Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 09.06.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskämpfe in der BRD

Im Konzentrationsprozess

In der Krise wird bei Nutzfahrzeugzulieferern wie ZF oder Knorr-Bremse neu sortiert. Belegschaften stehen vor Abwehrkämpfen
Von Martin Hornung
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Viel Bewegung: Stellenstreichungen und Unternehmensübernahmen in der Branche der Nutzfahrzeugzulieferer, wie bei ZF Friedrichshafen (12.5.2020)

Ende Mai hat der Konzern ZF Friedrichshafen mitgeteilt, bis 2025 bis zu 15.000 Stellen streichen zu wollen, die Hälfte davon in Deutschland. Tags darauf wurde die endgültige Übernahme des Zulieferers für Nutzfahrzeugbremsen Wabco für 6,2 Milliarden Euro gemeldet. Die AG Knorr-Bremse, in diesem Sektor Weltmarktführer (vor Wabco und Haldex), ließ im Anschluss verlauten, man habe den US-Lenksystemehersteller für Nutzfahrzeuge »R. H. Sheppard Co., Inc.« (126 Millionen Euro Umsatz, 800 Beschäftigte) für 133 Millionen Euro erworben – von Wabco/ZF.

ZF gehört mit Bosch und Continental zu den Top fünf der Zulieferer für den Fahrzeugbau weltweit. Insbesondere bei Antriebs- und Fahrwerkstechnik ist man unter den führenden Konzernen. Knorr-Bremse zählt nach der Schließung des Werks in Wülfrath (NRW) mit dem Kauf der »Hitachi CVS« in Japan (Nutzfahrzeuglenkungen) und dem Joint Venture mit Dongfeng in China auch auf dem globalen Markt für Lenksysteme in Nutzfahrzeugen zu den drei führenden Unternehmen.

ZF-Vorstandsvorsitzender Wolf-Henning Scheider versuchte unlängst im Handelsblatt den beabsichtigten Kahlschlag beim Personal so zu begründen: Man erwarte 2020 einen Umsatzeinbruch von acht Milliarden Euro, einen Rückgang von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und: »Hohe Verluste bedrohen unsere finanzielle Unabhängigkeit. Wenn das Unternehmen bestimmte Kennzahlen verfehlt, könnten externe Kreditgeber Einfluss auf die Geschäftsentscheidungen fordern.« Erst 2015 hatte ZF für 9,6 Milliarden Euro TRW, den US-amerikanischen Zulieferer für die Automobilindustrie, übernommen, um bei Elektromobilität und sogenanntem autonomen Fahren »neue Impulse« zu setzen. Der Bereich Lenksysteme, bis dahin bei Bosch und ZF gemeinsam angesiedelt, war kurz zuvor aus kartellrechtlichen Gründen an Bosch verkauft worden. Auch beim Verkauf des Unternehmens R. H. Sheppard an die AG Knorr-Bremse war dies ausschlaggebend.

Wabco hat weltweit rund 12.000 Beschäftigte und ist die zehnte ZF-Division. Angesichts der 2019 einsetzenden Krise könnte sich ZF mit der Übernahme verschluckt haben. Umso mehr will man sich an den Beschäftigten schadlos halten. Der Konzern hofft, sich im harten Konkurrenzkampf als Sieger an die Weltspitze der Fahrzeugzulieferer katapultieren zu können. Von staatlichen Geldern profitiert die gesamte Branche. Im »Zukunftspaket« der Bundesregierung steht auch ein europaweites Flottenerneuerungsprogramm für Nutzfahrzeuge und Busse, mit Zuschüssen von 15.000 Euro je abgasärmerem Lkw.

Knorr-Bremse-Patriarch Heinz Hermann Thiele hat gerade mit einem Bruchteil seiner 13 Milliarden Euro Vermögen zehn Prozent der Lufthansa-Aktien gekauft. Diesen Monat lässt er sich für den 70-Prozent-Aktienanteil bei Knorr 200 Millionen Euro an Dividende auszahlen. Gleichzeitig spart er seit April durch Kurzarbeit für fast drei Viertel der 5.500 in der Bundesrepublik Beschäftigten monatlich einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag an Löhnen. Zwar erwartet auch Knorr 2020 »deutliche Rückgänge«. Im ersten Quartal hielt sich der Umsatzeinbruch im Nutzfahrzeugbereich aber mit 13 Prozent in Grenzen, die EBITDA-Gewinnmarge lag mit 14,6 Prozent immer noch in schwindelnder Höhe (im Vorjahr 16,6).

Den kleineren schwedischen Konkurrenten Haldex konnte Thiele 2016/17 nicht schlucken, den Kauf durch ZF aber verhindern. Da Knorr im Gegensatz zu ZF bei Haldex weiterhin 10,15 Prozent der Aktien hielt (Sperrminorität), hat sich Haldex seither abgestrampelt, um den großen Konkurrenten los zu werden. Über einen entsprechenden Antrag im Februar bei der Europäischen Wettbewerbskommission ist bisher nicht entschieden. Durch eine zusätzliche Aktienausgabe an zwei schwedische Fonds in Höhe von zehn Prozent hat Haldex aber erreicht, dass die AG Knorr-Bremse seit Mai nur 9,2 Prozent bei Haldex hält. Das Werk Heidelberg (bis 1998 Graubremse) macht Haldex nach 95 Jahren dicht und verlagert die Produktion nach Ungarn und England. Die Beschäftigten erhalten laut Sozialplan im Schnitt 129.000 (maximal 195.000 Euro) Abfindung und müssen ab Juli in eine bis zwölf Monate dauernde Transfergesellschaft. Nach dem Aufbrauch der Abfindung und eventueller Ersparnisse droht vielen Hartz IV.

Auch der beispielhafte, aber nicht erfolgreiche Streik beim Maschinerbauer Voith in Sonthofen hat zuletzt gezeigt: Die Belegschaften und die IG Metall werden in den kommenden Auseinandersetzungen in der Krise nur Erfolg haben, wenn sie sich von Standortlogik und Sozialpartnerschaftsideologie lösen. Gegen Schließungen, Verlagerungen, Entlassungen ist gemeinsamer Widerstand notwendig. Onlinepetitionen gegen Arbeitsplatz- und Tarifabbau, wie jetzt von der IG-Metall-Bezirksleitung Baden-Württemberg initiiert, werden gegen eine neoliberale Konzernpolitik nicht reichen.

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