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Aus: Ausgabe vom 20.06.2020, Seite 8 / Ansichten

Deutscher Exportschlager

Coronapandemie in der Fleischbranche
Von Simon Zeise
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Europas größtes Schlachtzentrum bleibt wegen der Coronapandemie geschlossen (Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück, 19.6.2020)

In der Fleischindustrie herrscht die ungeschönte Brutalität des Kapitalismus. Bert Brecht ließ einst »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« sagen: »Ich sehe das System, und äußerlich ist’s lang bekannt, nur nicht im Zusammenhang!« Heute spült die Coronakrise die dunklen Machenschaften der Branche an die Oberfläche. Dort werden Arbeiter zu Dumpinglöhnen aus dem Ausland angeheuert. Gegen den produzierenden Konzern können sie sich nicht organisiert zur Wehr setzen, denn der vergibt die Aufträge über Werkverträge an Subunternehmen. Rechtsbruch ist an der Tagesordnung. Den Tagelöhnern werden die Kosten für Unterkunft und Schutzausrüstung von ihrem kargen Gehalt abgezogen. Sie hausen eingepfercht auf engstem Raum wie im Gefängnis.

Dass sich die Branche zum Corona-Hotspot entwickelt, ist also kein Zufall. Das »Schweinesystem« ist ein Exportschlager: Deutschland importiert moderne Lohnsklaven aus Osteuropa und exportiert billiges Fleisch. Im Ausland kann mit den niedrigen Preisen nicht mitgehalten werden, Bauern in armen Ländern werden niederkonkurriert.

Vorneweg Branchenprimus Tönnies: 750 Coronainfizierte meldete der Konzern zuletzt. Der Umsatz des Konzerns ist im vergangenen Jahr auf mehr als sieben Milliarden Euro gestiegen. Firmenpatriarch Clemens Tönnies hat sich laut Forbes ein Vermögen in Höhe von zwei Milliarden Euro zusammenschlachten lassen. Was er von Migranten hält, hatte er im Sommer vergangenen Jahres auf dem »Tag des Handwerks« in Paderborn öffentlich kundgetan. Die Regierung solle statt Steuern gegen den Klimawandel zu erheben, besser Atomkraftwerke in Afrika finanzieren. »Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.« Hinter seiner rassistischen Tirade steckte nüchternes betriebswirtschaftliches Kalkül: Laut UN-Landwirtschaftsorganisation FAO sind 14,5 Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen auf die Haltung und Verarbeitung von Tieren zurückzuführen. Staatliche Schutzmaßnahmen würden Tönnies’ Gewinne schmälern.

Auch um das Coronavirus einzudämmen, müsste der Fleischgigant Geld ausgeben. Die Fließbänder im Werk laufen im Akkord, der Abstand zwischen den Arbeitern beträgt wegen der hohen Taktung oft nur einen halben Meter. Die Gewerkschaft NGG schätzt, wenn Arbeitsrecht eingehalten würde, müsste der Fleischpreis um zehn Cent pro Kilo angehoben werden.

Der Regierung sind Menschenleben und Umweltschutz wurscht. Werkverträge könnten über Nacht verboten und rigorose Kontrollen zur Einhaltung des Arbeitsschutzes durchgesetzt werden. Statt dessen gießen die verantwortlichen Politiker Öl ins Feuer. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet will mit solchem Schweinskram nichts zu tun haben. Für ihn war schnell klar: Das Virus kommt aus Bulgarien oder Rumänien – der Mann will Kanzler und nicht mit einem Seuchenpfuhl assoziiert werden.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (21. Juni 2020 um 11:33 Uhr)
    Wie so oft und mit erfrischender Klarheit hat Herr Karl Lauterbach reagiert. Er forderte, dass die Tönnies-Einrichtung in Rheda-Wiedenbrück sofort geschlossen werden muss, weil es »nicht vertretbar« sei, dass dort noch gearbeitet wird (am Sonnabend im WDR-Fernsehen).

    »Wir wissen nicht – ist das in der Kantine passiert, auf dem Weg dorthin, in der Verarbeitung selbst? Ist es die Lüftung? Das heißt: Da könnten sich jetzt auch weiterhin Leute infizieren. Ich würde – unter diesen Umständen – den Betrieb dichtmachen.« Was aus der Fleischproduktion wird? »Dann ist das so.«

    Er verdient größten Respekt für seine Haltung, mit der er sich gegen die Eigentümer, das zweifelhafte Management und die gängige Praxis der Hinnahme von unwürdigen Lebensverhältnissen – gerade seitens der vorher genannten Verantwortlichen – ausspricht. Oder hatte bisher jemand gefordert, denen, die offensichtlich strafbar handeln, das Geschäft zu verderben, indem es geschlossen wird?

    Dieser aufrechte Mann mit Traute und Gewissen wäre mein Kanzlerkandidat. Doch für welche Partei?
    • Beitrag von Matthias M. aus H. (21. Juni 2020 um 15:20 Uhr)
      Was sagt er denn grundsätzlich zu Fleischfabriken in dieser Größenordnung?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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