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Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Wachtraum im Stadtraum

Und am Ende in die Kneipe: Eine Anthologie zur Psychogeographie in der Literatur
Von Florian Neuner
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»Hastiges Passieren verschiedenartiger Stimmungsfelder«: Die Berliner Kantstraße könnte ein paar Zen-Übungen vertragen

Die Lettristische, später Situationistische Internationale (S. I.) um den französischen Filmemacher und Autor Guy Debord (1931–1994) nimmt unter den Avantgarde­bewegungen des 20. Jahrhunderts eine Sonderstellung ein. In der Geschichte avantgardistischer Überbietungsdynamiken markiert sie in gewisser Weise einen Endpunkt. Denn die Situationisten setzten einen letzten radikalen Schritt, der künstlerisch nicht mehr zu überbieten war: Sie ließen die Kunst zugunsten von politischem Aktivismus und Diskurs-Partisanentum ganz hinter sich. Mehr noch: Hatten zunächst Künstler wie Constant, Asger Jorn oder die Münchner Gruppe SPUR noch eine prägende Rolle gespielt, war künstlerische Betätigung am Ende sogar ein Ausschlussgrund. Heute an die S. I. anknüpfen zu wollen, die sich 1972 selbst auflöste, ist also so prätentiös wie aussichtslos. Der Radical Chic der S. I. übt aber offenbar eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Kulturschaffende aller Couleur aus. Die Ideen und Schriften der Situationisten müssen immer öfter als Steinbruch herhalten.

Gerne Bezug genommen wird beispielsweise auf das Konzept des »Détournement«, der Zweckentfremdung bzw. Aneignung von Material. Aber auch die situationistischen Begriffe »Psychogeographie« und – eng damit verbunden – »Dérive« (Umherschweifen) haben eine gewisse Karriere gemacht. Anneke Lubkowitz hat es unternommen, einige Schlüsseltexte zum Komplex Psychogeographie zusammenzustellen und um eine kleine Anthologie neuerer Texte zu ergänzen, die sich davon mehr oder weniger angeregt zeigen. Die historischen Basistexte wie Guy Debords »Theorie des Umherschweifens« oder das »Formular für einen neuen Urbanismus« von Ivan Chtcheglov sind zwar schon lange übersetzt und leicht greifbar; sie in diesem Kontext in Erinnerung zu rufen, ist aber gewiss nicht überflüssig. Debord und seinen Freunden ging es um eine subjektive Aneignung des Stadtraums in Opposition zu den rationalistischen Stadtplanungskonzepten ihrer Zeit. Dabei folgten sie den »Verlockungen des Terrains«, das Umherschweifen – das im übrigen meist in Kneipen endete – verstanden sie »als eine Technik des hastigen Passierens verschiedenartiger Stimmungsfelder«.

Einigen Widerhall sollte das Umherschweifen als Methode in der britischen Literatur finden. Schon der Situationist Ralph Rumney hatte eine London Psycho­geographical Association gegründet, heute sind es Autoren wie Iain Sinclair und Will Self, beide in der Anthologie vertreten, die sich intensiv mit London beschäftigen – wobei die Stadt nicht bloß Schauplatz ist, sondern das Hauptthema ihrer Texte. Sinclair etwa möchte »ein krudes V in die wuchernde Stadt einkerben«. Der bekennende »wiedergeborene Flaneur« schreibt: »Vorsätzliches Treibenlassen ist der empfohlene Modus, wach träumend über die asphaltierte Erde streunen und der Fiktion eines darunter verborgenen Musters die Möglichkeit geben, sich zu offenbaren.« Dass es freilich einen Unterschied macht, ob ein weißer oder ein schwarzer Mann durch Städte flaniert, zeigt eindrucksvoll der Text von Garnette Cadogan: In der jamaikanischen Hauptstadt Kingston wird er optisch der schwarzen Bevölkerungsmehrheit zugeordnet, in den USA hingegen gerät er ständig ins Visier der Polizei – die Hautfarbe begründet den Anfangsverdacht. Reichlich banal hingegen ein Text des in Berlin lebenden Briten Paul Scraton über die Unterschiede von Tag und Nacht: »Die nächtliche Stadt ist tatsächlich eine andere Stadt.« Wer hätte das gedacht?

Und Psychogeographie in der deutschsprachigen Literatur? Fehlanzeige, muss die Schlussfolgerung wohl lauten, wenn man der Auswahl von Anneke Lubkowitz vertraut. Mit ihren Beiträgen können David Wagner, der Autor biederer Berlin-Feuilletons, oder Anja Kümmel, die sich auf Spurensuche in Westberlin begibt, den Briten ebensowenig das Wasser reichen wie Grashina Gabelmann und Fabian Saul, die Macher des durchaus originellen Flaneur Magazine – auch wenn Saul seinen literarisch dünnen Text über Friedhöfe mit Debord-Zitaten spickt. Und Frank Witzel ist mit seinen thematisch etwas exterritorialen Betrachtungen zu Raumvorstellungen der Kindheit wohl nur in die Anthologie aufgenommen worden, weil er ein wichtiger Autor des Verlages Matthes & Seitz ist, in dem der Band erscheint. Dabei gäbe es durchaus reizvolle, ästhetisch anspruchsvolle Stadtforschungsliteratur in deutscher Sprache: Man denke nur an Paul Wührs furioses »Gegenmünchen« oder die dokumentarische »Stadtschrift« von Bodo Hell, nicht zu vergessen auch eine Autorin wie Elisabeth Wandeler-Deck mit Büchern wie »Visby infra-ordinaire«. Die Herausgeberin scheint diese Texte aber nicht zu kennen oder zu goutieren. Am Ende des Buchs findet sich dann doch noch ein originell-spielerischer Text mit Berlin-Bezug – über »alternative Nutzungsmöglichkeiten für den Mittelstreifen der Kantstraße« wie Gitarre üben oder Zen-Meditation. Dafür freilich musste Kevin Braddock aus London eingeflogen werden.

Anneke Lubkowitz (Hg.): Psychogeografie. Eine Anthologie. Matthes & Seitz, Berlin 2020, 239 Seiten, 22 Euro

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