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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Weimarer Republik

Uneinsichtige »Masse«

Am 6. Juni 1920 erlitt die SPD bei der ersten Reichstagswahl der Weimarer Republik eine schwere Niederlage
Von Leo Schwarz
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Nichts mehr zu holen für die SPD: Solidaritätskundgebung für Sowjetrussland im Berliner Lustgarten (11.5.1920)

Heinrich Cunow – heute vergessen, aber in der Frühzeit der Weimarer Republik so etwas wie der amtliche Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie – stand vor einer einigermaßen unlösbaren Aufgabe. Seit er 1917 von Karl Kautsky die bis 1914 auch international beachtete Theoriezeitschrift der SPD, die Neue Zeit, übernommen hatte, sah er sich in der Pflicht, die Politik der rechten Führungsgruppe der SPD »marxistisch« zu rechtfertigen. Wer, so sein einschlägiges Mantra, die »Gedankengänge der Marxschen Entwicklungslehre« begriffen habe, könne unmöglich auf die Idee kommen, in Deutschland sei die sozialistische Revolution, sei die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft eine Möglichkeit: Marx habe schließlich nachgewiesen, dass »alle politische und wirtschaftliche Entwicklung an historische Bedingungen gebunden ist«. Und die seien dafür nun einmal nicht günstig.

Nach der Reichstagswahl vom 6. Juni 1920, der ersten in der neuen Republik, musste Cunow das im schließlich eingetretenen Ausmaß von kaum jemandem erwartete Debakel der SPD – die Zahl ihrer Stimmen war gegenüber dem Januar 1919, als die verfassunggebende Nationalversammlung gewählt worden war, ziemlich genau halbiert worden – in der Neuen Zeit erklären. Da er die Politik der SPD-Führung nicht angreifen durfte (und auch nicht angreifen wollte), kam er auf die originelle Idee, einerseits die politische Unreife der Wähler und andererseits die Unzulänglichkeit der sozialdemokratischen Presse dafür verantwortlich zu machen, dass Millionen Arbeiter nun USPD, KPD oder gar nicht mehr gewählt hatten.

Rote Fahne im Fenster

Der »Masse«, die nach dem November 1918 zunächst zur SPD gekommen war, habe, so Cunow, schlicht und einfach »die Einsicht in die neuen politischen Lebensnotwendigkeiten« gefehlt. Und die Presse der Partei habe die »naiven Illusionen« dieser Arbeiter nicht etwa bekämpft, sondern, umgekehrt, noch angefeuert, nämlich die »Durchführung der weitreichendsten sozialistischen Wünsche« verheißen und sogar hier und da auf die Regierung »geschimpft«. Was Cunow »übersah«, war ein sehr wesentliches Detail, über das ihn jeder Redakteur etwa des Vorwärts hätte aufklären können: Die SPD hatte die »Masse« seinerzeit überhaupt nur einfangen und ruhigstellen können, weil sie eine große rote Fahne aus dem Fenster hing und die »Durchführung« des Sozialismus versprach – ohne »Erschütterungen« und »gesetzlich« via Nationalversammlung und Verfassung, versteht sich.

Bezeichnend ist, dass Cunow den Hinweis, das »sozialistische Gesamtstimmenergebnis« sei bei der Wahl im Juni 1920 ja in etwa gleich geblieben, wenn man die Stimmen von USPD und SPD addiere, empört zurückwies: Für die »Fortsetzung einer sachgemäßen parlamentarischen Reformtätigkeit« und die Durchsetzung von »Arbeiterforderungen« wäre es ihm zufolge vorteilhafter gewesen, wenn die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) »eine Anzahl Mandate gewonnen« und dafür die USPD »den größten Teil ihrer Sitze eingebüßt« hätte. Wahlempfehlungen für bürgerliche Parteien, Daumen gedrückt für das Verschwinden der revolutionären Linken: Das war der »Marxismus« der SPD im Jahr 1920.

Soviel allerdings räumte auch Cunow unumwunden ein: Die Reichstagswahl im Juni 1920 war ein Desaster für das bürgerlich-sozialdemokratische Bündnis aus SPD, DDP und Zentrum – die »Weimarer Koalition«, die sich 1919 zusammengefunden hatte. Die drei Parteien hatten im Januar 1919 zusammen mehr als drei Viertel der Wählerstimmen erhalten; im Jahr darauf kamen sie nicht einmal mehr auf die Hälfte. Die Wahl hatte zwei wesentliche Ergebnisse: Sie dokumentierte einerseits die Radikalisierung der Arbeiterbewegung, die im Frühjahr 1919 eingesetzt hatte, und andererseits einen deutlichen Rechtsruck der bürgerlichen Wählerschaft.

Die SPD verlor gegenüber 1919 knapp sechs Millionen Stimmen (etwa die Hälfte), die DDP 3,5 Millionen (deutlich mehr als die Hälfte), das Zentrum (und sein Ableger Bayerische Volkspartei) 1,3 Millionen (fast ein Viertel). Die USPD konnte ihre Stimmenzahl auf knapp 4,9 Millionen mehr als verdoppeln; sie gewann 61 Mandate hinzu, während die SPD 60 verlor. Die KPD, die nach einem entsprechenden Beschluss ihres 4. Parteitages im April 1920 erstmals angetreten war, kam auf 442.000 Stimmen und zwei Mandate (für Paul Levi und Clara Zetkin). Ihre Stimmenzahl und die der USPD, deren linker Mehrheitsflügel sich wenige Monate später mit der KPD zusammenschloss, bildeten in etwa die zahlenmäßige Stärke der revolutionären Linken im Sommer 1920 ab (rund ein Fünftel der Wählerschaft). Mit der Parole »Wer für die Kommunisten stimmt, stimmt für die unverantwortliche Zersplitterung der revolutionären Kräfte« hatte die USPD allerdings noch explizit Wahlkampf gegen die KPD gemacht.

Auch wenn die Zahl der – im weitesten Sinne – »sozialistischen« Stimmen im Juni 1920 im Kern konstant blieb (42,1 Prozent gegenüber 45,5 Prozent im Vorjahr), so zeigt doch ein genauer Blick auf die Wahlstatistik, dass in einigen Milieus bereits ein Rückzug der Arbeiterbewegung eingesetzt hatte: Insbesondere in den preußischen Ostprovinzen, wo im Januar 1919 ein nennenswerter Teil der Landarbeiter und Kleinbauern für die SPD gestimmt hatte, war (mit Ausnahme Schlesiens) ein Jahr später die politische Vorherrschaft der Partei der Großgrundbesitzer, der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), wieder unangefochten.

DVP mit an Bord

Den größten Stimmenzuwachs (plus 121 Prozent, 62 statt bisher 19 Sitze) erzielte am 6. Juni die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP); auch die DNVP konnte deutlich zulegen. Obwohl es noch keine Wählerbefragungen gab, war dieses Ergebnis in der Tendenz vorab von vielen Beobachtern erwartet worden. Auch deshalb hatten DVP und DNVP schon seit dem Herbst des Vorjahres die Auflösung der Nationalversammlung und unverzügliche Reichstagswahlen verlangt, waren mit einem solchen Antrag aber noch am 9. März 1920, wenige Tage vor dem Kapp-Lüttwitz-Putsch, in der Nationalversammlung gescheitert. Der misslungene Putsch hatte die Desperadopolitik der reaktionären Ultras in Verruf gebracht, aber das reaktionäre Lager insgesamt nicht geschwächt. Dafür hatte auch die Regierung des sozialdemokratischen Reichskanzlers Hermann Müller, der am 27. März 1920 seinen völlig diskreditierten Parteifreund Gustav Bauer abgelöst hatte, nichts getan. Ende April beugte sich das Kabinett Müller dem Druck der bürgerlichen Rechten und setzte die Reichstagswahl kurzfristig an.

Nach der Wahl bot die DVP den drei ehemaligen Mehrheitsparteien an, in die Regierung einzutreten, machte aber zur »Bedingung«, dass die SPD nicht mehr den Kanzler stellte. Die SPD-Führung nahm (mit Recht) an, der eigenen Parteibasis nicht zumuten zu können, in eine Regierung einzutreten, die von einem bürgerlichen Kanzler geführt wurde und an der gleichzeitig die als »Partei der Schwerindustrie« geltende DVP (einer der neuen DVP-Abgeordneten war Hugo Stinnes) beteiligt war. Sie beschloss allerdings, eine solche Regierung parlamentarisch zu stützen. Die rechtssozialdemokratische Geschichtsschreibung hat dafür selbstverständlich eine Rechtfertigung parat: »Wenn die Republik regierbar bleiben sollte, mussten die Sozialdemokraten das neue bürgerliche Kabinett tolerieren« (Heinrich August Winkler). Am 25. Juni 1920 ernannte Reichspräsident Friedrich Ebert den Zentrumspolitiker Constantin Fehrenbach zum Reichskanzler, der ein Minderheitskabinett aus Mitgliedern seiner Partei, der DDP, der DVP und zwei parteilosen »Fachleuten« bildete. Die Republik hatte ihre erste rein bürgerliche Regierung.

Reaktionärer Block

Das Berliner USPD-Blatt Freiheit analysiert in seiner Abendausgabe vom 7. Juni 1920 das Wahlergebnis:

Die Wahlen zeigen so auf der einen Seite eine außerordentliche Erstarkung der bürgerlichen Reaktion. Ein großer Teil der deutschen besitzenden Klassen in Stadt und Land hat sich zu den Parteien des Militarismus und der Gegenrevolution bekannt, zu den Parteien, die die Wiederherstellung der Monarchie, die Entrechtung der Arbeiterklasse, den Kampf für uneingeschränkte Herrschaft des Kapitals auf ihre Fahne geschrieben haben. Die bürgerliche Mittelpartei, die demokratische, ist beinahe bis zur Bedeutungslosigkeit vermindert, und es unterliegt kaum einem Zweifel, dass der starke Zug nach rechts diejenigen Kreise des Zentrums gewaltig stärken wird, die bereits während der Wahlbewegung den Rechtsabmarsch ihrer Partei vorbereitet haben. Die deutschen besitzenden Klassen bilden heute einen starken reaktionären Block. Sie haben aus Krieg und Revolution nichts gelernt. (…) Die Möglichkeit einer rein bürgerlichen Regierung, eines noch verschärften Kampfes gegen die sozialistische Arbeiterschaft ist in die Nähe gerückt.

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