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Aus: Ausgabe vom 25.06.2020, Seite 1 / Titel
Pandemie im Spätkapitalismus

System macht Wellen

Krank durch Armut und Ausbeutung: Fleischbetriebe und Wohnsilos für sozial Benachteiligte sind »Hotspots« der Coronapandemie
Von Claudia Wangerin
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Tönnies-Mitarbeiter und ihre Familien befinden sich in Verl (Kreis Gütersloh) in Quarantäne (23.6.2020)

Vor einem Vierteljahr wurde breit darüber diskutiert, wie unsolidarisch es sei, sich ein paar Meter mehr von der eigenen Wohnung zu entfernen als unbedingt nötig. Doch mittlerweile zeichnet sich ab: Falls auf Deutschland eine »zweite Welle« der Coronapandemie zukommt, hat das weniger mit Aktivitäten an der frischen Luft und individueller Sorglosigkeit zu tun als mit Doppelstandards beim Infektionsschutz in Arbeitswelt und Freizeit sowie mit beengten Wohnverhältnissen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) musste am Mittwoch scharfe Kritik an seinem Krisenmanagement nach dem Ausbruch des Coronavirus in der Tönnies-Fleischfabrik im Landkreis Gütersloh einstecken. Deren Standort Rheda-Wiedenbrück sei »heute der größte Virushotspot in ganz Europa«, sagte der Oppositionsführer im NRW-Landtag, Thomas Kutschaty (SPD), laut einem Bericht der Deutschen Presseagentur. Die Landesregierung habe zu lange gezögert, durch entschiedene Maßnahmen »zu verhindern, dass eine zweite Infektionswelle über Deutschland und Europa kippt«.

Mehr als 1.500 Infektionen in dem Fleischbetrieb waren bereits nachgewiesen, als die Regierung Laschet am Dienstag einen Lockdown in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf anordnete. Zunächst für eine Woche gelten dort nun wieder weitgehende Beschränkungen des öffentlichen Lebens, wie etwa Ausgangssperren für Beschäftigte des Unternehmens.

Die überwiegend bei Subunternehmen angestellten Arbeiter waren bei feuchter Kälte von sechs Grad Celsius in dem Tönnies-Werk beschäftigt – einem Raumklima, das die Ausbreitung des Virus begünstigt, vor allem wenn Mindestabstände nicht eingehalten werden können. Untergebracht waren die größtenteils aus Osteuropa stammenden Arbeiter zum Teil in Zwei- oder Mehrbettzimmern mit Schimmel an den Wänden.

Inge Höger, Landessprecherin der Partei Die Linke in NRW, erinnerte am Mittwoch daran, dass das Landesarbeitsministerium 2019 bei einer Überprüfung »massive Rechtsbrüche festgestellt« habe. »Doch anstatt infolgedessen die Fleischindustrie und den Branchenführer Tönnies regelmäßig zu kontrollieren, wurde die Fleischproduktion für systemrelevant erklärt«, betonte Höger am Mittwoch.

Im niedersächsischen Wildeshausen sollen derweil insgesamt 1.100 Arbeiter eines Schlachtbetriebs der Firma Wiesenhof auf das Coronavirus getestet werden, nachdem am Dienstag bereits 23 Infektionen nachgewiesen worden waren.

Der Berliner Charité-Virologe Christian Drosten befürchtet bundesweit eine »zweite Welle«: Aktuell gebe es an mehreren Orten, darunter auch Berlin, eindeutige Anzeichen, dass SARS-CoV-2 wiederkomme, erklärte er am Dienstag im NDR-Podcast. »Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht«, sagte Drosten. Während sich die Mehrheit der Berliner Bevölkerung über Lockerungen freuen kann – der Senat hob am Dienstag die Kontaktbeschränkungen auf –, stehen in den Bezirken Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg Wohnblocks mit mehreren hundert Menschen unter Quarantäne. Auf Aushängen des Neuköllner Bezirksamts in der Harzer Straße wurde den Bewohnern eingeschärft, dass sie die Häuser bis zum 26. Juni nicht verlassen und weder zur Arbeit noch in die Schule gehen dürfen. Betroffen sind vor allem einkommensschwache Familien.

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Debatte

  • Beitrag von Wolfgang R. aus D. (25. Juni 2020 um 11:31 Uhr)
    Ich frage mich, ob es bei Tönnies nie einen vergleichbar massiven Ausbruch von Grippeerkrankungen gegeben hat? Das scheint mir sehr unwahrscheinlich. Da an Daten zu kommen ist für Privatleute fast unmöglich. Warum war das nie (?) Gegenstand in der Presse, und warum wird der gegenwärtige Ausbruch so hochgespielt?
  • Beitrag von Klaus B. aus B. (25. Juni 2020 um 16:45 Uhr)
    Schon wieder so ein halbseidener Artikel zu Corona. Was haben diese schändlichen Arbeitsbedingungen in diesen Riesenschlachtereien mit einer gebetsmühlenartig vorgetragenen zweiten Welle des Herrn Drosten zu tun? Schon fast herbeigewünscht, damit die Angst schürenden »Propheten« Recht bekommen. Und, schon vergessen? Infiziert heißt nicht Tod und Verderben! Und wenn man die gesamte Bevölkerung durchchecken würde, würde man bei vielen das Virus finden, was allerdings die Mortalitätsrate noch weiter senken würde. Und was das besonders mit Spätkapitalismus zu tun hat – da bleibt man auch hilflos als Leser ...
    • Beitrag der jW-Redaktion (25. Juni 2020 um 18:22 Uhr)
      Wir weisen unsere Leser zu »Corona« auf unseren kleinen Leitfaden hin und bitten Sie, die Gefahr nicht zu unterschätzen:

      www.jungewelt.de/artikel/378544.fakten-gegen-panikmache-kleines-corona-kompendium.html

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