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Aus: Ausgabe vom 18.06.2020, Seite 15 / Medien
Einseitige Meinungsfreiheit

Correctiv korrigiert

»Faktenprüfer« im Dienst von Facebook bezichtigten Onlineplattform German Foreign Policy der Verbreitung falscher Nachrichten. Zu Unrecht
Von Gerrit Hoekman
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Beim Teilen oder Weiterleiten auf Facebook schaltet sich der Zensor ein: Noch am vergangenen Freitag wurde German Foreign Policy durch Correctiv der Falschmeldung bezichtigt

In den »sozialen Netzwerken« wird mit der Realität nicht selten ziemlich subjektivistisch umgegangen. Vor allem aber stehen da auch Sachen, die den offiziell verkündeten Wahrheiten widersprechen. Dies haben sogenannte Faktenprüfer als Geschäftsmodell entdeckt. Zu den bekannteren unter ihnen zählt das »Recherchebüro« mit Namen Correctiv. Seit 2017 befindet es sich für den Medienriesen Facebook auf der Suche nach »Fake News« – und zensiert nach Kräften Beiträge, die es unter diesem Begriff subsumiert. Allerdings auch solche, die mit belegten Quellen Nachrichten verbreiten. Das macht ein relativ frischer Streit zwischen Correctiv und dem Internetportal German Foreign Policy (GFP) deutlich.

Unter der Überschrift »Annahme verweigert« hatte GFP am 23. März auf dem Höhepunkt der Coronakrise über ein Hilfsangebot der Volksrepublik China an Spanien, Serbien, Frankreich und die Bundesrepublik berichtet. »Deutschland lehnt als bislang einziges Land Europas chinesisches Hilfsangebot im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie ab«, heißt es im Untertitel. Das Portal bezog sich auf einen Artikel der South China Morning Post, der am 21. März erschienen war. Die Tageszeitung aus Hongkong berief sich ihrerseits auf den chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Obwohl GFP in »Annahme verweigert« für alle Leserinnen und Leser transparente Quellen angab, brandmarkte das US-Unternehmen den Artikel am 20. April.

»Unseren Bericht vom 23. März hat Facebook inzwischen mit dem Hinweis ›Falsche Informationen in diesem Beitrag‹ versehen und stützt sich dabei auf die Onlineplattform Correctiv« (correctiv.org), teilte GFP am 4. Juni seinen Leserinnen und Lesern in einem Beitrag in eigener Sache auf Facebook mit. »Damit stigmatisiert die Plattform einen korrekten, freilich kritischen Bericht und trägt dazu bei, seine Verbreitung einzuschränken.«

Die Begründung von Correctiv mutete lächerlich an: »Die zuständigen Bundesministerien haben der Darstellung widersprochen.« Die Ministerien seien bereit, chinesische Hilfsgüter in Deutschland zu verteilen. »Nein, Deutschland lehnt nicht jegliche Hilfe aus China ab«, schlussfolgerten die »Faktenchecker« unbekümmert.

German Foreign Policy wehrte sich: »Es ist offenkundig, dass correctiv.org einer zeitlichen Verwechslung erlegen war: Die Übereinkunft zwischen Merkel und Xi wurde – die Plattform erwähnt das nicht – in einem Telefongespräch am 25. März erzielt. Die ›Faktenfinder‹ bezogen sich also auf ein Ereignis vom 25. März (Einigung Merkel/Xi), um den Sachstand vom 23. März (Dissens Merkel/Xi) auszublenden und auf diese Weise die wahrheitsgemäße Berichterstattung auf german-foreign-policy.com als fehlerhaft darzustellen.«

Die »zeitliche Verwechslung« von Correctiv unterschlägt nach Ansicht von GFP einen »schweren politischen Konflikt«, der um so mehr ins Gewicht falle, »als er international als politischer Affront gegen den Helfer gewertet wurde und eine vermeidbare Unterversorgung der deutschen Covid-19-Opfer wegen fehlender Schutzmittel zur Folge haben konnte.« Erst nachdem chinesische Stellen die »deutsche Weigerung« publik gemacht hätten, sei es am 25. März »zu einer Kurskorrektur der Bundesregierung« gekommen.

German Foreign Policy forderte Correctiv deshalb schriftlich auf, das Etikett »Fehlinformation« zurückzunehmen, was die Plattform aber in einem Antwortschreiben ablehnte. Eine Google-Suche habe ergeben, dass bereits vor dem 23. März chinesische Hilfslieferungen in die Bundesrepublik stattgefunden hätten. Das sei richtig, so GFP, allerdings stammten sie nicht von staatlichen Stellen, sondern von der Stiftung des Geschäftsmanns Jack Ma und der Alibaba Foundation. Der Absender einer dritten Lieferung war unbekannt. Ma ist übrigens der Herausgeber der South China Morning Post, jener Zeitung also, die gemeldet hatte, dass Deutschland keine staatliche Hilfe aus China wünsche.

»Mit dem zwischenstaatlichen politischen Konflikt, der zudem von den beiden Staatsrepräsentanten in einem öffentlich gewordenen Telefongespräch ausgetragen wurde und über den german-foreign-policy.com wahrheitsgemäß berichtet hatte, standen die Google-Suchergebnisse der ›Faktenfinder‹ in keinem Zusammenhang«, schreibt GFP in eigener Sache. »Es handelte sich um einen zweiten Fehlgriff von correctiv.org, der erneut journalistische Sorgfalt vermissen ließ.«

In dem Artikel der South China Morning Post stehe nichts von Ablehnung, erwiderte Correctiv rechthaberisch. Längst geht es nicht mehr um Fakten, sondern um die Interpretation von Worten. Correctiv versuche »die national wie international dokumentierte Deutung des Konflikts – politisch begründete Nichtanspruchnahme zwischenstaatlicher Hilfe – einer eigenen Interpretation zu unterwerfen, wonach die Nichtinanspruchnahme eines förmlich vorgetragenen Hilfsangebots zur zeitnahen Rettung von Menschenleben keine Zurückweisung sei.«

GFP bleibt deshalb bei seiner Darstellung: »Die Bundesrepublik Deutschland hat das ihr vom chinesischen Staatspräsidenten unterbreitete Angebot, das vor dem 23. März erging, bis zum 23. März nicht angenommen, also abgewiesen. (...) german-foreign-policy.com ist ein staatsfernes Pressemedium und an Verlautbarungen staatlicher Behörden nicht gebunden, egal ob diese staatlichen Behörden in Berlin oder in Beijing zu Hause sind. Auch Dienstleister staatlicher Stellen oder deren privatwirtschaftliche Subunternehmer sollten sich nicht anmaßen, in die freie Berichterstattung einzugreifen.«

Die Betreiber von GFP zweifeln vor diesem Hintergrund an den offiziellen Geschäftszielen von Correctiv, nämlich im Internet gegen Unwahrheiten, politische Hetze und Irreführung vorgehen zu wollen. »Vielmehr kann es den Eindruck erwecken, die Plattform wende ihrerseits Mittel an, die sie vermieden sehen will, und übe damit im gesetzlich verbürgten Raum der Pressefreiheit unerlaubte Sanktionsmacht aus.«

Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (18. Juni 2020 um 10:48 Uhr)
    Warum übt Correctiv »unerlaubte Sanktionsmacht« aus? Facebook ist ein Privatunternehmen und kann und darf nach eigenem Gutdünken zensieren oder sogar eigene Falschinformationen verbreiten, das ist keineswegs unerlaubt.

    Wenn man das nicht möchte, dann muss man Facebook enteignen oder ein eigenes soziales Netzwerk in öffentlichem Eigentum aufbauen. Dann kann man die Regeln, welche Posts zensiert, mit Warnhinweisen versehen oder in ihrer Verbreitung eingeschränkt werden, demokratisch festlegen.

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