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Aus: Ausgabe vom 18.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Lage der arbeitenden Klasse

Mister Charles singt

Farbenlehre des Grills: Die Arbeitssoldaten des nordamerikanischen Burgerproletariats. Eine Erinnerung
Von Pierre Deason-Tomory
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Brennender »Wendy’s« während Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt in Atlanta, 23.6.2020

Die Arbeit in einem nordamerikanischen Hamburgerrestaurant ist nicht besonders schwer, aber zeichnend. Die wenigen Handgriffe an den verschiedenen Geräten und Stationen sind normiert, und du beherrscht sie nach kurzer Zeit im Schlaf. Du musst trotzdem aufpassen wie ein Schießhund, dass du deine Kollegen bei der Hektik in der engen Küche nicht umrennst oder dich irgendwo verbrennst. Es passiert trotzdem andauernd.

Man kann lang gediente Burgerproletarier an den Narben an ihren Unterarmen erkennen, die sie sich am Grill oder an der Fritteuse geholt haben. Von der Kante des Grills bekommt man gerade Striche, so wie bei einem Teenager, der sich ritzt, nur viel dicker. Spritzer von der Fritteuse machen runde Flecken.

Im Frühjahr 2003 hatte ich einen Kollegen in »Wendy’s Old Fa­shioned Hamburgers Restaurant« an der Northside von Milledgeville in Georgia, im wunderschönen Süden, der hieß Charles. Er war schon älter, vielleicht sechzig, und hatte viele weiße Striche und Flecken auf seiner schwarzen Kerbhaut. Charles war wie alle Afroamerikaner in diesem Laden ein »Crew Member«. Das sind die Arbeitsameisen, die in solchen Buden eine Kappe tragen müssen, die Vorarbeiter und Manager haben den Kopf frei. Die Chefs bei Wendy’s in Milledgeville waren alles Weiße, nur ich Neueinsteiger mit Grillvorerfahrung bekam eine Mütze aufgesetzt und brachte so ungewollt die Farbenlehre durcheinander.

Ich stand jeden Tag neun oder zehn Stunden am Grill, flippte Burger Patties und aß Tabletten gegen die Rückenschmerzen. Charles konnte alle Positionen in der Küche einnehmen und sprang ein, wo es gerade hakte. Auf meinem Namensschild stand »Pierre C. Deason«, also wie in den USA üblich in der Reihenfolge Vorname, »Middle Initial« und Familienname. Bei Charles stand »Mister Charles«, also nur der Vorname und ein »Mister« davor. Das ist in den Südstaaten die höfliche Anrede, mit der man eine ältere oder respektable Persönlichkeit ansprechen würde, den Kopf dabei leicht neigend. Mister Charles’ Auftreten war nicht Respekt erheischend. Er lachte immer und scherzte, tänzelte von einer Station zur nächsten und sang seine Kommandos, wenn es hoch herging: »Anybody – somebody – pleeaase! A Junior – Bacon – Cheese!«

Wenn er mit den Vorarbeitern sprechen musste, setzte er eine blödsinnige Miene auf, sagte immer »Yes, Sir!« und nie nein. Die anderen, jüngeren schwarzen Crew Members lachten nur selten. Sie hatten ihre Miene auf ausdruckslos geschaltet, wenn sie von den Managern instruiert oder angeschissen wurden. Mister Charles haben sie geschnitten.

Der war alles andere als dämlich, seine Indolenz war Spiel. Mister Charles hatte alles im Blick, und er half mir, wenn’s pressierte, und zeigte mir Tricks am Grill, die ich noch nicht kannte. Er hat mir auch Hinweise gegeben, wie man die Manager daran hindert, einen um Arbeitsstunden zu prellen. Die anderen schwarzen Arbeitssoldaten haben mich verachtet. Ein Weißer, sagte ihr Blick, der wie sie nur Crew Member ist und eine Mütze tragen muss!

Ich habe Mister Charles mitgenommen, wenn wir zur selben Zeit fertig waren. Er hatte kein Auto, oder keinen Führerschein, und wohnte nicht weit entfernt von meinem gemischten Trailerpark in einer schwarzen Nachbarschaft. Er stieg schon am Highway aus und ging zu Fuß die kleine Straße entlang in sein Wohngebiet. Er wollte nicht, dass seine Nachbarn sehen, dass er sich von einem Weißen mitnehmen lässt.

In Milledgeville, das ist die Vor-Bürgerkriegs-Hauptstadt von Georgia mit nur 17.000 Einwohnern, aber zwei Colleges und einer Universität, sieht man oft weiße Kids, die am Straßenrand auf einem Parkplatz stehen und für fünf Dollar Autos waschen. Sie sammeln so Spenden für ihren Studierendenclub, die Kirche oder ähnliches. Früher haben das arme schwarze Kinder für einen Vierteldollar gemacht, weil sie das Geld fürs Essen auf dem Tisch brauchten.

Es war damals üblich, als Autowäscher abends dem Eigentümer des Parkplatzes die Hälfte der Einnahmen zu geben, quasi als Miete. Mein Onkel, Wendell Deason, hat in Milledgeville in den 50ern bis in die 80er viele Geschäfte betrieben, darunter auch legale wie »Deaso’s Barbecue Restaurant« an der Südseite. Charles erzählte einmal, er habe als Kind öfters auf dem Parkplatz vom Deason’s Autos gewaschen, und Mister Wendell hätte ihm nie das Geld für die Parkplatzmiete abgeknöpft. »He would say, he likes a nigger, who is working«, sagte er mir mit seinem ernsten Gesicht, das er nur aufhatte, wenn er nicht in Wendy’s Old Fashioned Hamburgers Restaurant Baumwolle pflücken musste.

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