnenangriff in einem Gebiet stattfand, in dem russische Truppen aufgrund eines im Herbst zwischen Ankara und Moskau geschlossenen Abkommens regelmäßig gemeinsame Patrouillen mit der türkischen Armee durchführen.

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