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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Interview

»Dauerhaftes Bleiberecht statt Schwarzarbeit!«

Italiens Landarbeiter organisieren sich erfolgreich in der USB. Ein Gespräch mit Patrick Segal Konde
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Basisgewerkschaft in Aktion: In ganz Italien brachten Protestierende die Früchte ihrer Arbeit symbolisch vor die Präfekturen (Livorno, 21.5.2020)

Italien ist eines der am stärksten von Corona betroffenen Länder. Welche Auswirkungen hat das auf die Landarbeiter?

Das kann man nicht so einfach sagen. Die Situation der Arbeiter war seit jeher prekär, nicht erst als es mit Corona losging. Die Gefahr allerdings, dass sich sehr viele von nur einem Erkrankten anstecken könnten, nehmen wir sehr ernst. Viele Landarbeiter in Italien haben keine Aufenthaltsgenehmigung und sind der Pandemie völlig schutzlos ausgeliefert. Darum setzen wir uns als Gewerkschaft weiterhin besonders für die Verbesserung von Arbeits- und Sozialrechten ein.

Was hat die Unione Sindacale di Base, USB, veranlasst, den Streik am 21. Mai zu organisieren?

In der gegenwärtigen Pandemiesituation geht es zuerst vor allem darum, Menschenleben zu retten. Zweitens geht es um das Problem der sogenannten »Regularisierung« und drittens um die Entlohnung, also dass die Tarifverträge eingehalten werden. Schließlich gibt es das Wohnungsproblem, viele Landarbeiter leben in Baracken, in denen es weder Strom noch fließendes Wasser gibt.

Warum kritisiert die USB die Regierung für ein Dekret, das die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Tätigkeiten nach dem Lockdown regelt?

Wir stellen uns dagegen, dass die Regierung in einer globalen Pandemiesituation die Arbeit zur Conditio sine qua non für das Überleben von Menschen macht, wie es das Dekret tut. Auch vorher schon hat etwa das »Bossi-Fini-Gesetz« die Aufenthaltserlaubnis an die Arbeit gebunden. Wer den Job verliert, verliert auch die Aufenthaltserlaubnis. Auch lehnen wir die im Dekret enthaltenen Bedingungen für eine »Regularisierung« ab, mit der Menschen eine Arbeitserlaubnis für sechs Monate erhalten sollen, solange sie in dieser schwierigen Zeit für die Ernte nützlich sind. Danach heißt es dann zurück in die Illegalität.

Zur gleichen Zeit können rumänische und moldawische Arbeiter derzeit gar nicht kommen, weil die Regierung nicht ihren Gesundheitsschutz garantiert, und diese möchte gleichzeitig Arbeitslose im Gegenzug für die Sozialleistungen zur Arbeit auf dem Feld anhalten. Viele wären aber natürlich dieser harten Arbeit gar nicht gewachsen und lehnen diese daher ab. Auch in dieser Krisenzeit sind es vorwiegend die Migranten, welche die Schwerstarbeit in der Landwirtschaft schultern müssen.

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Italien, Kalabrien, Rosarno: Arbeiter ernten Orangen (Archivbild, 3.4.2010)

Was sind demgegenüber die Forderungen der USB?

Zuallererst gleicher Lohn für gleiche Arbeit! Die Löhne und Arbeitszeiten der Agrargesetzgebung müssen für alle – auch die migrantischen Arbeiter – eingehalten werden. Wir fordern daher auch die Legalisierung aller Arbeiter, dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen anstatt Schwarzarbeit! Wir fordern menschenwürdige Wohnbedingungen. Ferner muss allen Arbeitern schnellstens eine Wohnsitzmeldung ermöglicht werden, da jeder Arztbesuch diese voraussetzt.

Wer hat sich neben der USB an dem Streik beteiligt?

Es gab große Unterstützung von dem sozialistischen Linksbündnis »Potere al Popolo« und von Studentenbewegungen, aber auch von anderen Gruppen wie zum Beispiel »Noi restiamo« (Wir bleiben), die in ganz Italien vertreten ist. Die anderen Gewerkschaften haben sich hingegen hinter die Vorschläge der Regierung gestellt.

In ganz Italien wurde als Zeichen des Protests Obst und Gemüse vor den Präfekturen abgestellt. Die Bedingungen der Landarbeiter im Norden unterscheiden sich im Grunde nicht von denen im Süden Italiens. Im Norden gibt es kein großes Ghetto wie im Süden, aber die Arbeitsbedingungen sind die gleichen. Es gibt Arbeiter, die schlecht bezahlt werden, es gibt Arbeiter, die kein Dach über dem Kopf haben und in verlassenen Bahnhöfen schlafen. Es gibt Arbeiter, die ohne Vertrag und ohne Papiere arbeiten. Dazu kommt ein mafiöses Arbeitsvermittlungssystem, der »Capolarato«.

Warum ruft die USB nicht nur Bauern und Kleinproduzenten, sondern auch die Verbraucher zur Solidarität auf?

Alle leiden unter der Politik der Lebensmittelriesen. Das Problem ist die Macht der Großvertriebe und Großproduzenten. Große Nahrungskonzerne und die großen Agrarverbände von Produzenten, die eine riesige Zahl an Hektar Ackerland besitzen, drücken gemeinsam die Preise für Agrarprodukte. Damit eliminieren sie Kleinbauern und -produzenten. Dadurch leidet natürlich auch die Qualität der Produkte. Die Bedingungen der Lebensmittelproduktion gehen uns alle an – und dazu brauchen wir breite Bündnisse.

Patrick Segal Konde ist Gewerkschafter der Unione Sindicale di Base in Turin

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