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Aus: Ausgabe vom 08.06.2020, Seite 2 / Inland
Nazikitsch

»Nur in Sachsen schweigen diese Glocken nicht«

Initiative zur Entfernung eines Glockenspiels mit faschistischen Symbolen und Parolen stößt auf Widerstand. Ein Gespräch mit Jonny Michel
Interview: Gitta Düperthal
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Glocke mit Hakenkreuz: Johanniskirche in Lößnitz

Seit längerem beschwert sich die VVN-BdA Chemnitz über das Glockenspiel in der Johanniskirche in Lößnitz/Erzgebirge, weil in einige der aus dem Jahr 1939 stammenden Glocken faschistische Symbole und Sprüche eingraviert sind. Was hat es damit auf sich?

Das Glockenspiel mit 23 Glocken, das täglich in der Stadt im Erzgebirge vom Turm der Johanniskirche erklingt, muss verstummen: Auf einigen der Glocken sind Hakenkreuze eingraviert oder auch der Slogan »Ein Volk, ein Reich, ein Führer«. Eine weitere zeugt mit ihrer Aufschrift von faschistischen Großreichsphantasien: »Im Jahre 1938, als unter Adolf Hitlers Führung Österreich die Ostmark Großdeutschlands wurde und Sudetenland heimkehrte ins Reich«, stolz unterzeichnet: »gegossen von Franz Schilling & Söhne, Apolda«. Darüber hatte uns jemand bereits im August 2019 informiert und gebeten, etwas dagegen zu unternehmen. Wir schrieben daraufhin einen offenen Brief an den CDU-Bürgermeister von Lößnitz, Alexander Troll, der eine Bürgerversammlung einberief. Dort wurde der Verbleib der Glocken befürwortet. Dem Vorsitzenden der Linkspartei Lößnitz, Nicolai Hager, wurde das Mikrofon entrissen, als er dagegen argumentieren wollte. Ähnliche Fälle von Naziglockenspielen gab es übrigens in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Überall wurde durchgesetzt, dass solche Glocken schweigen – nur in Sachsen nicht.

Damit konfrontierten Sie Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sowie die Kirchenoberen – mit welchem Resultat?

Niemand wollte zuständig sein. Kretschmer hatten wir im Oktober 2019 angeschrieben, im Februar dieses Jahr nachgehakt: keine Reaktion. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland war der Meinung, das sei Sache der Kirche in Lößnitz. Der Pfarrer der Kirchgemeinde Lößnitz-Affalter, Raphael Weiß, teilte mit, darüber mit der Stadt im Gespräch zu sein. Die Faktenlage sei ihm »nicht ganz klar«. Der Bürgermeister versuchte, mit Geschichtsklitterung den Verbleib des Glockenspiels zu erreichen: Vor 1945 seien Lößnitzer bemüht gewesen, es der Kriegsmaschinerie zu entreißen und vor dem Einschmelzen zu schützen. Das stimmt nicht. Damals wollten schlicht Nazis die Glocken nicht anderen Nazis überlassen, sondern sie selber behalten.

Clara Pfauter, Angehörige der Eigentümerfamilie des Rüstungsbetriebs Werkzeugmaschinenfabrik Hermann Pfauter, stiftete das Carillon 1938. Was haben Sie darüber in Erfahrung bringen können?

Die Nazibotschaften auf den Glocken kommen nicht von ungefähr. Pfauter war eine Faschistin. Ob sie selber NSDAP-Mitglied war, ist nicht bekannt, ihr in der Geschäftsführung tätiger Sohn Michael Pfauter aber war es; weitere Familienmitglieder vermutlich auch. Dazu gibt es noch Forschungsbedarf. Ihre Firma war als »kriegswichtig« eingestuft. Die Familie beteiligte sich aktiv an den Verbrechen der Faschisten. Sie unterhielt drei Lager, um darin internierte Zwangsarbeiter in ihrer Fabrik auszubeuten. Bei »Disziplinverstößen« wurden sie der Gestapo gemeldet. Nach der Bombardierung von Chemnitz beherbergte die Familie in ihrer Villa in Chemnitz-Harthau eine Gruppe von SS-Angehörigen, die dort Zwangsarbeiter verhörte und Erschießungen vornahm. Nach dem Krieg und dem Volksentscheid zur Enteignung von Kriegs- und Naziverbrechern wurde die Maschinenfabrik enteignet. Als wäre nichts geschehen, baute die Familie in Ludwigsburg eine neue Firma auf.

Neonazis und die AfD sind in Sachsen stark. Spielt das bei der Geschichte des Glockenspiels eine Rolle?

Ja. Dass die Existenz der Nazibotschaften auf den Glocken jahrzehntelang verschwiegen wurde, ist bezeichnend. Der sächsische Erzgebirgskreis ist eine Neonazihochburg..

Wie wird die VVN Chemnitz weiter vorgehen?

Wir sind überzeugt, dass der Antifaschismus wegen des Coronavirus nicht in Quarantäne gehen kann. Wir werden uns mit der Kirche weiter auseinandersetzen; auch mit Tobias Bilz, dem neuen Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen. Dessen Vorgänger Carsten Rentzing hatte wegen rechter Tendenzen zurücktreten müssen. Es darf nicht sein, dass Sachsen das einzige Land ist, wo solche Glocken nicht lahmgelegt werden.

Jonny Michel ist Vorstandmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Chemnitz

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. ( 7. Juni 2020 um 20:50 Uhr)
    Kann man nicht das Glockenspiel als Glockenspiel lassen, aber »entnazifizieren«? Inschriften abschleifen, Infotafeln aufstellen? Fände ich eine bessere Aufarbeitung als das Carillon zu verschrotten. Wenn es einfach nur weg ist, wird auch die ganze Vorgeschichte irgendwann mal schlussstrichmäßig vergessen sein. Genau wie ich finde, dass z. B. Straßennamen mit Bezügen zur deutschen Kolonialgeschichte in Namibia besser stehenbleiben und mit Tafeln der Erinnerung ergänzt werden sollten als ausgewechselt zu werden. Die nächsten Generationen werden dann durch nichts mehr daran erinnert.

    Ach ja, auf dem entnazifizierten Carillon könnte dann z. B. auch »Bella ciao« oder »A las barricadas« gespielt werden. Die alten Faschisten und Nazis sollen ruhig kräftig in ihren Gräbern rotieren ...

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