Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 27.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Tanz

Poesie statt Technik

Kapitalistischer Leistungswahn hat Ballett in einen ungesunden Hochleistungssport verwandelt – bringt die Coronakrise den Ausdruck zurück?
Von Gisela Sonnenburg
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Corona als Chance? Tänzer des Tschechischen Nationalballetts

Die Staatliche Ballettschule Berlin ist in die Schlagzeilen geraten: Zwei Expertenteams attestierten der renommierten Ausbildungsstätte kürzlich Gefährdungen des Kindeswohls. Die Institution richtete ihre angehenden Tanzprofis in den letzten Jahren vor allem für Erfolge bei Wettbewerben und Auftritten ab. Und: Sie erteilte ihnen keinen Unterricht in Folkloretänzen mehr. Dabei gehören diese zur Ballettausbildung dazu. Aber Folklore fördert vor allem den Ausdruck und nicht die Hochleistungstechnik. In Berlin war das unerwünscht. Es hatte sich ein Leistungswahn etabliert, der typisch für den Kapitalismus ist.

In den Zwischenberichten der eingerichteten Clearingstelle und der Aufklärungskommission werden Vorwürfe physischer und psychischer Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung, Vernachlässigung der Gesundheitsfürsorge sowie der Fürsorge- und Aufsichtspflicht aufgelistet. Diese Missstände kann man auch als traurige Folgen des kapitalistischen Leistungsdrucks sehen. Für die Aussicht auf eine steile Karriere im Traumberuf mussten Kinder und Jugendliche in Berlin jahrelang viel über sich ergehen lassen.

Hinter dem Fall steht ein grundsätzlicher Konflikt. Im Ballett geht es um zwei wesentliche Elemente: die physiologische Kraft und die Poesie. Aber in den letzten Jahren sind die körperlich-technischen Anforderungen immens gestiegen. International sind die Standards höher denn je. Doch die Lust am Ausdruck, an der künstlerischen Darbietung, scheint immer mehr in den Hintergrund zu treten. Experten im In- und Ausland fürchten um die hehre Anmut und graziöse Dramatik, wenn sie nur noch dem Vorführen von spektakulären Körperverbiegungen und akrobatischen Kunststückchen dient. Ist die Coronakrise hier eine Chance?

Plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen, trainieren Ballettmenschen zwischen Moskau und San Francisco, zwischen Sankt Petersburg und Sydney und auch in Deutschland im Zeichen der Coronaquarantäne bei sich daheim. Videos in den »sozialen Medien« zeigen: Küchen, Wohnzimmer und Treppenhäuser verwandeln sich in Trainingshallen. Regale, Fensterbänke und Bügelbretter werden zu Ballettstangen. Die Profis der staatlichen Ballette in Deutschland haben zudem meist einen Tanzteppich als Unterlage von ihrem Arbeitgeber erhalten. Und wenn zwei Tänzer zusammenleben, üben sie zwischen dem Sofa und dem Fernsehsessel den Pas de deux. Vorsicht ist allerdings bei Hebungen und hohen Sprüngen angesagt: Nicht jede Zimmerdecke befindet sich in vier Metern Höhe. Da dreht der Londoner Star Vadim Muntagirov in seinem Wohnzimmer zwar entzückende Pirouetten, perfekt auf einer Stelle plaziert. Aber beim Springen muss er fast den Kopf einziehen.

Anna Laudere und Edvin Revazov vom Hamburg-Ballett räumten ein Zimmer ihrer Wohnung frei und erklärten es zum Tanzstudio. Allerdings können sie ab und an auch wieder im Ballettzentrum trainieren, wie ihre Kollegen vom Stuttgarter Ballett, dem Semperoper-Ballett und dem Staatsballett Berlin. Mit Sicherheitsabständen und teils mit Masken üben die Ballettprofis vor allem deshalb, um sich fit zu halten. Das berühmte Ehepaar Iana Salenko und Marian Walter tanzte sogar schon wieder auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin: »Schwanensee«, vor leerem Haus, bei geisterhafter Stimmung. Es war eine Probe ohne Aufführungsdatum.

Solche Umstände verändern hoffentlich das Selbstmanagement der Tänzer. Ohne dass man es allgemein bemerkt, wird bei den reduzierten Proben, die unter den Umständen der Schutzmaßnahmen möglich sind, der Ausdruck wieder wichtiger. Wer technisch nicht so viel üben kann, muss sich mit Poesie behelfen. Das ist eine Chance, die »Corona« der Tanzwelt beschert: Die Kunst sollte künftig weniger auf den technischen Overkill setzen und dafür mehr auf das, was wir »Seele« nennen.

Ohnehin fühlen sich nicht wenige Liebhaber des Balletts genervt von hochgezüchteten Tänzerkörpern, bei denen nur noch die magere Schönheit und das Übertreffen der ballettspezifischen Rekorde etwas gilt. Wo bleiben Temperament, Vielseitigkeit, Individualität, Expressivität in der Ballettkunst? Kurzbeinige Tänzer mit gedrungenen Hüften, früher auf den Ballettbühnen eine Selbstverständlichkeit und spätestens seit dem Weltstar Mikhail Baryshnikov vollauf beliebt, gibt es immer weniger. Zierliche, extrem kleine, feminine Damen ebenfalls: Denn die aktuelle Mode diktiert – auch im Ballett – lange Beine ebenso wie übergroße Schlankheit.

Bei den Frauen steht die genormte Figur als Ideal besonders im Vordergrund. Ballerinen von heute passen in Konfektionsgrößen von Kindern und Models, obwohl sie Hochleistungssportlerinnen sind. Bei manchen bleibt wegen der ständigen Hungerkuren die Menstruation aus. Ist das noch schön? Oder einfach nur ungesund und unnatürlich?

Es wird Zeit, die Wertigkeiten im Ballett neu zu überdenken. Das ist aus der Coronakrise wie aus dem Berliner Schulskandal zu lernen.

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