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Aus: Ausgabe vom 24.06.2020, Seite 7 / Ausland
Irland

Der Mann fürs Grobe

IRA-Kommandant in Belfast und mächtiger irischer Republikaner: Am Sonntag ist Bobby Storey gestorben
Von Dieter Reinisch
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Der nordirische Sinn-Féin-Vorsitzende Robert »Bobby« Storey auf einer Pressekonferenz in West Belfast (13.9.2015)

Am Sonntag ist in Belfast der irische Republikaner Bobby Storey an den Folgen einer Lungentransplantation verstorben. Die Sinn-Féin-Präsidentin Mary Lou McDonald erklärte: »Bobby war felsenfest von einem vereinigten Irland überzeugt, in dem alle in sozialer Gerechtigkeit leben können.«

Storey war der nordirische Vorsitzende von Sinn Féin. Er gehörte zu den mächtigsten Republikanern Irlands. Kondolenzschreiben kamen von unterschiedlichen sozialistischen und republikanischen Gruppen. Bei seinen politischen Gegnern, sowohl innerhalb des Republikanismus als auch außerhalb, war er gefürchtet. Denn Storey war der Mann für das Grobe an der Seite des ehemaligen Sinn-Féin-Präsidenten und IRA-Oberkommandanten Gerard »Gerry« Adams.

Anfang Mai 2014 wurde Adams in Zusammenhang mit dem Tod der zehnfachen Mutter Jean McConville im Jahr 1972 verhaftet. Eine Kundgebung zu seiner Freilassung wurde organisiert und der Hauptredner war Storey. Dort drohte er unverhohlen Polizei und Staatsapparat: »Wagt es nicht, unseren Vorsitzenden einzusperren. Vergesst nicht, wir sind immer noch da.« Mit »wir« meinte Storey die IRA. Zwar verkündete die Organisation 2005 ihre offizielle Entwaffnung, ihre Strukturen bestehen aber bis heute fort. Storey musste es wissen, er war bis zu seinem Tod ihr Oberkommandant in Belfast und Teil der nationalen Armeeführung.

»Big Bobby« wurde 1956 als Robert Storey in Belfast geboren. Als er 15 Jahre alt war, ließen Loyalisten in der McGurk’s Bar eine Bombe detonieren – 15 Menschen starben. Nur wenige Wochen später wurden 13 Demonstranten in Derry von der britischen Armee erschossen.

Diese Ereignisse prägten Storey, und als er wenig später seinen 16. Geburtstag feierte, war er alt genug, sich der IRA anzuschließen. Bereits ein Jahr später wurde er im Hochsicherheitsgefängnis »Long Kesh« interniert. Ihm wurde vorgeworfen, eine Bombe am Flughafen Aldergrove gezündet zu haben. Er wurde freigesprochen, aber 1979 abermals verhaftet, weil er beim Gefängnisausbruch von Brian Keenan in Brixton geholfen haben sollte. Keenan war damals zusammen mit Gerry Adams, Martin McGuinness und Ivor Bell einer von vier Nordiren in der IRA-Führung.

1981 hatten es die Briten endlich geschafft, Storey etwas anzuhängen. Im August wurde er zu 18 Jahren Haft in den berüchtigten »H-Blocks« verurteilt. Doch Storey blieb dort nicht lange. Nur zwei Jahre später flüchteten 38 IRA-Gefangenen aus dem Block 7. Storey hatte den Ausbruch mitgeplant. Er wurde aber, wie die meisten anderen, bald wieder gefasst. Mit Unterbrechungen blieb er bis 1998 im Gefängnis. Zu dem Zeitpunkt war er bereits in der IRA-Führung und einer von drei Mitgliedern, die sich mit Journalisten während der Friedensverhandlungen trafen.

Es war eine kritische Zeit für die IRA. Diese hatte sich am 10. Oktober 1997 gespalten. Der Quartiermeister Michael McKevitt gründete die Real IRA, doch Storey unterstützte den Friedensprozess. Als Dank wurde ihm die Leitung des IRA-eigenen Geheimdienstes übertragen.

In den folgenden Jahren war er an allen großen Aktionen der Organisation beteiligt und wurde deshalb mehrmals verhaftet. Er soll 2002 für den Einbruch in das Geheimdienstbüro Castlereagh genauso wie 2004 für den Überfall auf die Northern Bank verantwortlich gewesen sein. Damals erbeutete die IRA 26 Millionen Pfund. 2015 wurde er zur Erschießung des früheren IRA-Mitglieds Kevin McGuigan verhört. Storey wurde jedoch nie angeklagt. Er war zu mächtig geworden – ein Prozess gegen den Belfaster IRA-Chef hätte weitreichende Folgen gehabt.

In seiner Rolle war er bis zuletzt die direkte Kontaktperson vieler dissidenter Paramilitärs. Durch sein brutales Vorgehen gegen republikanische Kritiker war er gefürchtet. Der Journalist Edmund »Ed« Moloney bezeichnete ihn als Gerry Adams’ Beria, in Anspielung auf den sowjetischen Geheimdienstchef.

Trotz seines Einflusses ist Bobby Storey außerhalb Irlands wenig bekannt. In seinem Lebensweg spiegelt sich aber wie bei kaum einem anderen die Geschichte des Nordirlandkonflikts wider.

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Debatte

  • Beitrag von Ursula G. aus S. (24. Juni 2020 um 19:39 Uhr)
    Diesen Artikel hätte ich in der FAZ erwartet. Aber in der jungen Welt? Der Autor ist ein Gegner von Sinn Féin. Das wäre ein Grund für einen kritischen politischen Nachruf auf Bobbey Storey, jahrzehntelang irisch-republikanischer Aktivist, ehemaliger politischer Gefangener, einer der (vielen) Architekten des irischen Friedensprozesses und der politischen Stärke von Sinn Féin. Statt dessen sammelt dieser Nachruf neben wenigen korrekten Punkten uralte Unterstellungen und Diffamierungen, die die rechte Presse über die Jahre immer wieder lanciert.

    Der Reihe nach: »Der Mann fürs Grobe« spielt schon in der Überschrift auf die »Enthüllung« an, Bobbey Storey sei Chef »des IRA-eigenen Geheimdienstes« gewesen, und impliziert, er sei wohl auch nicht zimperlich gewesen. Woher kommt die Behauptung? Der rechte Irish Independent hat am 22. Juni 2020 die Quelle angegeben, die uns Reinisch verschweigt. David Burnside, strammer Unterstützer der alten paramilitärischen Polizeieinheit Royal Ulster Constabulary (RUC), hatte dies 2005 als Abgeordneter des britischen Unterhauses behauptet. Er nutzte sein parlamentarisches Privileg, so dass Bobbey Storey ihn nicht verklagen konnte. So konnten Medien ihn zitieren, ohne eine Klage fürchten zu müssen.

    Zweiter Punkt: Anfang Mai 2014 wurde Gerry Adams verhaftet, angeblich »im Zusammenhang mit dem Tod der zehnfachen Mutter Jean McConville im Jahr 1972«. Diese Verhaftung hatte jedoch mehr mit den anstehenden Wahlen Ende Mai 2014 zu tun. Ein Video von damals zeigt die Empörung in West Belfast, einem linken Viertel, in dem auch Bobbey Storey zu Hause war, über diese politische Polizeiaktion (youtube.com/watch?v=1BoqYJmAhEg). Das Zitat, das Reinisch Bobbey Storey hier in den Mund legt, halte ich für absurd. Der angebliche geheime Fortbestand der IRA dient meist der Diffamierung von Sinn Féin, um ihr ihre politisch erkämpften Rechte zu verweigern.

    Dritter Punkt: »Einbruch in das Geheimdienstbüro Castlereigh« in 2002. Die Behauptung wird durch Wiederholung auch nicht besser. Bewiesen ist nichts. Viele Spuren deuten statt dessen auf britische Geheimdienstoperationen mit dem Ziel, den Friedensprozess zu destabilisieren. Das Jahr 2002 war übrigens vollgepackt mit solchen Versuchen der Hardliner in den britischen Diensten, den Friedensprozess zu beerdigen: Einen Eindruck vermittelt die Archivseite von Info Nordirland aus dem Jahr 2002 (archiv.info-nordirland.de/news_d_2002).

    So was bitte nicht wieder!

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