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Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 15 / Medien
Selbstdarstellung

Basteln auf Wikipedia

Internetanbieter Unitymedia entfernt kritische Passagen aus Einträgen über eigene Firma. Neuer Mutterkonzern Vodafone weiß von nichts
Von Marvin Oppong
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Telekomriese Vodafon hat Unitymedia geschluckt. Von deren »Bemühungen« auf Wikipedia will er nichts wissen

Ende April geriet der Telekommunikationsanbieter Unitymedia, der seit Februar zu Vodafone gehört, in die Schlagzeilen. Eine Internetstörung legte Telefon- und Netzzugänge Tausender Kunden lahm. Um »technische Probleme« ging es auch im Wikipedia-Eintrag über das Unternehmen. Wie nun publik wurde, hat die Firma Änderungen in der deutschsprachigen Ausgabe des Internetlexikons vorgenommen, die sie in einem besseren Licht dastehen lassen.

Spätestens seit bekannt ist, dass auch Journalisten gerne bei Wikipedia abschreiben, hat dies das Interesse der PR-Abteilungen von Unternehmen geweckt. Um die Transparenz zu erhöhen, gibt es in der deutschen Wikipedia »verifizierte Accounts«. Firmen können sich hierbei über eine E-Mail-Adresse namhaft machen – so ist klar, von wem eine Bearbeitung stammt. Der verifizierte Account von Unitymedia war gleich bei mehreren Einträgen aktiv. Betroffen sind die Artikel »Unitymedia«, »Unitymedia KabelBW«, »Kabel BW« und »Horizon«.

Über »Horizon«, eine von Unitymedia und Kabelnetzbetreibern u. a. auch in der Schweiz und den Niederlanden verwendete sogenannte TV-Set-Top-Box, hieß es im dazugehörigen Wiki-Eintrag: »Auch in Deutschland gibt es seit der Einführung immer noch einige Mängel sowie Lieferschwierigkeiten.« Das Laden von Daten in die Box könne »trotz einer schnellen Internetverbindung einige Stunden in Anspruch nehmen«. Von Kunden werde auch »die Geräuschentwicklung sowie ein hoher Stromverbrauch der Horizon kritisiert«. Zu lesen war das bis Oktober 2014. Dann wurden diese Passagen durch das Unternehmen entfernt. Unitymedia gab im Bearbeitungskommentar an, man habe den Artikel »ausgebaut und aktualisiert, insbesondere international auch was die Kritik betrifft«. Die beschriebenen Probleme zur Horizon-Box sind heute in dem Enzyklopädieartikel nicht mehr zu finden.

Ebenso gab es im Eintrag über die Box einen eigenständigen, mit »Kontroverse« betitelten Absatz. Darin hieß es, das Gerät werde insbesondere in der Schweiz »stark kritisiert«. Belegt wurde dies mit einem Pressebericht des Schweizer Mediums PC Tipp. So seien »in der intensiv betriebenen Werbung angepriesene Funktionen, wie Replay oder fehlende Apps für Android und Windows Phone, bislang nicht oder unzulänglich umgesetzt«. Eine weitgehend baugleiche Box und Software sei trotz weit zurückliegender Einführung und Kundenrückmeldungen in den Niederlanden »nach wie vor mit einer größeren Zahl von technischen Mängeln behaftet«. Auch dieser Absatz wurde entfernt.

Die Wikipedia-Regeln bejahen einen Interessenkonflikt, wenn jemand »über sich selbst schreibt (…) oder das Unternehmen, dem er angehört«. Ein Sonderfall ist bezahltes Schreiben. Die zentrale Regel sieht vor, dass Artikel »aus einer redaktionell neutralen Sicht dargestellt werden«.

In dem Wiki-Eintrag über Unitymedia stand, beim Anbieter Kabel BW, mit dem Unitymedia 2012 fusionierte, seien Tester im Bereich der Telefonie auf »Probleme« gestoßen. »Unter anderem bemängelten sie einen hohen Anteil nicht zustande gekommener oder unerwünscht beendeter Gespräche.« Zudem hieß es dort, dass bei einem Test der Stiftung Warentest Kabel BW »ein besonders schlechtes Ergebnis erzielte. Die Tester kritisierten, dass die Mitarbeiter nicht ausreichend geschult seien.« So sei »Anrufern irrtümlich die maximal erreichbare Geschwindigkeit eines Internettarifs garantiert« worden, »obwohl es sich um ›bis zu‹-Angaben handelte«. Im März 2015 wurde diese Information von dem verifizierten Unitymedia-Account in den weit weniger häufig aufgerufenen Wikipedia-Eintrag über Kabel BW verschoben.

Im Eintrag über Unitymedia KabelBW hieß es: »Im Zuge der aufgeflammten Debatte über die Netzneutralität und die Definition des technischen und rechtlichen Netzabschlusses« habe Unitymedia KabelBW »zunehmend in der Kritik« gestanden, da bei beiden Marken »nur noch Zwangsrouter zum Einsatz« kämen. »Lediglich in den deutlich höherpreisigen Businesstarifen für den reinen Internetanschluss ohne Telefonie« würden noch Modems bereitgestellt, die einen technisch einwandfreien Anschluss eigener Hardware und im Falle von Kabel BW damit auch die Einrichtungen anderer VoIp-Provider erlaubten. Auch diese Angaben wurden im Oktober 2014 über den offiziellen Account von Unitymedia mit der Begründung, der Absatz enthalte »keine einzige zulässige Quelle, die Google-Suche reicht als Beleg nicht aus«, aus der Wikipedia entfernt.

Der neue Mutterkonzern Vodafone macht es sich leicht. Ein Sprecher teilte auf jW-Anfrage am Dienstag lediglich mit, es lägen »keine Informationen dazu vor. Uns sind auch keine Änderungen des Wikipedia-Eintrags bekannt, die von Vodafone initiiert oder autorisiert wurden. Auch haben wir keine Kenntnisse davon, wer diese Änderungen angestoßen hat, wer bei Wikipedia diese geprüft und wer sie dann online gestellt hat.«

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Debatte

  • Beitrag von Horst Aden aus Berlin ( 5. Juni 2020 um 10:59 Uhr)
    In Wikipedia kann man sich unbedenklich beispielsweise über Blumen und technische Dinge informieren. Sobald aber Profitinteressen im Spiel stehen, werden von Lobbyisten ohne Rücksicht auf Sachverhalte und die im Grundgesetz festgelegte Unantastbarkeit der Würde des Menschen die ihren eigenen Interessen entgegenstehende Artikel gefälscht.

    Das Pharmainvestment, das im wesentlichen nicht die Heilung, sondern nur die Symptombehandlung verfolgt, sieht durch Heilung seinen Dauerabsatz von Medikamenten gefährdet. Daher ist seine Lobby besonders aktiv an solchen Fälschungen beteiligt. Hinweise auf Hunderte ernsthafter Studien werden durch die Aussage ersetzt, dass die Wirkung nicht belegt sei. Nicht genug damit, werden ernstzunehmende Wissenschaftler als Scharlatane diffamiert.

    Die Medizin ist nicht das einzige Gebiet, auf dem so etwas stattfindet, und zum Leidwesen der Opfer gibt es keinen Gott, der diese Lobbyisten daran hindert. So ist beim Lesen von Wikipedia, die auf vielen Gebieten sehr sachlich und informativ ist, kein Verlass und immer Vorsicht geboten.

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