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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Letzte Lockerung«

Von Maxi Wunder

Portugiesische Austern, dazu Pfälzer Wein Jahrgang 1921, Hors d’oeuvres variés, Forellen in Butter, Spargel sauce au vin, Poulet (Chambertin), Blumenkohl au gratin, Pommes frites, Salat, Omelette soufflée, Camembert, Pfirsiche und Weintrauben, Nürnberger Pumpernickel, dazu ein Lanson brut 1911. Zum Abschluss ein Café nature und eine Chartreuse jaune.

Den Verzehr dieses Dîners empfiehlt der anarchistische Autor Walter Serner (geboren 1889 in Karlsbad, ermordet 1942 auf dem Weg nach Riga) als Vorbereitung auf die Lektüre seines vor 100 Jahren erstmals im Steegemann-Verlag erschienenen Werks »Letzte Lockerung. manifest dada«, das er 1921 mit dem Untertitel »Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen« versehen hat. Es gibt kein besseres Fachbuch zur Coronapandemie: »Erkrankst du, so verbirg dich. Das wird dich rascher gesund machen.« (Kapitel »Training«).

Neben Gesundheitstips enthält es eine Fülle abgeklärter Lebensweisheiten und witziger Aperçus, teils weltläufig wie im Kapitel »Reisen und Hotels«: »Der Chauvinismus und Nationalstolz eines jeden Landes mag dich erkennen lassen, wie weit jedes Volk davon entfernt ist, ein Recht auf diese beiden Eigenschaften zu haben.« Teils skurril komisch wie im Kapitel »Menschenkenntnis«: »Redet einer beim Zuschnüren seiner Stiefel über Buddha, so kannst du ihn augenblicklich erfolgreich anpumpen.« Einiges sollte sich 20 Jahre später tragisch bewahrheiten: »Es ist leichter, einem Verfolger zu entschlüpfen als der Verfolgung.«

Ab 1914 lebte Walter Seligmann, wie Serner eigentlich hieß, in der Schweiz, in die er nach dem in Wien und Greifswald absolvierten Jurastudium fliehen musste, weil er dem desertierten KAPD-Mitbegründer und Schriftsteller Franz Jung als »Dr. W. Serner« missbräuchlich ein Attest ausgestellt hatte. In Zürich schloss sich Serner dem »Mouvement dada« an. Dessen Manifest, besagte »Letzte Lockerung«, löste einen Literaturskandal aus und wurde von Tristan Tzara erfolgreich plagiiert.

Nach seinem Bruch mit der Dada-Bewegung verließ Serner die Schweiz, ein unstetes Reiseleben führte ihn kreuz und quer durch Europa, einschließlich Paris und Berlin, er veröffentlichte Geschichten aus dem Ganoven- und Halbweltmilieu und blieb ab 1928 seiner Maxime »Das beste Buch ist das unterlassene« treu. Er heiratete 1938 und arbeitete bis zu seiner Deportation im Prager Ghetto als Lehrer.

Aus gegebenem Anlass sei hier sein »Lockerlied« zitiert. Es soll nach dem Erwachen memoriert werden, damit man laut Serner das wird, was man sich erträumt: »Glücksritter seines Leibes und des Lebens – Rasta«. »Einst als ich im Jugendzwinger manches faule Rätsel biss, hatt ich vorm Tyrannenfinger einen ganz gewaltgen Schiss. Jetzt da ich im Evening-Dresse nur noch allerlockerst sprühe, ist mir keine Miez zu kesse, keine Tour macht mir noch Mühe. Fest im Kopfe die Parole: ›Mia kann keener, nee, mia nich!‹ fällt die Geste nach der Sohle: ›Alle könn ma inniglich!‹«

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