Gegründet 1947 Donnerstag, 2. Juli 2020, Nr. 152
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 5 / Inland
Preiskartell

Energielobby zockt ab

Strom wird trotz Wertverfalls immer teurer. Verbraucherschützer bewerten Entlastungsverordnung für Privathaushalte als ungenügend
Von Susan Bonath
Versorger_wollen_Eon_65480839.jpg
Den Verbraucher fest in der Mangel: Eon-Chef Johannes Teyssen und RWE-Chef Rolf Martin Schmitz in trauter Eintracht (Essen, 13.3.2018)

Die Bundesregierung will Familien bei den Stromkosten entlasten. So lautet ihr Versprechen in einer Mitte Mai beschlossenen Verordnung. Danach soll die Umlage für erneuerbare Energien (EEG) ab dem kommendem Jahr um 1,5 Prozent sinken. Nutzen will sie dafür die Einnahmen aus der im November beschlossenen Bepreisung von Kohlendioxidemissionen (CO2-Abgabe), die 2021 fällig werden. Nach Ansicht des Vergleichsportals Verivox ist das aber Augenwischerei. Tatsächlich drohe privaten Verbrauchern demnach sogar ein »Strompreisschock«.

Laut Verivox zahlen Haushalte derzeit im Mittel gut 30 Cent pro Kilowattstunde. Seit 2005 ist Energie damit um mehr als 60 Prozent teurer geworden. Ein Alleinstehender, der sparsam wirtschaftet, benötigt Analysen des Portals zufolge etwa 1.800 Kilowattstunden Strom im Jahr und muss etwa 45 Euro monatlich an den Versorger abdrücken. In diesem Preis ist eine EEG-Umlage von 6,76 Cent enthalten. Diese soll bis 2021 weiter in die Höhe klettern, und zwar nach Berechnungen der Denkfabrik »Agora Energiewende«, auf die sich das Portal beruft, auf etwa 8,6 Cent pro Kilowattstunde.

»Steigt die EEG-Umlage im prognostizierten Umfang an, werden private Verbraucher trotz der geplanten Senkung um 1,5 Cent rund sieben Prozent mehr bezahlen«, erläuterte Valerian Vogel von Verivox. Damit würden die Ausgaben auf mehr als 32 Cent pro Kilowattstunde steigen. Ein Einpersonenhaushalt müsste dann rund 40 Euro mehr im Jahr bezahlen. Sein Ausblick: Obwohl die Regierung vorgibt, Haushalte zu entlasten, »könnten Millionen Stromkunden Preiserhöhungen erhalten«.

Schon zu Beginn dieses Jahres hatten die meisten Energiekonzerne ihre Preise erhöht. Im Mittel müssen Haushalte seit Januar 6,8 Prozent mehr als 2019 zahlen. Regional schwankten die Teuerungen erheblich: Die Stadtwerke Brandenburg etwa verlangten 0,43 Prozent, die Stadtwerke Herborn gut 15 Prozent mehr von ihren Kunden. Zusätzlich wirke sich die Coronapandemie in diesem Jahr belastend auf den Geldbeutel aus, mahnte Verivox-Energieexperte Vogel. Familien dürften durch Homeoffice, Unterrichtung ihrer Kinder zu Hause und vermehrte häusliche Aktivitäten mehr Strom als gewöhnlich verbrauchen.

Mit einer drastischen Erhöhung der Kosten für den Ausbau erneuerbarer Energien unabhängig von der versprochenen Entlastung rechnet auch der Chef des Energiekonzerns Eon, Johannes Teyssen. Dem Handelsblatt sagte er Mitte Mai: »Die EEG-Umlage wird so sicher wie das Amen in der Kirche aufgrund der Covid-19-bedingten Verwerfungen nächstes Jahr durch die Decke schießen.«

Teyssens Unternehmen, das gerade die ehemalige RWE-Tochter Innogy mit acht Millionen Kunden geschluckt hat und im ersten Quartal 2020 seinen bereinigten Gewinn um 24 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro steigern konnte, ist Teil der Wirtschaftslobby, die derzeit die Regierung um Finanzspritzen bittet. Der Bund müsse den Firmen wegen steigender Strompreise finanziell unter die Arme greifen, weil der Shutdown sie belastet habe, klagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Energieunternehmerverbandes BDEW gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Sie betonte: »Es ist höchste Zeit zu handeln.«

Dabei müssten die Konzerne eigentlich den gegenwärtigen Preisverfall an der Strombörse an ihre Kunden weitergeben. Begonnen habe dieser Sturzflug schon im letzten Jahr, im Zuge der Pandemie hätten sich die Einkaufspreise fast halbiert. Laut Verivox sollten die Konzerne ihren Kunden darum spätestens ab dem kommenden Jahr mindestens elf Prozent weniger abknöpfen. Der Lobbyverband BDEW argumentierte gegenüber der ARD dagegen: Die Beschaffungskosten machten nur ein Viertel der Verbraucherpreise aus. Der Rest entfalle auf Steuern, Abgaben, Umlagen sowie Netz- und Messgebühren.

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat einen anderen Vorschlag. Ihr Vorsitzender Michael Vassiliadis sagte am Pfingstwochenende gegenüber der dpa, die Regierung solle die ­EEG-Umlage »als Teil des Corona-Konjunkturpakets ganz abschaffen und die Kosten der Energiewende über den Bundeshaushalt finanzieren«. »Nie war das notwendiger als heute«, fügte Vassiiadis an. Er glaubt, dies »hätte eine weitaus sozialere Wirkung als eine Steuer­entlastung«.

Der Bundesverband der Verbraucherzentrale (VZBV) kritisierte in einer Pressemitteilung Ende Mai derweil die »Intransparenz bei den Netzentgelten«. Diese Gebühren machen etwa ein Fünftel der Stromrechnung aus. Nutzer zahlen sie für die Bereitstellung, Wartung und den Ausbau der Netze. Laut VZBV werde aber kaum überprüft, wieviel die Unternehmen dadurch einnehmen und wohin das Geld wirklich fließt. Weder gebe es eine zentrale Datensammlung noch würden Zahlen veröffentlicht, mahnte Verbandsvorstand Klaus Müller. Daher sei nicht nachvollziehbar, wie die Kosten für die Nutzer ermittelt werden. Das müsse und könne geändert werden, so der VZBV. Verbandseigene Gutachter hätten dafür bereits Lösungen erarbeitet.

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Mehr aus: Inland

Gibt es noch konsequent linken Journalismus? Klar, für 1,80 € am Kiosk.