Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Sa. / So., 8. / 9. August 2020, Nr. 184
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Kapitalismus, Protest-Abo! Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Contra Kapitalismus, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 05.06.2020, Seite 15 / Feminismus
Debatte um »Sexkaufverbot«

»Unproduktiver Streit«

Verhärtete Fronten unter Feministinnen: Zwist über »Sexkaufverbot« dreht sich im Kreis. Bußgelder für Prostituierte in der Coronakrise wollten beide Seiten nicht
Von Claudia Wangerin
15.jpg
Aussage, die nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt, zum »Internationalen Hurentag« in Berlin

Die Debatte über ein »Sexkaufverbot«, wie es in skandinavischen Ländern bereits existiert, war schon vor der Coronakrise festgefahren und hat Feministinnen quer durch das linke wie das bürgerliche Lager tief gespalten.

Aktuell ist Prostitution aus Infektionsschutzgründen tatsächlich bundesweit verboten – aber das war nicht exakt das, was Aktivistinnen wie Huschke Mau sich vorgestellt hatten. »Bevor ihr jubelt: Das ist eine Katastrophe«, schrieb die ehemalige Prostituierte, die seit längerem eine Bestrafung der Freier nach dem »nordischen Modell« fordert, bereits Mitte März in ihrem Blog, als gerade die Stadt Stuttgart – wenige Tage vor den bundesweiten Kontaktbeschränkungen – ein solches Verbot verhängt hatte. »Die Prostitutionslandschaft in Stuttgart besteht, wie fast überall, zu 80 bis 90 Prozent aus Zwangs- und Armutsprostituierten aus Südosteuropa. Diese Frauen haben oft keine Krankenversicherung, oder nur eine unzureichende, selbstredend keinen Angestelltenstatus mit Recht auf Lohnfortzahlung, oft nicht mal Anspruch auf Hartz IV«.

Kampf um Deutungshoheit

Der von ihr genannte Prozentsatz der Zwangs- und Armutsprostituierten wird von Aktivistinnen und Aktivisten der Gegenseite angezweifelt – die Organisation »Doña Carmen e. V.« aus Frankfurt am Main, die sich laut Selbstdarstellung »für politische und soziale Rechte von Prostituierten« einsetzt, hält Armutsprostitution sogar für einen »Kampfbegriff«, mit dem die Branche schlechtgemacht werden soll. Pendlermigration und »ein gewisses Maß an Wohnungslosigkeit« seien diesem »hochmobilen Gewerbe« nicht erst seit den Zeiten von Corona eigen, erklärte der Verein am 28. April. Er beschwerte sich über die angebliche Dramatisierung der Lage durch Verbände, die Notfallhilfen für Prostituierte gefordert hatten, um diese in der Coronakrise vor Obdachlosigkeit zu bewahren. Tenor: Alles nicht so schlimm. Organisationen, die anderes behaupteten, unterstellte »Doña Carmen«, gemeinsame Sache mit den Abolitionistinnen – also denen, die das Gewerbe abschaffen wollen – zu machen. Dabei hatte auch der »Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V.« (BESD) Alarm geschlagen: »Die Frauen auf dem Straßenstrich trifft es am allerschlimmsten«, hatte Nicole Schulze vom Vorstand des BESD bereits Anfang April mit Blick auf Verdienstausfälle durch die Coronakrise erklärt.

Huschke Mau gesteht in ihrem besagten Blogbeitrag ein, dass sich das ihr verhasste Gewerbe zumindest nicht von heute auf morgen abschaffen lässt – »Sie werden also heimlich anschaffen, denn sie haben keine andere Wahl« – und fordert, »die Freier zu bestrafen und den Frauen Ausstiegshilfen oder wenigstens eine finanzielle Absicherung zu genehmigen, die ihnen überhaupt ermöglicht, von der Prostitution zu pausieren«.

Diejenigen, die gar nicht aussteigen wollen, aber auch Profiteure, die nicht selbst ihren Körper hinhalten, stellen sich die Lösung etwas anders vor, wie sie mit der Kampagne »Rotlicht an« insbesondere zum »Internationalen Hurentag« am 2. Juni deutlich machten. Unter dem Hashtag #RotlichAN äußern sich im Internet sowohl selbstbewusst auftretende Prostituierte als auch Bordellbetreiber – unter den Statements wird munter Werbung für derzeit geschlossene Betriebe verlinkt.

Ein »Hygienekonzept«, das der BESD als Alternative zum Corona-Lockdown der Branche vorgelegt hat, beinhaltet als logische Folge der Mundschutzpflicht den Ausschluss »gesichtsnaher Dienstleistungen«. Der Mindestabstand von 1,5 Metern ist aber sowieso nicht einzuhalten, also wird einfach mal »eine Unterarmlänge« zwischen den Köpfen vorgeschlagen. »Hygienedemonstranten«, die das Virus für weitgehend ungefährlich halten, sehen darin vermutlich eher eine gelungene Satire auf die mutmaßliche »Coronahysterie« als einen ernstgemeinten Vorschlag. Wer aber die bisher geltenden Abstandsregeln für sinnvoll hält, um eine »zweite Welle« der Pandemie zu verhindern, müsste sich ernste Sorgen machen, wenn die Bordelle mit diesen Auflagen sofort wieder öffnen dürften.

16 Bundestagsabgeordnete aus Union und SPD hatten am 19. Mai in einem Brief an die Regierungschefs der Länder gefordert, die Prostitutionsstätten langfristig zu schließen. Eine Woche später verlangte der Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BSD), dem sowohl Bordellchefs als auch Sexarbeiterinnen angehören, in einem offenen Brief, die verfügten Schließungen wieder aufzuheben.

Falsche Freunde

Einig sind sich die zerstrittenen Feministinnen zumindest in der Ablehnung des Status quo, der Bußgelder für die Prostituierten selbst vorsieht. Eine Annäherung scheint aber kaum möglich: Bei linken Verbotsbefürworterinnen schwingt nicht selten die Angst mit, dass die Anerkennung von Sexarbeit als »ganz normale Arbeit« Jobcenter dazu verleiten könnte, erwerbslose Frauen unter Androhung von Sanktionen an Bordelle zu vermitteln. Dagegen dürfte es allerdings auch von konservativer Seite erheblichen Widerstand geben. Gerade der partielle Schulterschluss von Antikapitalistinnen mit Anhängerinnen und Anhängern von C-Parteien bringt aber wiederum selbstbewusste Sexarbeiterinnen auf die Palme, die zwar in der Regel ebenfalls gegen Hartz-IV-Sanktionen sind, sich jedoch gegen moralische Stigmatisierung wehren. Letztere schadet übrigens genauso den Ausstiegswilligen, da Sexarbeit bei Bewerbungen um andere Jobs nicht so einfach im Lebenslauf angegeben werden kann.

Vor falschen Freunden müssen sich aber auch linke Verbotsgegnerinnen in acht nehmen – im Fall des BSD ist von vornherein klar, dass Bordellbetreiber mit im Boot sitzen, aber auch »Doña Carmen« argumentiert oft eher im Stil einer »gelben Gewerkschaft«, die nichts auf »ihre« Branche kommen lässt, als klar und deutlich für Ausgebeutete Partei zu ergreifen.

Bedingt freier Wille

Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, lehnt ein »Sexkaufverbot« ab und nennt den Streit »unproduktiv«: In der Illegalität würden sich die Arbeitsbedingungen der Prostituierten nicht verbessern, sondern verschlechtern, so Möhring. Die Verhältnisse in der Branche will sie aber nicht schönreden und erkennt zumindest an, dass Freiwilligkeit in Zeiten des Hartz-IV-Sanktionssystems relativ ist, da es den Zwang zur Sicherung des Lebensunterhalts gibt: »Diesem Zwang unterliegen leider alle, die nicht über Eigentum an Produktionsmitteln oder Kapitalvermögen verfügen«, hatte Möhring im Herbst in einem Beitrag für das Portal Die Freiheitsliebe geschrieben.

Argumentative Schwächen gibt es auf beiden Seiten: Als Hauptargument für eine generelle Freierbestrafung werden oft Übergriffe und Gewaltverhältnisse genannt, die schon jetzt strafbar sind, aber aufgrund erfolgreicher Manipulation und Einschüchterung der Opfer selten angezeigt werden – ähnlich wie bei häuslicher Gewalt. Teilnehmerinnen der Kampagne »Rotlicht an« halten dagegen, wer sich als junge Frau von einem als »Loverboy« auftretenden Zuhälter manipulieren lasse, könnte genauso gut einen prügelnden Ehemann abbekommen – und dies sei ja auch kein Grund, Hochzeiten zu verbieten. So entwaffnend das Argument auf den ersten Blick wirkt: Der unsolidarische Unterton ist kaum zu überhören. Die Branche, in der solche »Anwerber« unterwegs sind, wird hier mit dem Hinweis auf die Naivität der Opfer verteidigt, statt von ihr die konsequente Ausgrenzung solcher Akteure zu verlangen. Die »Loverboy«-Masche sowie Prostitution aus wirtschaftlicher Not, Beschaffungsprostitution suchtkranker Menschen und auch unmittelbarer Zwang, dem vor allem Frauen mit unsicherem Aufenthaltsstatus ausgesetzt sind, werden gern als Randphänomene abgetan.

Erfolgreiche, selbstbestimmte Prostituierte wie die Hamburgerin Undine de Rivière, organisiert im BESD, weisen darauf hin, dass manche Frauen eben falsch in diesem Gewerbe seien und dies leider zu spät merkten. Die Nachfrage nach sehr jungen, mädchenhaften Frauen scheint aber in dieser Branche so groß zu sein, dass immer wieder welche dort hineingezogen werden, deren Selbstfindungsprozess noch nicht abgeschlossen ist.

Aktivistinnen wie Huschke Mau und Sandra Norak präsentieren als Überlebende dieser menschenverachtenden Praxis die Rechnung dafür. Mit Schönfärberei werden sie kaum zu überzeugen sein, dass ihre Verbotsforderung die Lage der Betroffenen nicht verbessert. Denn wer erst mal einen Großteil der Probleme leugnet, die sie durch ein »Sexkaufverbot« lösen wollen, macht sich aus ihrer Sicht unglaubwürdig.

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Die inhaltliche Basis für Protest: konsequent linker Journalismus. Jetzt Protest-Abo bestellen!