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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 8 / Ausland
Arbeitsmigranten in Spanien

»Es ist der Horror – und uns reicht es«

Erstmals kämpfen Landarbeiter und andere Migranten ohne Papiere in Spanien gemeinsam für ihre Rechte. Gespräch mit Serigne Mamadou
Interview: Carmela Negrete
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Seit Jahren prekär auf Spaniens Feldern: Serigne Mamadou

Hat sich seit dem Regierungswechsel in Spanien etwas für Migranten ohne Papiere geändert?

Unsere Situation hat sich in der Coronakrise stark verschlechtert. Ansonsten ist nichts geschehen. Wir kämpfen jeden Tag ums Überleben. Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Sie keine Rechte haben, keine Wohnung. Auf dem Land lassen sie uns draußen schlafen – wenn es regnet, dürfen wir in einem Parkhaus schlafen. Sonst tun wir es auf der Straße unter Kartons. Wenn die Polizei kommt, sagt sie, das gehe nicht. Manchmal machen sie in den Parks den Boden nass, damit wir dort nicht schlafen können. Von sechs Uhr morgens bis sieben Uhr abends bist du auf dem Feld und bekommst dafür 25 Euro. Wir werden zudem misshandelt, beleidigt, verprügelt. Es ist der Horror – und uns reicht es.

Was sagen die Spanier?

Wenn du keine Papiere hast, wirst du als Untermensch behandelt. Warum geben sie den Leuten nicht Papiere, damit sie in Würde arbeiten dürfen? – Sie werden sowieso arbeiten, weil sie sonst nichts zu essen haben. Das wird ausgenutzt; und das ist Sklaverei. Die örtlichen Arbeiter schweigen – und die Bürgermeister auch. Alle tun so, als würden sie nichts sehen. Wir werden nicht respektiert. Wir haben mit der Regierung gesprochen, sie versprechen uns mehr Kontrollen, sagen, dass es beschämend ist, wie wir behandelt werden. So läuft es seit Jahren – und sie tun nichts. Wenn einer stirbt, ist es egal – ein »Neger« ist gestorben, egal.

Die Regierung hat angedeutet, dass sie nur eine temporäre Legalisierung für die Coronazeit zulassen will.

Sie sagen uns ins Gesicht: Wir brauchen euch, um unsere Problem zu lösen, und werden euch wieder los, wenn es soweit ist. Sie wollen, dass das Obst gepflückt wird, und kümmern sich sonst um nichts. Auch Minderjährige nutzen sie aus, statt sie zu schützen, damit sie eine Zukunft haben können wie spanische Kinder. Wenn die Regierung »sozialistisch« ist, sollte es Papiere für alle Arbeiter geben, die auf der Straße in Murcia schlafen, die in Almería, Lleida oder Albacete miserable Löhne erhalten. Für die, die in Huelva in Hütten schlafen mit Ratten, Zecken und Krankheiten. Es ist unmenschlich.

Warum haben Sie nie in einer Gewerkschaft oder einer linken Partei mitgewirkt?

Ich wollte nichts von NGOs wissen, weil wir den Eindruck hatten, dass sie uns seit Jahrzehnten betrügen. Sie machen ihr Ding, füllen ihre Taschen – und wir sind immer noch auf der Straße. Bei »Regularización Ya« habe ich mich zum ersten Mal einer Initiative angeschlossen, weil die Menschen darin meist selbst Migranten und ehrlich sind. Dank dieser Kampagne sind wir jetzt stark wie nie und haben viel Unterstützung bekommen. Die Migration ist eine der treibenden wirtschaftlichen Kräfte des Landes – und wir kämpfen für das Recht, unseren Lebensunterhalt in Würde zu verdienen. In Spanien gibt es Tausende Migranten, die arbeiten und Steuern zahlen. Die Rechtspartei Vox verachtet uns besonders, obwohl ihr Chef als Politiker seit vielen Jahren von öffentlichen Geldern lebt.

Noch immer werden Menschen eingesperrt, weil sie keine Papiere haben.

Unsere Brüder waren deshalb bis vor kurzem im Hungerstreik. Gefängnisse sind Teil des Geschäfts. Die Politik in Europa ist so ausgerichtet, dass man Geld aus anderer Leute Armut schöpft. Wir haben das Recht, in Spanien zu leben. Wir kamen, weil wir bedroht und verfolgt werden. Weil wir unsere Familien ernähren wollen – und sie sperren uns ein, als wären wir Verbrecher. Das Ausländerrecht dient dazu, ständige Angst in den Migranten zu schüren. In meinen Videos in »sozialen Netzwerken« habe ich auf die Situation aufmerksam gemacht. Wir sind alle Menschen. Es gibt keine Neger, keine Roten oder Gelben ...

Wie waren die Reaktionen?

Kollegen haben mich zuerst angerufen und gesagt: »Du bist verrückt, sie werden dich deportieren, die Polizei wird kommen und dich holen.« Aber ich bin sehr entschlossen. Wir haben viele Jahre mit Angst gelebt, und das wird jetzt enden, die jetzige Generation wird kämpfen. Die Bauern sollen wertschätzen, was sie haben.

Serigne Mamadou kommt aus Senegal, ist seit 22 Jahren Tagelöhner in Spanien und Sprecher der Initiative »#RegularizacionYa« (Regulierung jetzt oder Papiere jetzt)

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