Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 23.06.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gewerkschaftskampf in der BRD

»Geschäftsmodell Thiele«

Trotz Schließungstermin: Metaller kämpfen weiter um Knorr-Bremse-Werk in Wülfrath. Ein Gespräch mit Hakan Civelek
Von Oliver Rast
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Knorr-Bremse ist führend auf dem »Weltmarkt« in der Bremstechnik für Schienenverkehr – hierzulande kämpfen Beschäftigte um den Erhalt von Standorten

IG Metall, Betriebsrat und nicht zuletzt Beschäftigte hatten in den vergangenen Monaten hart für eine Standortsicherung bei Knorr-Bremse, KB, in Wülfrath bei Düsseldorf gekämpft. Zum 30. Juni soll das Werk mit rund 350 Arbeitern nun geschlossen werden. War nichts zu retten?

Den Standort Wülfrath zu schließen war offensichtlich von Anfang an das Ziel von Knorr-Bremse. Trotz massiver Proteste, aber auch kreativer Ideen, den Standort zu erhalten, konnte diese Entscheidung leider nicht rückgängig gemacht werden. Die rechtlichen Möglichkeiten, eine unternehmerische Entscheidung zu verhindern, sind hierzulande sehr begrenzt, das Betriebsverfassungsgesetz steht hierbei auf seiten des Kapitals.

Die KB-Unternehmensführung mit ihrem Hauptaktionär Heinz Hermann Thiele wollte Wülfrath ursprünglich zum konzerneigenen Kompetenzzentrum machen. Warum wurde daraus nichts?

Das erklärte Ziel von KB war, einen Zugang ins Lenkungsgeschäft zu finden. Deshalb auch 2016 die Übernahme des Vorgängerunternehmens Tedrive-Systems in Wülfrath. Mit weiteren Zukäufen hat KB dieses Ziel erreicht. Innerhalb von knapp vier Jahren ist der Konzern vom Newcomer zum Global Player aufgestiegen. Mit den jüngsten Zukäufen von Hitachi in Japan und Sheppard in den USA stieg KB zur Nummer drei im Lenkungsgeschäft weltweit auf. Insofern war der Firmenaufkauf in Wülfrath Mittel zum Zweck. Es gab keinerlei Absichten, den Standort zu halten.

Multimilliardär Thiele zählt hierzulande zu den zehn reichsten Personen. Was kennzeichnet das »Geschäftsmodell Thiele«?

Beim »Geschäftsmodell Thiele« muss in Deutschland jeder Federn lassen, nur er selbst kommt ungeschoren davon. In Kurzform: Thiele kauft Unternehmen auf, schöpft das Know-how ab, um dann die Produktion in »Billiglohnländer« zu verlagern.

Bei KB arbeiten bereits mehr als 80 Prozent der Beschäftigten im Ausland, Tendenz steigend. Zudem bezahlt er äußerst selten nach Tarif, seine Beschäftigten arbeiten zum Teil 42 Wochenstunden, dabei sieben Stunden ohne Entgeltausgleich. Er verschafft sich Wettbewerbsvorteile durch Lohndumping, zwingt damit Mitwettbewerber in die Knie und schadet auch insgesamt der deutschen Volkswirtschaft. Diese lebt unter anderem von ihrer Innovationskraft, nicht jedoch von Menschen, die technologisches Wissen in Deutschland abschöpfen und ins Ausland transferieren.

Und wie ist Thieles Verhältnis zu Gewerkschaften?

Manche sehen ihn als Gewerkschaftshasser. Er begreift sich selbst als Freund der deutschen Wirtschaft. Betriebliche Mitbestimmung, Arbeitnehmerrechte hingegen scheinen ihm ein Dorn im Auge zu sein. Kurzum, beim »Modell Thiele« müssen alle leiden, nur damit er seinen Reichtum vermehren kann.

Viel wird aktuell über das neue Engagement Thieles bei Lufthansa spekuliert. Kürzlich stockte er sein Aktienpaket von zehn auf über 15 Prozent auf. Was könnte dahinterstecken?

Einige Beobachter meinen, er hätte sich bei Lufthansa nur deshalb eingekauft, weil er Lust am Fliegen hat. Davon abgesehen: Thiele gilt, wenn man so will, als »König der Bremsen« im Schienen- und Straßenverkehr. Zumindest ist Knorr-Bremse hierbei Weltmarktführer. Was als nächstes kommt, liegt eigentlich auf der Hand, der Luftverkehr. Wen würde es wundern, wenn der französische Bremsenhersteller der Luftfahrtindustrie, »Safran-Landing-Systems«, im Fokus für eine eventuelle Übernahme von Knorr-Bremse stehen sollte?

Zurück nach Wülfrath. Sie haben den Kampf um das Werk noch nicht aufgegeben – trotz konkretem Schließungstermin. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?

Zum einen ist aktuell ein neuer Investor aufgetreten, der den Restbetrieb gerne übernehmen möchte, zum anderen hat der verbleibende Hauptkunde, die VW-Gruppe, großes Interesse an der Weiterproduktion signalisiert. Damit würden wir mindestens 60 Beschäftigte bis ins Jahr 2026 retten können. Dafür lohnt es sich in jedem Fall zu kämpfen.

Hakan Civelek ist 1. Bevollmächtigter und Leiter der IG Metall ­Geschäftsstelle Velbert

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