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Aus: Ausgabe vom 27.05.2020, Seite 10 / Feuilleton

Fassbinder, Cantzler, Kirsten, Dobberke, Rätz

Von Jegor Jublimov
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Leuchtete die Abgründe deutscher Kleinbürger aus: Rainer Werner Fassbinder

Rainer Werner Fassbinder hat den Neuen Deutschen Film der Bundesrepublik als Regisseur, Autor und Diskussionspartner maßgeblich geprägt. In den anderthalb Jahrzehnten seines Schaffens drehte er beinahe 50 Filme als Regisseur und Autor, war oft zudem Cutter, Produzent und Schauspieler. Er spielte auch bei Kollegen, inszenierte am Theater mehr als ein Dutzend Stücke und hatte ein ausschweifendes Privatleben. Aufputschmittel bewirkten, dass er kurz nach seinem 37. Geburtstag in München starb. Am kommenden Sonntag, an dem er 75 geworden wäre, zeigt Tele 5 drei seiner Filme, darunter »Katzelmacher« mit Hanna Schygulla (1969), der auch in DDR-Kinos zu sehen war, und »Angst essen Seele auf« mit Brigitte Mira (1974), der unter anderem in Cannes die Goldene Palme gewann. Beide Filme haben eins von Fassbinders Hauptthemen im Zentrum: Wie verhält sich der deutsche Kleinbürger gegenüber Andersartigen, Zugewanderten?

Heute ist der 80. Geburtstag von Ernst Cantzler. Wahrscheinlich wird der Defa-Dokumentarfilmregisseur ihn eher bescheiden feiern. Wie groß er seinen 50. im Wiener Café in der Schönhauser Allee beging, kann man in Petra Tschörtners Dokfilm »Berlin – Prenzlauer Berg« von 1990 überprüfen. Cantzler hat sich in verschiedenen Professionen ausprobiert, war Schauspieler am Salzlandtheater in Staßfurt, Regieassistent am Filmstudio der NVA und beim Defa-Dokfilmstudio und hat nach seinem externen Studium in Babelsberg recht erfolgreiche Kinderfilme geschaffen. Mit dem Aufstieg von Union Berlin in die Bundesliga ist Cantzlers Film »Und freitags in die ›Grüne Hölle‹« (1989) über das damalige Hooligan-Unwesen noch einmal aktuell geworden.

Für Kinder – allerdings im Spielfilm – hat auch Ralf Kirsten gearbeitet. Er zählte zu den vielseitigsten Regisseuren der Defa. Kein Genre war ihm fremd. Am Sonnabend vor 90 Jahren wurde er in Leipzig geboren und starb 1998 in Berlin. Nach einem Regiestudium an der Prager Filmhochschule drehte Kirsten zwei Defa-Kinderfilme und hatte seinen Durchbruch mit der Manfred-Krug-Komödie »Auf der Sonnenseite« (1961/62), dem mit »Beschreibung eines Sommers« (1962) nach Karl-Heinz Jakobs die erste von zahlreichen Literaturadaptionen folgte, mit denen Kirsten Publikumserfolge landete. Stoffe von Fontane, E. T. A. Hoffmann, auch Helmut Baierl waren dabei. Die Verfilmung von Max von der Grüns »Zwei Briefe an Pospischiel« (1970), ein Zweiteiler, wies eine sowohl inhaltliche wie auch stilistische Verwandtschaft mit Fassbinders Arbeiterdrama »Acht Stunden sind kein Tag« (1972/73) auf.

»Verspielte Heimat« heißt ein Defa-Film von 1971 mit Peter Borgelt, der sich kritisch mit der verfehlten Aufarbeitung des Faschismus in der BRD beschäftigt. Es war das Debüt des Regisseurs Claus Dobberke, dessen größter Publikumserfolg der bei Alt und Jung beliebte Indianerfilm »Severino« (1978) war. Später war er Kommunalpolitiker für die PDS in Potsdam und schuf für die Rosa-Luxemburg-Stiftung Filmdokumente über die Kultur in der DDR. Am Sonnabend wird er 80.

Um Indianer geht es auch in Günter Rätz’ wohl ambitioniertestem Defa-Animationsfilm. Der Künstler, der am Sonnabend 85 wird, drehte 1988 bis 90 den einzigen Defa-Puppenfilm nach Karl May: »Die Spur führt zum Silbersee«. Auch andere berühmte Autoren setzte Rätz im Trickfilm um, etwa Fred Rodrian, Friedrich Wolf, Ludwig Turek und Georg Weerth. Schön wäre es, wenn diese Kostbarkeiten hin und wieder die fabrikmäßigen Serien der Kinderkanäle unterbrechen könnten!

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