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Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 12 / Thema
Geschichte Ungarns

Ein dreifach Nein

Vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Trianon unterzeichnet. Ungarn verlor zwei Drittel seines Territoriums. Die Regierung in Budapest übte sich in Revanchismus. Viktor Orban knüpft daran mit einem Denkmal an
Von Christian Stappenbeck
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Ein Raub- und Diktatfrieden gegen Ungarn. So bewertete dieser unbekannte Postkartenzeichner um 1920 den Vertrag von Trianon

Man stelle sich vor, im Zentrum Berlins, unweit vom Reichstag würde eine »Gedenkstätte der Nationalen Zusammengehörigkeit« errichtet, als Gruß an die deutschsprachigen Minderheiten im Ausland – mit den eingravierten Namen aller Ortschaften, die 1913 noch zum Deutschen Reich gehörten: darunter Straßburg und Danzig, Pillau und Memel, Haderslev, Eupen und Malmedy … Orte im heutigen Frankreich, Polen, Russland, Litauen, Dänemark und Belgien. Schwer vorstellbar, obwohl eine gewisse Fraktion im Bundestag dem Gedanken sicher wohlwollend gegenüber stünde.

Vergleichbares ist in Budapest tatsächlich konzipiert und fertiggestellt worden. Es handelt sich um eine ins Unterirdische führende sogenannte Megarampe, 100 Meter lang und vier Meter breit, die daran erinnern soll, wie groß Ungarn einmal war. Das Denkmal hat 16 Millionen Euro gekostet und sollte ursprünglich heute zum 100. Jahrestag des Friedensvertrages von Trianon feierlich eingeweiht werden (coronabedingt ist der Termin auf unbestimmte Zeit verschoben). Diese Rampe wird für Regierungschef Viktor Orban eine steinerne Bühne werden. »Die Regierung Orban führte direkt nach ihrem Amtsantritt 2010 einen Trianon-Gedenktag ein und schrieb die Verantwortung des ungarischen Staates für die ethnischen Ungarn im Ausland in der Verfassung fest.«¹ Die seitlichen Mauern des schräg abwärts führenden Grabens verzeichnen mehr als 12.000 Ortsnamen des Königreiches Ungarn nach dem Vorkriegsstand bis 1914. Darunter freilich auch solche, in denen kaum Ungarn siedelten. Das sorgt für Ärger mit vier Nachbarstaaten.

Der Vertrag von Trianon – was war das? Offensichtlich ist das Datum in Ungarn auch nach hundert Jahren noch sehr präsent, mehr als sagen wir mal »Versailles« hierzulande. Damals stand der Nationalist Miklos Horthy als Reichsverweser an Ungarns Spitze. Der heutige Regierungschef Orban hat seine Hochachtung für den Admiral deutlich ausgedrückt und fördert den Horthy-Kult. Wie populär ist seine rückwärtsweisende Politik?

Drei Ungarn unterschiedlichen Alters, kürzlich von mir befragt, geben auf die Frage, was sie über das Denkmal denken und ob sie mit Trianon etwas verbinden, verschiedene Antworten. Die 29jährige meint: Auch wenn damals krasses Unrecht geschah, es bringt nichts Gutes, Konflikte weiter zu pflegen. Sie hält nichts von Nostalgie, aber viel von Harmonie. Solch ein Denkmal könne wohl Erinnerung sein, aber leider auch dem Nationalismus dienen, Hass und Empörung schüren. Und die jetzige Regierung wird es politisieren, sozusagen als »die ewig offene Wunde«. Sodann: Eine Altenpflegerin, Mitte 40, findet es schon wichtig zu wissen, dass hinter den heutigen Grenzen in Nord, Süd, Ost und West Ungarisch gesprochen wird; denn »Ungarn ist ein Land, das rundherum an Ungarn grenzt«. Sie fände es persönlich sehr schön, wenn diese Gebiete zum Ungarland zurückkämen. (Deutlich schwingt da Wehmut mit.) Aber, sagt sie, Grenzänderungen brächten nur neues Unrecht, dem damaligen vergleichbar. Das ginge nun mal nicht. Der älteste Befragte, im Rentenalter und notgedrungen weiterhin erwerbstätig, sagt nur kurz: Trianon ist und bleibt ein Trauma. Von der Errichtung des besagten Denkmals im Zentrum seiner Stadt habe er bisher nichts vernommen; die täglichen Sorgen verhinderten es.

Pariser Friedenskonferenz

Frankreichs »Sonnenkönig« Ludwig XIV., der bei Versailles für seine Mußestunden mit Madame de Maintenon 1672 ein Schlösschen namens Trianon de Porcelaine errichten ließ, konnte nicht ahnen, dass des Schlosses Name nach dreieinhalb Jahrhunderten noch für Leidenschaften sorgen würde. »Trianon« war der vorletzte bei Paris verabschiedete Vertrag zur Beendigung des Ersten Weltkrieges. Es war kein Vertrag im eigentlichen Sinne, was da am 4. Juni 1920 im Schloss Trianon im Park von Versailles unterschrieben wurde. Denn es war ja nichts verhandelt worden. Dieses Friedensdiktat hatte auch nichts Friedensstiftendes und Versöhnliches; äußerste Demütigung des besiegten Gegners war die Maxime. Die Entente, die Siegermächte waren repräsentiert durch den Obersten Rat (England, Frankreich, USA, Italien: »Rat der Vier«). Nach fünf Monaten Tagungsdauer unterzeichneten zwei untergeordnete Vertreter Ungarns, der Wohlfahrtsminister und ein Gesandter, den fertigen Friedensvertrag. »Die Glocken läuteten in den Budapester Kirchen heute vormittag, die Fabrikanlagen ließen ihre Sirenen heulen (…) Die ungarischen Bevollmächtigten haben heute, um 16 Uhr 30 Minuten, in Trianon das Friedensdokument unterzeichnet. Heute also wurden von uns die glänzenden ungarischen Städte getrennt: das kostbare Kolozsvar (Cluj/Klausenburg), das Kassa von Rakoczi (Kosice), die Krönungsstadt Pozsony (Bratislava), das strebsame Temesvár (Timisoara), Arad, die Stadt der Blutzeugen des Freiheitskrieges (…) die wertvollen, schönen Zentren«, so klagte ein ungarisches Abendblatt, das wie die meisten Zeitungen an diesem Tag schwarzumrandet erschien.²

Ungarn büßte fast 70 Prozent des früheren Territoriums ein, darunter sein Oberungarn genanntes Gebiet (Slowakei), Ruthenien (die Karpatoukraine) und Siebenbürgen (rumänisch Transsilvania). Es verlor damit auch vier Fünftel seiner Bergwerke und zwei Drittel des Ackerlandes. Die Stärke der Streitkräfte wurde auf 35.000 Mann begrenzt, eine Luftwaffe verboten. Übrigens: Der Grundsatz der maximalen Demütigung des Kriegsgegners hatte zuvor auch die Kriegszielkonzepte Deutschlands und Österreich-Ungarns beherrscht. Zugeständnisse an den Besiegten waren nicht vorgesehen. Man schaue – es ist Beweis genug – auf das unselige Abkommen von Brest-Litowsk 1918 mit Russland, ein schlimmes Beispiel eines rücksichtslosen Raubfriedens, den die doppelzüngigen Deutschnationalen später bei ihrer Klage über Versailles gern vergaßen. »Ungleiche Verträge« heißt das, was bei Großmächten üblich war, wenn es um die Neuaufteilung von Land und Ressourcen zu Lasten Schwächerer ging – und was die Imperialmächte Europas seit ihrem Krieg gegen China im 19. Jahrhundert immer wieder praktizierten.

Die Budapester Politiker hatten nach dem Sturz des Wiener Kaisers 1918 im Vertrauen auf die vom US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verkündeten demokratischen Grundsätze geglaubt, man würde sie als Habsburg-Gegner und Republikaner in die Vertragsgestaltung einbeziehen. Sie beteuerten, dass Ungarn eine Neugeburt erlebt, die alte Ordnung überwunden und sich die hehren Prinzipien Wilsons zu eigen gemacht hätte. »Der einzige Friede für Ungarn ist ein Wilson-Friede«, war die verbreitete Losung. Bald mussten sie bzw. die späteren Verhandlungsführer Ungarns aber erkennen, dass man sie vor vollendete Tatsachen stellte und nur Bedingungen präsentierte. Die Atmosphäre bei den Sitzungen in Paris war eisig. Mehrfach wurden die Vertreter des besiegten Landes wie Luft behandelt. Als der ungarische Sprecher zu Wort kam, was nicht so oft geschah, »erhoben sich die Mitglieder der französischen Delegation von ihren Sitzen und kehrten dem greisen Redner den Rücken zu«, so wird berichtet.³

Einer der 14 Grundsätze, die Präsident Wilson verkündet hatte und auf die sich die Ungarn gern beriefen, war neben der Abschaffung der Geheimdiplomatie und der freien Entwicklung der Nationalitäten Österreich-Ungarns das »Selbstbestimmungsrecht der Völker«, d. h. die Bildung eigener Nationalstaaten. Das wurde übrigens 1917/18 sowohl von Wilson als auch von Lenin als hohes Prinzip deklariert (die russische Sowjetregierung hatte als erste Konsequenz Finnland zum 1. Januar 1918 in die Unabhängigkeit entlassen). In der Praxis der Pariser Friedenskonferenz zeigte sich, dass dies Prinzip nicht nur selektiv anwendbar, sondern auch schwer umzusetzen war. Wer war denn in großen, gegliederten Territorien Subjekt der Selbstbestimmung, wer bestimmte die Grenzen des Abstimmungsbereiches? Das von Rumänen, Sachsen, Ungarn und einem Halbdutzend anderen Ethnien bewohnte Siebenbürgen zum Beispiel, übrigens das größte der strittigen Territorien, würde sehr verschiedene Abstimmungsergebnisse hervorbringen, je nachdem, ob man in der Region insgesamt oder in sprachlich homogenen Gebieten oder in einzelnen Komitaten (Landkreisen) abstimmte und auszählte. Tatsächlich hatte eine selbsternannte, von Rumänen gebildete Nationalversammlung Ende 1918 für Siebenbürgen schon die »Wiedervereinigung« mit dem Regat Rumänien, dem »Altreich«, beschlossen.

Die ganze Idee der Grenzziehung nach nationalen Identitäten in Osteuropa sei, bemerkte jemand, so glitschig wie ein Aal in der Donau.⁴ Es war einfach unmöglich, Nationalstaaten mit sprachlich homogener Bevölkerung zu schaffen (und seinerzeit wurden massenhafte Zwangsumsiedlungen erfreulicherweise nicht erwogen). Letztlich benutzten alle interessierten Seiten die ethnisch-sprachlichen Aspekte und das Minderheitenthema je für die eigene Sache. Selbstbestimmung ja, aber nicht für die anderen. Ungarns Forderung nach Abstimmungen in seinen abgetrennten Gebieten wurde von den Siegermächten rundweg, mit einer Ausnahme bei Ödenburg/Sopron, abgelehnt.

In Paris zeigten die fließend französisch und englisch vorgetragenen Ausführungen des Grafen Albert Apponyi (ungarischer Aristokrat und Politiker, 1846–1933) bei den Siegern keine Wirkung. Der Graf wies darauf hin, dass die Entente sein Land von bisherigen Märkten und Rohstoffquellen abschneiden und dreieinhalb Millionen der Landsleute zu Ausländern machen wolle. »Ungarn«, so sagte er beschwörend, »verfügt über alle Voraussetzungen einer organischen Einheit, mit einer Ausnahme, und das ist die ethnische Einheit. Aber (…) jene Staaten, welche auf Ungarns Trümmern errichtet werden sollen, werden ebenfalls keine ethnische Einheit bilden«.⁵ Durch die geplanten Grenzen würden ganz neue Minderheitenprobleme geschaffen, schloss er. Zum komplexen Gesamtbild gehörte aber, dass Apponyi selbst für eine einst unduldsam madjarisierende Schulpolitik stand und dass er zur Zeit der Kriegserfolge von 1915 noch überhebliche Eroberungspläne auf dem Balkan verfocht. So war er, obwohl sehr redebegabt, als Verhandler vielleicht nicht die beste Wahl.

Die Motive Frankreichs und Englands auf der Konferenz waren klar: Es galt, einen stark vergrößerten Einfluss in Osteuropa zu erlangen, indem man die neuen Nationalstaaten Tschechoslowakei, Rumänien und den SHS-Staat (das spätere Jugoslawien) begünstigt und militärisch aufrüstet. Frankreich war fest entschlossen, auf Kosten Ungarns ein Großrumänien zu unterstützen, wobei der Zugriff auf dessen Ölquellen wie auch die fixe Idee von Frankreichs »lateinischen Brüdern« im Osten eine Rolle spielte. Weniger klar war die Haltung der USA, die den Vertrag letztlich nicht unterschrieben.

Grenzrevisionismus

Ungarns wirtschaftliche Lage war 1920 infolge von Weltkrieg, danach beginnenden Abwehrkämpfen und schamloser Ausplünderung durch die rumänische Besatzung⁶ katastrophal. Der Kampf ums tägliche Überleben prägte den Alltag von Millionen. Die Notlage wurde durch eine große Zuwanderung aus den abgetrennten Gebieten verschärft. Zehntausende flohen aus Siebenbürgen, Karpatenvorland und Slowakei, vor allem Menschen aus den früheren k. u. k. Verwaltungen und öffentlichen Einrichtungen, die ihrer Stellungen jetzt beraubt und ohne Erwerbsquelle waren. Viele dieser Familien lebten für lange Zeit in Eisenbahnwaggons auf Nebengleisen oder in andern Notunterkünften.

Seit der Ratifizierung des Vertrages wehten alle Nationalflaggen Ungarns auf Halbmast. Das sollte symbolträchtig solange gelten, bis die Grenzen wieder »revidiert« würden. In simpler Umdeutung des Wortes Tria-non – ein »dreifach Nein« – prägte der ungarische Protest gegen den Vertrag den Ausruf »Nem! Nem! Soha!«, das hieß »Nein! Nein! Niemals!« Die Losung zierte Bleistifte, Kerzenhalter und Sodaflaschen. Und zu einer verbreiteten Redewendung wurde der Reimvers: »Rumpfungarn ist gar kein Reich / Ganz Ungarn das Himmelreich«.⁷ Mit den Umrissen des alten Königreiches (Groß-)Ungarn wurden sogar Aschenbecher und Rasierspiegel gefertigt.⁸

Die eifrige Vaterlandspropaganda ab 1920 versäumte nicht, der liberalen und der rätesozialistischen Nachkriegsführung eine Schuld an der Zerstückelung zuzuweisen, weil sie angeblich hilflos der Besetzung großer Landstriche zugeschaut habe. Die Behauptung war ebenso perfide wie lächerlich, denn gerade die Räteregierung hatte eine anfangs erfolgreiche Armee aus Freiwilligen neu geschaffen. Während diese Rote Armee in Oberungarn vormarschierte, saßen reaktionäre Offiziere wie Horthy daheim auf väterlicher Scholle und verwalteten ihre Güter. Die ab Juli 1918 entstehende »Nationalarmee« Horthys hatte obendrein keinen Finger bzw. keinen Säbel gerührt, die Abwehrkämpfe an der Theiß gegen Rumänien zu unterstützen. Nun, da sie regierten, setzten die neuen Machthaber die Aktivisten der demokratischen und der rätesozialistischen Revolution auf die Anklagebank. Gleichzeitig wurden die vermeintlich verderblichen, dekadenten Richtungen des Liberalismus, der Aufklärung, des Säkularismus und des Freimaurertums unter Anklage gestellt, weil sie nach geltender Auffassung die christlich-nationale Gesinnung Ungarns unterminiert hätten.

Diese »nationale Gesinnung« schuf und pflegte mehrere sinnstiftende Mythen, die für den Revanchismus nach Trianon typisch waren. Dazu gehörte erstens die These vom »Ungartum unter der Stephans-Krone« als derjenigen Kraft, welche als einzige im Karpatenbecken zu einer echten Staatenbildung befähigt sei, weil sie dieses geographische Gebiet zu einer harmonischen Einheit formen konnte. Zum andern gab es das Narrativ von Ungarn als dem Bollwerk, das das christliche Europa durch Jahrhunderte hindurch nach Osten schirmte, gegen Petschenegen und Tataren, gegen Türken und Bolschewisten. Diese Leistung, diese Opfer seien leider nie ausreichend gewürdigt worden. Drittens wurde erzählt und kolportiert, dass die »Nationalitäten«, also die nichtungarischen Völkerschaften, im madjarischen Königreich recht zufrieden gelebt hätten und nur durch Agitatoren von außen aufgestachelt würden. Schließlich gab man auch gern einmal dem Gefühl kultureller Überlegenheit gegenüber den slowakischen, serbischen, ruthenischen und rumänischen Nachbarn Ausdruck, und man erinnerte sich tröstend daran: In fast tausend Jahren habe Ungarn trotz Katastrophen und Verstümmelungen stets wieder zu seiner alten Größe zurückgefunden.⁹

Gegen diese Legenden ließ sich vieles einwenden; nur in einem muss man den Gegnern Trianons recht geben: Mit seltener Einmütigkeit fanden alle Ungarn, dass ein tief ungerechter Raubfrieden böswilliger Feinde die Nation bedrücke. In den 1920er und 30er Jahren gab es niemand in Ungarn, von der rechten Partei der Ungarischen Nationalen Unabhängigkeit, besser bekannt als »Rassenschutzpartei«, bis zu der äußersten Linken, der Trianon akzeptiert, der nicht eine Berichtigung der Ungerechtigkeiten angestrebt hätte. Wobei sich unterschiedliche Richtungen hinsichtlich der Grenzkorrektur herausschälten. Von den einschlägigen Stellungnahmen der Parteien Ungarns war die der (illegalen) Kommunisten die vernünftigste, die feststellten: »dass die gegenwärtige Regierungspolitik der gewaltsamen militärischen Revision zum Krieg führen muss. Nur auf dem Weg der Friedenserhaltung und der Zusammenarbeit mit den friedliebenden europäischen Kräften kann das ungarische Volk die Überprüfung des Trianon-Vertrages erkämpfen«.¹⁰ In der Regierungspolitik rangen nach 1920 vor allem zwei Richtungen miteinander, die man grob unterteilt Maximalisten und Realisten nennen kann.

Die realistischen unter den Revisionisten erkannten: Das alte »historische Ungarn« von Galizien bis zur Adria ist ein illusorisches Ziel. Als ihr Exponent gilt der pragmatische Graf Istvan Bethlen, Ministerpräsident unter Horthy seit 1921. Für ihn kam es darauf an, dass sich Ungarn wirtschaftlich und außenpolitisch konsolidiere und zu einer späteren Zeit, unter besseren diplomatischen Voraussetzungen, für geänderte Grenzen stark mache. Sein Erfolg war der Freundschaftsvertrag mit dem ehemaligen Kriegsgegner Italien im Jahr 1927, der dazu führte, dass das Land Mussolinis nunmehr die Kampagnen gegen »Trianon« unterstützte. Ebenso wie Horthy glaubte Bethlen, dass die Nachkriegsordnung auf Dauer keinen Bestand hätte, dass Tschechoslowakei und Jugoslawien wieder zerfallen und die Madjaren aufgrund ihrer Fähigkeiten und geographischen Lage die Führungsmacht im Donauraum sein würden. Aber auch eine Teilberichtigung der Grenzen – darin wusste er sich mit gewissen britischen Politikern einig – könnte schon zufriedenstellend sein. Letztlich erreichte Ungarn dann 1938–1940 für kurze Zeit einen solchen Teilerfolg.

Wer mit dem Teufel paktiert …

Nach Bethlen folgte als Regierungschef ein Maximalist, der Horthy-Gefährte und extreme Chauvinist Gyula Gömbös, seit 1929 Wehrminister und 1932 zugleich Ministerpräsident. Er, ein Bewunderer Mussolinis, ließ sich wie der Duce und wie Hitler gern als »Führer« titulieren. Sein antisemitischer Rassismus hatte sich Mitte der 20er Jahre in der Gründung der ungarischen Rassenschutzpartei offenbart. Diese Neigung stellte er im Regierungsprogramm vorläufig zurück, um die Finanzwelt nicht zu beunruhigen und um sich voll und ganz auf den Aufbau einer Schwerindustrie, die Wiederaufrüstung und eine Landreform zu konzentrieren. Als erster ausländischer Staatsgast besuchte er im Juni 1933 die Berliner Naziregierung. Mehrere Unterredungen mit Hitler brachten Gömbös zur Überzeugung, dass Ungarn letztlich »mit Deutschlands Hilfe alles zurückbekommen« würde. Im geselligen Gespräch mit seinem Spießgesellen Hermann Göring (dem er auch äußerlich ähnelte) versprach Gömbös 1935 unter anderem die künftige Erledigung der »Juden-Frage«.¹¹ Er starb überraschend, ehe er diese Drohung wahr machen konnte.

Im Sinne einer pragmatischen Grenzrevision erreichte Ungarn 1940/41 sein Maximum. Zwei »Wiener Schiedssprüche« hatten sein Territorium auf Kosten der Slowakei und Rumäniens um nahezu 60 Prozent vergrößert. Im April 1941 annektierte Horthys Armee zudem noch Gebiete des überfallenen Nachbarn Jugoslawien. Der Gebietszuwachs war aber teuer erkauft – durch einen Pakt mit dem Teufel, das heißt mit der deutschen Regierung. Das führte in die Katastrophe der Kriegsbeteiligung gegen die Sowjetunion. Als der Oberste Kriegsherr Horthy das Verhängnis erkannte und einen Separatfrieden mit den Alliierten versuchte, sogar einen persönlichen Entschuldigungsbrief nach Moskau sandte, war es zu spät. Wehrmacht und SS besetzten das Land und führten zusammen mit der einheimischen faschistischen Pfeilkreuzlerpartei den Krieg bis zum bitteren Ende, bis zum April 1945. Der sogenannte Kiugras, der Absprung ins Lager der Sieger, den die Hitler-Verbündeten Italien und Rumänien gerade noch geschafft hatten, blieb Ungarn versagt.

Am Ende stellten die Siegermächte nach 1945 die Grenzen von Trianon wieder her. Dabei ist es bis heute geblieben. In der Zeit der sozialistischen Volksrepublik durfte auch kein Grenzrevisionist an die Öffentlichkeit gehen, wofür gute Gründe sprachen. Nach Umfrageergebnissen im Zeitraum 2018/2020 (in einem Abstand von anderthalb Jahren durchgeführt) soll nun der Anteil jener Ungarn gestiegen sein, die dem Satz zustimmen: mit Trianon »darf man sich niemals abfinden«. Die Meinungen gehen jedoch auseinander, denn im selben Zeitraum wuchs auch die Quote derjenigen, die meinten, es habe »heute keinen Sinn mehr, sich mit dem Problem Trianon zu beschäftigen«.¹² Kurz und bündig drückte es eine Journalistin in Budapest mit dem Satz aus: »Mann! Das ist jetzt fast hundert Jahre her. Wird Zeit, dass die Ungarn sich langsam an den Grenzverlauf gewöhnen.«¹³

Anmerkungen

1 Thyra Veyder-Malberg: Ein Denkmal sorgt für Ärger, www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/trianon; Zugriff 4.6.2019

2 Zeitgenössischer Bericht im altehrwürdigen Blatt Pesti Napló (Pester Tagebuch), Budapest 4.6.1920 (Privatarchiv des Verfassers)

3 Ferenc Majoros: Geschichte Ungarns. Nation unter der Stephanskrone. Gernsbach 2008, S. 441

4 Margaret MacMillan: Die Friedensmacher. Wie Versailles die Welt veränderte. Berlin 2018, S. 188

5 Miklos Zeidler: Trianon és a »magyar feltámodás« (Trianon und die »ungarische Auferstehung«. Revisionistische Theorien und Pläne); in: Magazin Rubicon Heft 1-2/2009 S. 118, Budapest 2009 (eig. Übersetzung)

6 Sogar Rumäniens Bündnispartner, die Entente, war empört. Ungerührt kommentierte Königin Maria, die »Geheimwaffe Rumäniens« in Paris (wo sie die hohe Politik mit ihrem Kleidereinkauf verband), die schweren Plünderungen gegenüber einem alliierten Offizier: »Wenn Sie wollen, können Sie es Diebstahl oder sonstwie nennen«, aber das ist unsre Sache; nach: MacMillan, Friedensmacher S. 356

7 Im Original lautet dies: »Csonka-Magyarország nem ország / egész Magyarország mennyország«, Zeidler, Trianon S. 118 f.; oder nach anderer Version »Nagy-Magyarország ...« Thomas Sakmyster: Admirális fehér lovon (Admiral auf weißem Pferd), Budapest 2001, S. 78

8 Zeidler, Trianon S. 119 f.

9 Újváry, Gábor: A békekötés… (Der Friedensschluss und die ungarische Geschichtsschreibung), in: Magazin Rubicon Heft 7-8/2017 S. 114 f., Budapest 2017

10 Erklärung der KP vom 23.6.1936, zitiert ebenda (Rubicon 7/2017) S. 106

11 nach Sakmyster, Admirális S. 174

12 Gabor Czene: Nekiveselkedik Trianonnak …,Tageszeitung Népszava, Budapest 13.3.2020

13 Lysann Heller: Die Paprikantin, Berlin 2016, S. 93

Christian Stappenbeck schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. November 2018 über das Verhältnis der evangelischen Landeskirchen zur Novemberrevolution.

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