Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Zum Durchhalten

Götz Eisenbergs kluges Coronatagebuch ist auch abseits der Tagesaktualität lesenswert
Von Peter Merg
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Meditationen über das Menschliche. Die Sonne nimmt einem nicht mal das Virus (Hamburg Anfang Mai)

»Meine Durchhalteprosa« hat Götz Eisenberg die aktuelle Folge seines Corona­tagebuches überschrieben. Doch was der jW-Autor seit Mitte März für die Internetseite der GEW Ansbach aufschreibt, ist weitaus mehr als das. Die mittlerweile 30 Folgen sind voll von klugen kulturellen Beobachtungen und pointierten politischen Betrachtungen. Die Reaktionen der sogenannten Qualitätsmedien auf die Krise spielen natürlich auch eine Rolle.

Das alles ist so feinsinnig, wie von seinen jW-Beiträgen gewohnt, nie unfair oder maliziös, auch wenn er sich mit Positionen auseinandersetzt, die nicht die seinen sind. So hält er in der aktuellen Folge fest: »Ein Freund schrieb mir: ›Ich gehöre zu denen, die schon eine ganze Weile über das Covidvirus so denken, wie’s eine Minderheit tut. Also dass das Virus so gefährlich ist wie die jährlich auftretende Influenza ...‹ Warum betont er das ohne Not? Wenn wir schon sonst nichts mehr haben, woran wir glauben und was uns eint, dann unterscheiden wir uns wenigstens in der Virusfrage. Woher rührt das Bedürfnis, Flagge zu zeigen, das Trennende zu betonen, sich ein Schibboleth, also ein Erkennungszeichen, anzuheften? (…) Man erkennt seinesgleichen, aber auch den anderen, der das einigende Zeichen nicht vorzeigen kann oder will und deswegen nicht unsereiner ist. Freud nannte das den ›Narzissmus der kleinen Differenzen‹. (…) Streitbare Abgrenzung dient der Stabilisierung der eigenen (prekären) Identität.« Die politische Einordnung wird unversehens zur Meditation über das Menschliche. An solchen Stellen ist Eisenberg am ­stärksten.

Um das mit Gewinn zu lesen, muss man nicht jeder Überlegung folgen, nicht jedes Urteil unterschreiben. Zum Beispiel die Wahrnehmung des politischen Systems Chinas als »digitaler Diktatur« ist mindestens verkürzt und unterkomplex. Doch spricht aus Eisenberg hier kein ressentimentgeladener Reflex, sondern eine begründete Sorge vor modernen Überwachungssystemen, die auch kommunistische Parteien dazu verführen könnten, soziale Probleme nicht an der Wurzel zu fassen, sondern autoritär-administrativ zu verwalten. Auch wenn man ihm an solchen Stellen widerspricht – man muss ihn ernst nehmen.

An Coronatagebüchern herrschte wahrlich kein Mangel, doch Eisenbergs hätte mehr Aufmerksamkeit verdient als die meisten – und ist auch abseits der Tagesaktualität noch lesenswert. Im letzten Beitrag kündigt Eisenberg an, die Reihe langsam ausklingen zu lassen und gegebenenfalls wiederaufzunehmen, wenn uns die oft beschworene »zweite Welle« erreicht. So hart ein neuerlicher Shutdown auch wäre: Immerhin darauf könnte man sich freuen.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Udo Stark: Zweierlei Maß Ich kenne Götz Eisenberg noch nicht. Aber warum wird ihm »eine begründete Sorge vor modernen Überwachungssystemen« zugestanden, während Menschen, die Chipimplantate (die bereits auf freiwilliger Basis...

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