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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 5 / Inland
Schulpolitik in der BRD

Schule im Ausnahmezustand

Gewerkschaft beklagt Konzeptlosigkeit der Behörden und fehlende digitale Ausstattung
Von Susan Bonath
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Schulalltag unter Coronabedingungen – oft fehlt aber eine räumliche und digitale Ausstattung in den Klassenräumen, kritisiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Unterricht in Schichten, mangelhafte räumliche wie digitale Ausstattung sowie strenge Auflagen für Hygiene und Abstand, die in der Realität insbesondere in Grundschulen kaum umsetzbar sind: In bundesdeutschen Schulen herrscht weiterhin Ausnahmezustand. Und: Überall gelten andere Regeln für die langsame Öffnung der Bildungsstätten, denn Schule ist Sache der Länder und Kommunen. Kein Wunder: Mit den Problemen fühlen sich die Lehrer von der Politik allein gelassen.

Die Situation sei unsicher, die Belastung für Lehrer und Schüler enorm, schlägt die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen jetzt Alarm. Beispielsweise änderten sich die Auflagen ständig. Freitagnachmittag verschicke das Landesministerium neue Hygienepläne, die Risikogruppen würden ständig neu definiert. »Das soll dann über das Wochenende bis zum Montag umgesetzt sein«, erläuterte die Gewerkschaft am Donnerstag in einer Mitteilung. So sei der Unterricht nicht zu planen, weil nie klar sei, welche Lehrkraft für welche Aufgaben überhaupt eingesetzt werden könne. Hinzu komme: »Vollkommen allein und im Regen stehen gelassen sind Schulleiter bei der Planung des neuen Schuljahres.« Es gebe keine Informationen, »wie zum Beispiel eine Balance aus Präsenz- und Onlinelernen umgesetzt werden soll«, so die GEW Hessen.

Auch in Sachsen-Anhalt herrscht große Verunsicherung. Bis Mitte Juni sollen dort die meisten Grundschulen einem neuen Erlass der Landesregierung zufolge vollständig geöffnet werden. Das Gebot: Die Kinder sollen in festen Gruppen zusammenbleiben, die einander nicht begegnen. Dies sei »fern der Realität«, sagte die GEW-Landesvorsitzende Eva Gerth am Freitag jW. »In den meisten Grundschulen ist das überhaupt nicht umsetzbar«, so Gerth. Deshalb lasse die Gewerkschaft den jüngsten Erlass nun gerichtlich überprüfen. Sie rügte zudem die ständigen Änderungen. Gerade hätten die Schulen den sogenannten Teilpräsenzunterricht in kleinen Gruppen »sehr gut geregelt«. Danach geht seit Anfang Juni erst ein Teil der Schüler ein paar Tage zur Schule, dann der andere Teil. Für die restliche Zeit erhalten sie Hausaufgaben. Werde alles geöffnet und die Abstandsregeln gekippt, könne dies Lehrer gefährden.

Der Berliner GEW-Chef Tom Erdmann hatte zu Wochenbeginn resümiert, dass die geplante Öffnung schon personell nicht umzusetzen sei. 20 Prozent der Lehrer könnten wegen Vorerkrankungen derzeit keinen Unterricht geben. »Selbst wenn wir keine Klassengrößen reduzieren würden und keine Abstandsregeln einhalten müssten, hätten wir schon nicht genügend Personal«. Schon vor der Pandemie herrschte in vielen Schulen gravierender Lehrermangel.

Auf der anderen Seite schlägt die soziale Ungleichheit zu Buche. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie haben vor allem Kinder aus armen Familien weiter ins Abseits gedrängt und viele Eltern, die sich nicht ins Homeoffice zurückziehen konnten, vor unlösbare Aufgaben gestellt. Es scheitert nicht nur am mangelnden Zugang vieler Familien zu digitalen Homeschoolingangeboten, sondern auch an fehlenden Möglichkeiten für die Kinderbetreuung. Die Lehrer sind hier ebenfalls allein gelassen. »Neun von zehn Lehrkräften müssen ihre privaten Endgeräte für dienstliche Zwecke nutzen«, ergab eine Umfrage der Gewerkschaft, deren Ergebnisse GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann auf einer Pressekonferenz am Mittwoch präsentiert hatte. Hier werde die geforderte Digitalisierung zur Privatsache erklärt. Dies müsse sich dringend ändern. Die 500 Millionen Euro, die der Bund für die digitale Aufrüstung der Schulen bereitgestellt habe, reichten nicht aus.

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