Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 26.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Raubgemeinschaft

Westliche Aggression gegen die VR China
Von Sebastian Carlens
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Die Herren der Welt unter sich beim »G-7«-Treffen? Zum Glück nicht ganz. Biarritz, 25. August 2019

Das Ende des Zeitalters des Kolonialismus ist ein Ereignis, das Phantomschmerz hinterlässt. Indien, das amputierte Bein des Empire, Hongkong, der verlustig gegangene kleine Finger – alles schmerzt, auch wenn es schon lange weg ist. Der letzte Gouverneur seiner Majestät in der einstigen Kronkolonie bis 1997, ein gewisser Christopher Patten, äußerte sich am Montag staatsmännisch gewichtig: Großbritannien und seine G-7-Verbündeten sollten »Haltung« gegen das chinesische »Regime« zeigen, die »Hongkong-Frage« gehöre beim westlichen Stelldichein, dem G-7-Format, auf die Tagesordnung. Chinesen sind natürlich nicht dabei, wenn Kolonial- und Achsenmächte über die Innenpolitik des bevölkerungsreichsten Landes diskutieren wollen.

Es braucht allerdings gar keinen Blick über den Ärmelkanal. »Hongkong geht uns nichts an?« fragt Springers Welt, um es gleich besser zu wissen: Doch, natürlich! Denn »Hongkong ist Westberlin!« Ob dem »Ressortleiter Außenpolitik« die Tragweite einer solchen Aussage bewusst ist? Dann ist sein Ressort ganz falsch benannt und müsste »Weltinnenpolitik« heißen: Wenn Hongkong nämlich das neue Berlin ist, dann ist die VR China die DDR. Sie gehört also »angeschlossen« an die neue asiatische Großregion Deutsch-Südost. Und »abgewickelt«.

Man muss kein Kenner des Landes sein, um die Reaktion des chinesischen Volkes, das bis vor wenigen Jahrzehnten unter den westlichen Raubmächten zu leiden hatte, auf derartige Frechheiten zu ahnen: Angriffe auf die territoriale Integrität des Landes erzeugen Wut, Bitterkeit und Abwehr. »Ohne die Kommunistische Partei gibt es kein Neues China«, heißt es im Revolutionslied. Der Westen gibt sich alle Mühe, das jederzeit und für jeden Chinesen unter Beweis zu stellen. In Hongkong selbst, wo die gewaltbereiten Separatisten nur eine kleine, im Abstieg begriffene Minderheit sind. Erst recht im großen, ganzen China. Selbst diejenigen, die keine Kommunisten sind, vielleicht gar – als Vertreter einer neuen Bourgeoisie – Sympathien für den freien Kapitalverkehr hegen, werden durch solche Angriffe in Verteidigungshaltung gezwungen.

Das Schlimme: Das ist den Strategen in Berlin, Washington und London mittlerweile völlig egal, denn der Feind ist nicht mehr nur der »Rotchinese«, es sind längst alle. Auch ist das, was als klägliche Chimäre der sogenannten freien Welt übrig geblieben ist, kaum ein attraktiver Exportschlager – mit Polithools wie Trump oder Brexiteers wie den Tories ist man in der deutschen Hauptstadt eigentlich nur noch dann einer Meinung, wenn es gegen China oder Russland geht.

Wenn der chinesische Außenminister Wang Yi wie am Sonntag vor der Gefahr eines »neuen Kalten Krieges« gegen sein Land warnt, hat das genau diesen Hintergrund: Diesen »freien Westen« eint nur die Aggression des Imperialisten der potentiellen Beute gegenüber; und nur noch im Raubzug lassen sich Gemeinsamkeiten herstellen: als Räuber.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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