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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Reinwaschungsversuch

Zu jW vom 27.5.: »Diese Art Deutsche«

Detlef Kannapin hat eine aufschlussreiche Interpretation (…) der vor über 30 Jahren gefertigten Analyse des MfS-Mitarbeiters und Historikers Jörg Villain über den sogenannten Historikerstreit in der BRD (…) geliefert. Ich sehe den Historikerstreit als den Beginn eines großangelegten Versuchs an, den Faschismus »geistig-moralisch« reinzuwaschen, nachdem in den Jahrzehnten zuvor Tausende schwerbelastete Nazis an allen Schalthebeln der Bundesrepublik völlig ungeniert tätig sein konnten. In beiden Phasen dieser Entwicklung stellte die CDU mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl die Bundeskanzler. Sollte das nur Zufall gewesen sein? Im übrigen sehe ich im damals losgetretenen Historikerstreit auch eine große Mitschuld für die gegenwärtigen nationalistisch-völkischen Entgleisungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. »Diese Art Deutsche« zu zähmen, das ist offensichtlich ureigenste, ständige Aufgabe, denn sie sind auch für andere Deutsche eine reale Gefahr. Das war vor 100 Jahren, so zeigt es die deutsche Geschichte, leider keineswegs anders.

Rainer Döhrer, Barchfeld/Werra

Politik der Kompromisse

Zu jW vom 25.5.: »Die Revolution fiel aus«

Der frühere italienische KP-Chef Palmiro Togliatti hatte für das Nachkriegsitalien nie etwas anderes als eine Kompromisspolitik im Sinn. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien (im Juni 1943, jW) und dem Waffenstillstand (vom September 1943, jW) kam Togliatti im März 1944 aus der Sowjetunion zurück (…), mit genauen Direktiven Stalins: keine revolutionäre, sondern eben eine Kompromisspolitik. Bereits einige Tage zuvor hatte die UdSSR die Regierung unter dem faschistischen General Pietro Badoglio, der den Waffenstillstand unterschrieben hatte, anerkannt. Die Direktiven wurden in der sogenannten »Wende von Salerno« präsentiert und durchgesetzt: Es sollte ein Kompromiss zwischen antifaschistischen Parteien, Monarchie und Badoglio gefunden werden. Bei der nationalen konstituierenden Versammlung von Neapel am 11. April sagte Togliatti: »Wir werden dem Volk vorschlagen, Italien zu einer demokratischen Republik zu machen, mit mehreren Parteien … Wir werden jedoch vorschlagen, dass diese Parteien … ein demokratisches und nationales Programm haben.« Wenn Togliatti nie die Chance einer revolutionären Situation wahrnahm, wie Gerhard Feldbauer treffend schreibt, dann nicht wegen eines getrübten strategischen Blicks, sondern aus Taktik. Sein größter Fehler blieb jedoch die Amnestie für die Faschisten, als er 1946 Justizminister war. (…)

Leonhard Schäfer, Florenz

Nicht sauber

Zu jW vom 28.5.: »Völlig abgehoben« und »Die Autolobby hält winselnd die Hand auf«

(…) Dem »Zukunftspakt« von Bündnis 90/Die Grünen (…) zufolge seien staatliche Hilfen für die Autoindustrie durchaus zulässig, wenn »klimaneutral« produziert werde. Mit Hilfe von Investitionsanreizen ließen sich Autos nämlich mit »sauberen« Antrieben herstellen, diese »klimafreundlichen« Autos müssten durch öffentliche Beschaffungsprogramme und Kaufanreize beschleunigt in den Verkehr gebracht werden, während der Flugverkehr erst zu einem späteren Zeitpunkt »klimafreundlich« werden soll. Deshalb stimme ich dem Aktionsbündnis »Sand im Getriebe« zu, wenn es nun anstatt einer »Antriebswende« eine grundlegende Verkehrswende fordert, weil alles andere nachweislich dem Klima schadet und auch der Lebensqualität in den Städten. Hinzu kommt, dass der sogenannte grüne Strom (…) in erheblichem Maß aus »Biomasse« gewonnen wird, nicht zuletzt durch die Verbrennung von Holz in alten Braunkohlekraftwerken der Stromriesen RWE, Vattenfall und Uniper (früher Eon), was umweltschädlicher ist als die Verbrennung von Braunkohle selbst. Die andere Hälfte der »Biomasse« verteilt sich auf die Stromproduktion aus »Biogas« und flüssigen Brennstoffen wie Raps- oder Palmöl (!) sowie »Biodiesel«. Diese Art von »Biomasse« gedeiht in Form monströser Monokulturen, in denen kein Bienchen mehr summt und kein Vogel mehr zwitschert. Weil der Anbau von Energiepflanzen wie Raps und Mais dank Erneuerbare-Energien-Gesetz stark subventioniert wird, sind hier längst branchenfremde Investoren wie der Rückversicherer Munich Re, der Optiker Fielmann oder der Abfallentsorger Rethmann im Geschäft – anstelle von »Biobauern«. Inzwischen beanspruchen die Monokulturen aus Energiepflanzen mehr als 2,3 Millionen Hektar in der BRD! Auch bei den Lieferketten, die für die Batterien von Elektroautos benötigt werden, geht es weder ökologisch noch sozial zu. Deshalb wirkt das alles auf mich durchaus nicht sauber, hierfür noch »Kaufanreize« zu fordern, finde ich genauso »fossil« (versteinert, vorweltlich) wie Flugreisen oder Zuschüsse für Diesel-Pkw.

Iri Wolle, Berlin

Kaufanreize für Elektroautos zu fordern finde ich genauso ›fossil‹ und ›vorweltlich‹ wie Flugreisen oder Zuschüsse für Diesel-Pkw.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Elke Dieterich: Nicht sauber Ich schließe mich dem Statement von Frau Iri Wolle an; ihre Erläuterungen bringen diesen Themenkomplex genau auf den Punkt. Fahrzeuge mit Elektromotor sind bei weitem nicht die Lösung! Ein halbes Kil...
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