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Aus: Ausgabe vom 03.06.2020, Seite 15 / Antifa
Naziopfer in besetzen Niederlande

Protest gegen geplantes »Calmeyer-Haus«

Friedensmuseum in Osnabrück soll nach Nazijurist benannt werden. Petition an Bundesregierung
Von Gerrit Hoekman
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Hans Calmeyer (undatiert)

Das niedersächsische Osnabrück will ein 2023 zu eröffnendes Friedensmuseum nach einem Sohn der Stadt benennen: Hans-Georg Calmeyer. Der Plan veranlasste rund 250 prominente Niederländer dazu, am Donnerstag eine Protestnote an Bundeskanzlerin Merkel zu richten. Der 1972 verstorbene Calmeyer entschied nämlich während der deutschen Besatzung in den Niederlanden, wer Jude ist und wer nicht.

Der Jurist war von 1941 bis 1945 im Reichskommissariat für die besetzten niederländischen Gebiete in Den Haag tätig, welches Arthur Seyß-Inquart unterstand. Ab Januar 1941 mussten sich alle Niederländer, die mindestens eine jüdische Oma oder einen jüdischen Opa hatten, im Reichskommissariat registrieren lassen. Aufgrund des Stammbaums wurde dann entschieden, wer als Jüdin oder Jude zu gelten hat. Als Leiter der »Entscheidungsstelle« hatte Calmeyer die Aufgabe, in Zweifelsfällen festzustellen, ob genügend »arisches Blut« in den Adern der Betroffenen floss. Er entschied, wer leben durfte und wer in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde.

Femma Fleijsman-Swaalep aus Amsterdam hatte kein Glück. »Ich war ein Calmeyer-Fall«, erzählte die heute 92jährige in der am 4. Mai ausgestrahlten Dokumentation »Das Rätsel von Femma – Opfer eines Menschenretters« des niederländischen TV-Senders NPO. Das damals 16 Jahre alte Mädchen wurde Opfer der Nürnberger Rassengesetze. Ihre Mutter war Jüdin und mit dem Juden Salomon Swaalep verheiratet. Die Ehe lief schlecht und sie lernte einen Katholiken kennen, mit dem sie zusammenzog – ohne sich von Swaalep scheiden zu lassen. Aus der neuen Beziehung ging Femma hervor, die nach der Geburt vom Standesamt in Amsterdam fälschlicherweise als Kind von Salomon Swaalep eingetragen wurde.

Als die Nazis mit den Deportationen begannen, versteckte sich die Mutter. Femma blieb bei ihrem leiblichen Vater. Der wandte sich an Calmeyer, um das Missverständnis mit der Abstammung aufzuklären und seine Tochter damit vor dem Abtransport zu bewahren. Dieser sah aber auf den Fotos, die der Vater dem Antrag beigelegt hatte, eine größere Ähnlichkeit zu Salomon Swaalep – und lehnte das Gesuch ab. Der Briefwechsel zwischen dem Vater und Calmeyer ist erhalten. »Ich wurde von Calmeyer für vogelfrei erklärt. Durch seine Schuld landete ich mutterseelenallein in Auschwitz-Birkenau«, so Fleijsman-Swaalep heute.

Die alte Dame hat die Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit unterzeichnet. Dort steht ihr Name in einer Reihe mit berühmten Schriftstellern wie Leon de Winter, Politikern wie dem Fraktionsvorsitzeden der Christenunie, Gert Jan Marten Segers, und Geistlichen wie dem Rabbi Lody van de Kamp. Sie alle können nicht begreifen, dass nach einem wie Calmeyer ein deutsches Museum benannt werden soll und die Bundesregierung dafür 1,7 Millionen Euro lockermacht. »Für Angehörige von ermordeten Juden wäre es unerträglich«, sagte der Journalist und Mitunterzeichner Hans Knoop am Donnerstag der Deutschen Presseagentur. Knoop, geboren 1943, musste sich als Kind mit seinen jüdischen Eltern ebenfalls vor den Nazis verstecken.

Die Unterzeichner sind mit ihrer Kritik nicht alleine: »Calmeyers Verwaltungstätigkeit war integraler Teil der Judenverfolgung in den Niederlanden«, zitierte die Jüdische Allgemeine im vergangenen Jahr den Historiker Gerhard Hirschfeld. Wie kann es aber dann sein, dass die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ihn als »Gerechten unter den Völkern« führt, eine Würdigung, die nur wenige Deutschen erfahren und die Calmeyer den Beinamen »Schindler von Osnabrück« einbrachten? Calmeyer war, soweit bekannt, nie Mitglied der NSDAP und hatte nicht alle Anträge abgelehnt, sondern auch mindestens 3.500 stattgegeben. Angeblich soll er dabei die Vorgaben von oben nicht immer penibel beachtet und den Menschen damit das Leben gerettet haben.

Der Stadtrat von Osnabrück hat vor zwei Jahren einen Beirat eingesetzt, der ein Konzept für das Museum entwickeln soll. »Allerdings scheint die Mehrheit der Geschichtswissenschaftler innerhalb des Beirats (…) einer musealen Zuspitzung auf die Person Calmeyer kritisch gegenüberzustehen«, schrieb die Jüdische Allgemeine im August 2019. Das will die 1995 in Osnabrück gegründete Hans-Calmeyer-Initiative nicht hinnehmen. Dem Beirat werfe sie »kollektive historische Unkenntnis und Inkompetenz« vor. Die niederländische TV-Dokumentation über Femma Fleijsman-Swaalep bezeichnete die Initiative einem Onlinebericht der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Montag zufolge als »manipulativen Gesinnungsjournalismus«.

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