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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Neues vom Sender Jerewan

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: »Neues vom Sender Jerewan«
Der Schwarze Kanal: »Neues vom Sender Jerewan«
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Ein sicheres Indiz, dass der Kalte Krieg wieder da ist, falls er denn je aufgehört haben sollte, ist die neue Blüte der Kremlastrologie. Sie war, solange die Sowjetunion existierte, ein einträgliches Geschäft, von dem der Zeitungsmacher gut leben konnte, auch wenn sein höheres Wissen bestenfalls humoristischen Wert hatte. Aber das ist bei Aberglauben jeder Art so.

Die Deuter der Kremlsterne haben jedenfalls wieder Konjunktur, und ihre ist stabiler als z. B. die der Pandemiehellseher, die mal William »Bill« Gates (Bundesrepublik), Kommunisten und Sozialisten (Spanien), Schiiten (Saudi-Arabien) oder die KP Chinas (Donald Trump) für ein Virus verantwortlich machen. Am Mittwoch erhielt so FAZ-Politikredakteur Reinhard Veser, einer aus der antirussischen Wahrsagerriege, Platz auf Seite eins der »Zeitung für Deutschland«, um den Moskowitern ihren Untergang vorherzusagen. Überschrift: »Der widerlegte Putin«. Kremlastrologie ist nämlich heute einfacher als früher. Sie hat es nur mit einem Mann zu tun. Laut einem alten Witz aus der Sowjetunion ist der Begriff »einfacher« allerdings nicht ganz korrekt. Anfrage an den Sender Jerewan: »Kann das Politbüro irren?« Antwort: »Im Prinzip nein, aber es ist ja auch nur ein Mensch.«

Veser macht so etwas wie den Sender Jerewan der Gegenwart: Wladimir Putin, meint er, könne zwar »bei Bevölkerung und Eliten weiterhin den Eindruck aufrechterhalten ..., er sei alternativlos«, aber »nie zuvor« sei er »so dramatisch und für die Bürger so unübersehbar widerlegt worden wie in den vergangenen Wochen«. Veser zitiert zwar keinen Putin-Satz, der sich als dramatisch falsch herausgestellt hätte, aber egal. Wichtiger ist: Putin kann sich nicht irren, der Mann ist laut Veser ein einziger Irrtum. »Der Kreml«, schreibt der Frankfurter, habe noch Mitte März die Coronapandemie als Problem des Auslands heruntergespielt, dann sei die Zahl der Infektionen gestiegen, und die »schwachen Fernsehauftritte des Präsidenten und seine durchsichtigen Versuche, die Verantwortung für schlechte Nachrichten auf die Gouverneure abzuschieben«, hätten »das bisher sorgfältig inszenierte Bild des tatkräftigen Machers beschädigt«.

Es war demnach mehr eine Selbstwiderlegung. Das hatte Veser neulich noch anders gesehen. Als Putin am 25. März in einer Fernsehansprache sich wegen der Pandemie an die Bevölkerung Russlands wandte, hatte der FAZ-Mann kommentiert, es sei bemerkenswert, dass der Staatschef die sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung »sehr detailliert aufzählte und komplett auf jene Kriegsrhetorik verzichtete, auf die andere europäische Politiker in den vergangenen Tagen zurückgegriffen haben«. Gemeint waren Emmanuel Macron und Angela Merkel, die den Zweiten Weltkrieg bemüht hatte.

Aber in zwei Monaten kann sich viel ändern, und selbst ein FAZ-Redakteur, der irrtumsmäßig jedem Politbüro überlegen zu sein hat, kann sich korrigieren. Also politisiert Veser im letzten Absatz seines Textes wie mit dem Hammer: Putin könnte etwas zustoßen. »Was dann geschähe, ist unabsehbar.« Wahrscheinlich wird Putin zwar vor einer Ansteckung gut geschützt. »Die Pandemie könnte seine Macht aber schleichend unterminieren«, z. B. wenn die Gouverneure alle Lorbeeren ernten – oder versagen: »Beides kann seine Autorität so unterminieren, dass noch vor 2036 eine Existenz Russlands ohne Putin denkbar wird.«

Die stärkste journalistische Leistung Vesers sind Konjunktiv und Irrealis. Seine Leitidee ist irgendwas zwischen »Männer machen die Geschichte« und »Putin macht sie nicht«. Die Kleingewerbetreibenden, die Bill Gates verdächtigen und Nazis muntermachen, haben weniger zu bieten. Veser und sein Geschäft bleiben. Bombensicher.

Die Deuter der Kremlsterne haben wieder Konjunktur, und ihre ist stabiler als z. B. die der Pandemiehellseher, die mal William »Bill« Gates (Bundesrepublik), Kommunisten und Sozialisten (Spanien), Schiiten (Saudi-Arabien) oder die KP Chinas (Donald Trump) für ein Virus verantwortlich machen.

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