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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bolivien

Ein Tag in La Paz

Prekäre Arbeitsbedingungen durchziehen den Alltag vieler Bolivianer. Situation hat sich unter Pandemie und Putschregierung weiter verschärft
Von Björn Brunner und Araceli Gómez, La Paz
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Verwaiste Stände: Zu Beginn der Pandemie wurden die Märkte in Boliviens Städten komplett geschlossen (La Paz, 21.3.2020)

Es ist drei Uhr morgens in Bolivien, und Doña Juana aus dem 12. Distrikt, der Peripherie von El Alto, muss sich zwingen aufzustehen, denn es ist immer noch dunkel und kalt. Sie beginnt ihr tägliches Ritual und erhitzt Wasser, um ihren morgendlichen Kaffee zu trinken. Sie greift sich eines der alten, weich gewordenen Brötchen vom Tisch und belegt es mit einem Stück Käse aus ihrem kleinen Kühlschrank. Die zwei Esslöffel Zucker im Kaffee sind das, was ihr den Tag versüßt. Inzwischen ist es vier Uhr morgens, die Straßen von El Alto sind noch menschenleer, nur die Straßenhunde streifen vor Hunger durch die dunklen Gassen. Aus ihrem Fenster kann sie ihr Ziel, das im angrenzenden Tal gelegene La Paz, noch nicht sehen, da es wie so häufig bei Nacht in dichten Nebel gehüllt ist.

Obwohl sie sich bewusst ist, mit ihren 74 Jahren zur Risikogruppe bei einer SARS-CoV-2-Infektion zu gehören, muss sie sich entscheiden, ob sie hungern will oder sich dem Virus stellt, das so viele Menschen verängstigt. Die einzige Angst, die Doña Juana wirklich umtreibt, betrifft ihren alten Körper, besonders ihre Beine, die ihr schon seit längerem zu schaffen machen. Sie braucht sie aber, um die Entfernungen zu überwinden, die sie von ihrer Arbeit und ihrem Einkommen trennen. Sie bereitet sich auf den langen Spaziergang vor und verlässt ihr Haus. Schon nach den ersten Kilometern macht sie eine Pause, ihre Knie schmerzen ständig. Auch Cecilia ist schon früh um vier Uhr morgens aufgestanden, um noch genügend Zeit zu haben, Kartoffeln, Reis und Hähnchen zu kochen und Zwiebeln für die Mittagssuppe zu hacken. Um fünf Uhr morgens streift sich Cecilia den Mundschutz über und wartet auf den Bus, der sie zum Krankenhaus bringt, in dem sie arbeitet.

Zur gleichen Zeit steht Mario auf und zieht sich an, während seine Frau Delia mit dem Frühstück auf ihn wartet. Hastig schlingt er einige Bissen herunter und geht in seine Garage, um das Auto zu starten, damit der Motor warmläuft. Die drastischen Maßnahmen der rechten Putschregierung im Rahmen der Pandemie haben den öffentlichen Verkehr in La Paz stark eingeschränkt. Mario hatte Glück und fand somit zumindest für einige Monate ein festes Einkommen als Chauffeur. Er verabschiedet sich von Delia, dann beginnt er seine Tour in Richtung La Paz, auf der er mehrere Universitätsbeschäftigte abholt und bei ihrer Arbeit abliefert. Die Route hat ihm sein Chef am Vorabend mitgeteilt, sie wechselt von Tag zu Tag.

Es ist sechs Uhr, und Doña Juana hatte noch kein Glück, von einem der wenigen Autos, die in Richtung La Paz unterwegs sind, mitgenommen zu werden. Deshalb schleppt sie sich langsam weiter, die Hälfte ihres Weges hat sie ja bereits geschafft. Zur gleichen Zeit wacht Elvira auf, sie ist spät dran und muss sich beeilen, um noch das Mittagessen vorbereiten zu können. Ihre älteste Tochter Estefany ist bereits auf und hat mit dem Kochen schon angefangen. Eine Stunde später laufen die beiden bereits auf einem der steilen Fußwege, der sie von ihrem Haus hinunter bis nach La Paz zu einem der zentral gelegenen Märkte führt, auf dem sie einen Verkaufsstand betreiben.

Um richtig wach zu werden, stellt sich Thania um sieben Uhr erst einmal unter die Dusche. Ihr Frühstück besteht aus Rührei auf Toast und einem Glas Orangensaft. Gleichzeitig wacht Juan Carlos mit einem unguten Gefühl auf. Entgegen seiner Hoffnung, seine Erkältung werde sich über Nacht bessern, fühlt er sich jetzt noch matter als zuvor. Obwohl er im öffentlichen Dienst angestellt ist, kann er es sich nicht leisten, jetzt einen Arzt aufzusuchen. Aufgrund seines befristeten Vertrages ist sein Arbeitgeber nicht verpflichtet, seine Krankenversicherung mitzutragen. Juan Carlos hat nur einen Gedanken, sein Bericht muss heute noch fertig werden, damit er seinen Lohn bekommt. Bestimmt ist es doch nur eine Erkältung, redet er sich ein und löst einen der Beutel mit Vitamin C in einem Glas Wasser auf. Seine Frau Ximena hat bereits das Frühstück zubereitet.

Die Arbeit beginnt

Nach einer vierstündigen Tortur erreicht Doña Juana gegen acht Uhr endlich ihren kleinen Stand auf dem Markt, auf dem auch Elvira und Estefany ihr tägliches Brot verdienen. Während sie mit dem Aufbau beschäftigt ist, hört sie schon die Dame vom Nachbarstand wütend zu ihr rüberrufen: »Stur wie ein Esel, diese Alte. Kommt trotzdem her, obwohl sie weiß, dass sie das nicht sollte.« Währenddessen schaltet Thania ihren Computer ein und beginnt ihre Schicht an der Börse im Homeoffice. Cecilia muss sich erneut um die Patientin aus Zimmer 5 kümmern, die es nicht rechtzeitig zur Toilette geschafft hat. Schnell ist die Bettwäsche gewechselt und die alte Frau notdürftig gewaschen. Dann muss Cecilia weiter, denn ihre anderen Patienten warten. Arbeiten, die vor dem Virus meistens von den Familien übernommen worden waren, muss sie jetzt auch noch in der ohnehin zu knapp getakteten Zeit irgendwie unterbringen.

Nur langsam verstreicht die Zeit für Doña Juana, Elvira und Estefany an ihren Marktständen. Um zehn Uhr herrscht plötzlich Unruhe. Das Gerücht macht die Runde, dass sich Verkäuferinnen ohne festen Stand auf der Straße vor dem Markt aufgestellt haben. Sogleich versucht Doña Katy alle Verkäuferinnen mit einem festen Stand gegen die Konkurrenz zu mobilisieren. »Wenn wir sie nicht fortjagen, werden weitere kommen und uns die Kunden wegschnappen«, faucht sie in die Runde und mahnt: »Jeder Kunde ist wichtig, jeder Verkauf ist wichtig für unser Einkommen und unsere Familien.« Elvira und Estefany sind gerade mit dem Verkaufen beschäftigt. Wenig überzeugt davon, nun ihrer Kunden beraubt zu werden, fordert Doña Juana zur Geduld auf. Es sind schließlich schwierige Zeiten für alle. Entrüstet verlässt Doña Katy schließlich zusammen mit einer Gruppe von Verkäuferinnen den Markt in Richtung der Straße, wo sie die unliebsamen »Eindringlinge« ausgemacht hat.

Gegen zehn Uhr erhält Thania, die zu Hause auf ihrem Laptop ständig die Preise von Gold, Öl und Zink im Blick hat, einen Anruf. Seitdem viele bolivianische Exportrohstoffe weniger nachgefragt sind, sinken die Preise rasant. Thania kann die Anspannung ihrer Chefin am anderen Ende der Leitung deutlich spüren, als diese um ein kurzfristiges Meeting mit den Kolleginnen um die Mittagszeit bittet. Juan Carlos kann sich kaum auf seinen Bericht konzentrieren. Sein Kopf dröhnt, und seine Tochter sieht im Hintergrund Fernsehen, doch er muss weiterarbeiten. Die ersten Tage zu Hause fühlten sich noch wie Urlaub an, seitdem aber auch Schulen und Kindergärten zu sind, bedeuten Arbeit und Kinderbetreuung für ihn eine Zerreißprobe. Chauffeur Mario knurrt der Magen, doch er muss sich noch eine Stunde gedulden, bis er auch die letzten Arbeiter in der Innenstadt abgeliefert hat. Erst dann hat er für zwei Stunden Pause.

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Leere Straßen: Die Puente de las Américas in La Paz während des »Shutdowns« (21.4.2020)

Auswirkungen der Pandemie

Kurz vor zwölf ist der Moment am Tag, den Doña Juana am wenigsten mag, da sie ihren Stand schon früher als die anderen Verkäuferinnen abbauen muss. Elvira und Estefany sind zu zweit und können noch etwas länger öffnen. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Sie muss sich beeilen, da die Beamten des Bürgermeisters bald kommen und sie Gefahr läuft, eine Strafe zu kassieren. Vor Beginn der Pandemie konnten die Verkäuferinnen sich ihre Arbeitszeiten selbst einteilen. Meist waren ihre Stände bis spät in die Nacht hinein geöffnet. Jetzt bleiben ihnen lediglich vier Stunden von acht bis zwölf Uhr, um ausreichend zu verkaufen. Ausgestattet mit genügend Obst und Kokablättern, macht sich Doña Juana auf den Weg und hofft, dass sie jemand in Richtung El Alto zu ihrem Zuhause mitnehmen kann.

Für Mario, Cecilia, Thania und Juan Carlos geht der Arbeitstag am Nachmittag weiter. Noch sechs Stunden Arbeit im Krankenhaus liegen vor Cecilia, wobei sie Angst hat, sich anzustecken und damit ihre Familie zu gefährden. Sie ist deshalb sehr vorsichtig, wenn sie aus der Klinik heimkehrt, und desinfiziert sich gründlich. Auch wenn sie ihre Kinder zur Begrüßung gerne in den Arm nehmen möchte – sie tut es nicht. Obwohl sie auf ihrer Station der Traumatologie nicht in direktem Kontakt mit Covid-19-Patienten ist, weiß sie, dass zuwenig Schutzkleidung vorhanden ist und regelmäßige Tests von Patienten und Beschäftigten nicht möglich sind. Zudem macht es sie wütend, wenn sie daran denkt, wie ausgelaugt sie gegen Ende der teils überlangen Schichten von bis zu zwölf Stunden ist. »Und das alles für ein bisschen mehr als den Mindestlohn«, flucht sie.

Mario kehrt erst spätabends um zehn Uhr nach Hause zurück. Auch er macht sich Sorgen, dass er seine Familie infizieren könnte, da er ja den Tag über zu vielen Beschäftigten Kontakt hatte. Deshalb wechselt er seine Arbeitskleidung vor der Haustür. Bevor er müde in Bett fällt, hat er noch einen Moment Zeit, mit seiner Frau zu sprechen, sich zu waschen und einen Blick auf die Route für den nächsten Tag zu werfen. Thania kann ihren Arbeitstag erst wirklich um 22 Uhr beenden. Sie muss den ganzen Tag erreichbar sein, so wie alle aus ihrem Team. Im Unterschied zu Juan Carlos hat sie einen festen Vertrag. Auch wenn er seinen Bericht abschließen konnte, ist für ihn ungewiss, ob er nun eine Verlängerung seines Zeitvertrags bekommt.

Ohne Absicherung

In Bolivien schuftet ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung sowohl im »formellen« als auch im »informellen« Sektor unter prekären Bedingungen. Die rechtliche Grundlage für Thanias Arbeitsvertrag bildet das bolivianische Arbeitsgesetz, welches eine tägliche Höchstarbeit von acht Stunden pro Tag vorschreibt. Trotzdem macht sie regelmäßig bis zu vier unbezahlte Überstunden pro Tag. Häufig bekommt sie zu hören, sie solle doch »glücklich sein, einen festen Vertrag zu haben«. Bei dieser übermäßigen Inanspruchnahme von Mehrarbeit sind Krankenversicherung und die wenigen Urlaubstage im Jahr nur ein scheinheiliger Trost. Für Cecilia sind Zwölfstundenschichten gang und gäbe – als Pflegerin fällt sie nicht unter das Arbeitsgesetz.

Im Hamsterrad gefangen, rennen Mario und Juan Carlos von einer Befristung zur nächsten, ohne konkrete Perspektive auf ein gesichertes Einkommen. Dabei fehlt ihnen jegliche soziale Absicherung für sich und ihre Familien. Private wie staatliche Betriebe bedienen sich dieser Praktik, um Profite nicht durch lästige Lohnnebenkosten reduzieren zu müssen.

Besonders hart treffen die von der De-facto-Regierung in La Paz zur »Eindämmung der Pandemie« verhängten Maßnahmen die Arbeiterinnen im informellen Sektor, dem mit 65 Prozent der arbeitenden Bevölkerung die deutliche Mehrheit der Beschäftigten angehört. Die Angst von Verkäuferinnen wie Doña Juana, sich und ihre Familien nicht mehr ernähren zu können, führt nicht selten dazu, dass sich die Spannungen und die Konkurrenz untereinander ungemein steigern. Nur sehr eingeschränkt können sie derzeit ihre Waren anbieten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, Repressionen durch die Staatsorgane zu erleiden. Hinzu kommt, dass die Arbeiterinnen weiterhin mehrheitlich die Last der unbezahlten Haus-, Care- und Erziehungsarbeit übernehmen müssen.

Am internationalen Kampftag demonstrierten trotz angedrohter Repressionen viele Menschen besonders aus El Alto gegen die strengen Quarantänebestimmungen der Putschregierung, die sie als »politisch motiviert« bewerten. Auch in La Paz hört man dieser Tage immer mehr Stimmen, die sich gegen die verstärkte Militarisierung und gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit aussprechen und sich für baldige Neuwahlen stark machen.

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