Gegründet 1947 Montag, 13. Juli 2020, Nr. 161
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.06.2020, Seite 10 / Feuilleton

Matz, Mitic

Von Jegor Jublimov
Gojko_Miti_wird_80_65594571.jpg
»Ungeheure Popularität«: Gojko Mitic (l.) als Häuptling Intschu-tschuna 2013 bei den Festspielen in Bad Segeberg

Der Kinostart des in der Berliner Klubszene angesiedelten Films »Leif in Concert Vol. 2« musste krisenhalber verschoben werden. Es ist der neueste Film mit Katharina Matz, die bei der Defa 1954 in »Hotelboy Ed Martin« debütiert hatte. Das zugrundeliegende Stück lief damals am Deutschen Theater Berlin (DT), und die Matz ist die letzte Schauspielerin aus Wolfgang Langhoffs Ensemble, die noch heute regelmäßig auf dieser Bühne steht (oder zumindest bei Internetlesungen des DT dabei ist). Damals heiratete sie ihren Kollegen Eckart Friedrichson, der bald darauf im Kinderfernsehen als »Meister Nadelöhr« zur Legende werden sollte. Doch man trennte sich, als Ida Ehre die Matz 1959 nach Hamburg holte. In fast fünf Jahrzehnten reifte die quirlige und charmante junge Frau am Thalia-Theater, dessen Ehrenmitglied sie ist, zur beeindruckenden Charakterdarstellerin. Doch die Sehnsucht nach Berlin blieb groß. Vor zehn Jahren wagte sie noch einmal den Wechsel. Morgen kann sie an der Spree ihren 90. Geburtstag feiern.

Auch wenn der Sohn eines serbischen Partisanen in der DDR mehrfach kämpferische Rollen in Filmen und Serien zum antifaschistischen Widerstandskampf übernahm (»Archiv des Todes«, 1980, »Front ohne Gnade«, 1984), ist der Kriegsfilm »Balkanlinie« (2019), in der Gojko Mitic einen serbischen Polizeichef spielt, etwas Besonderes. Er beschäftigt sich kritisch mit den NATO-Bomben auf Belgrad im Jahr 1999 – deutschen Verleihern scheint die russisch-serbische Koproduktion wohl zu brisant, als dass sie sie ins Kino bringen wollten. Da bleibt es dem (Ost-)Fernsehen überlassen, »unseren Gojko« anlässlich seines 80. Geburtstages am Sonnabend ab morgen gebührend zu feiern.

Gojko Mitic ist einer der wenigen internationalen Stars, die die Defa hervorgebracht hat. »Die Söhne der großen Bärin« (1965/66) und die nachfolgenden 13 Spielfilme, in denen der Kampf der amerikanischen Ureinwohner gegen ihre weißen Unterdrücker im Mittelpunkt stand, machten ihn zum »Chefindianer«, der in ganz Osteuropa und in asiatischen, arabischen und afrikanischen Ländern gefeiert wurde. Noch zur Zeit des »Eisernen Vorhangs« liefen die Filme in der BBC, und in den neunziger Jahren lernten auch Leute, deren Geschichte hier gezeigt wurde, die Filme und ihre geschichtliche Ernsthaftigkeit kennen, so dass etwa der Tulalip-Stamm Gojko Mitic in einem großen Powwow ehrte.

Gojkos großes Pfund waren Ausstrahlung und sportliches Können (alle Stunts machte er selbst). »Die Popularität dieses Schauspielers ist ungeheuer. Die Gerechtigkeit, die er verkörpert, die Wahrheitsliebe und Furchtlosigkeit – gepaart mit romantischem Abenteuer – machen ihn zu einem erstrebenswerten Freund, den man sonst nur aus Märchenbüchern kennt«, schrieb die Kritikerin Margit Voß treffend 1974. Gojko, der längst Köpenicker ist, schwimmt jeden Tag in der Dahme. Möge er das noch lange tun, howgh!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Henry Freyer-Steyer: Gojko Mitics 80. Danke für die Erinnerung  und danke auch für die Erwähnung seines letzten Films »Balkanlinie«. Ich hatte davon noch nichts gehört und feststellen müssen, dass er 2019 im Rahmen der russischen Filmwoch...

Ähnliche:

  • Wollen beide ihre Ansprüche auf den Balkan durchsetzen: Der US-B...
    25.05.2020

    EU will führen

    Frankreich und BRD fordern schnelle Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Belgrad und Pristina – unter ihrer Aufsicht
  • EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (l.) und ihr Auße...
    01.02.2020

    Buhlen um den Balkan

    EU-Außenbeauftragter Josep Borrell zu Besuch in Pristina und Belgrad. Dialog soll wieder aufgenommen werden
  • Emmanuel Macron (l.) will mit Serbiens Präsident Aleksandar Vuci...
    18.07.2019

    Raketen und warme Worte

    Frankreichs Präsident besucht Serbien. Im Gepäck hat er Kriegsgerät und U-Bahnpläne

Mehr aus: Feuilleton