Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 26.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Der Saft, der Geifer

Klassiker für durchseuchte Zeiten: Ovids »Metamorphosen« und Ciceros »De Laelius amicitia«
Von Peer Schmitt
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Antiker Horrorcomic: Minerva wendet sich an Invidia

»Virus«, so wird man unaufhörlich zu verstehen angehalten, das ist der »unsichtbare Feind«. Die heutige Bedeutung des Wortes als Bezeichnung für eine »submikroskopische Entität« wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt, als Wissenschaftler begriffen, dass es sich bei Viren um etwas anderes als kleinere Bakterien handelt. Natürlich konnten die Wissenschaftler zunächst noch nicht wissen, womit sie es zu tun hatten. Erst nach der Erfindung des Elektronenmikroskops 1931 konnten sie Viren wirklich sehen (von Beginn an geht es in der Mikrobiologie immer wieder um die Sichtbarmachung des Feindbildes). Da gab es den Begriff für das bis dahin unsichtbare Etwas allerdings schon einige Zeit.

Tatsächlich war es 1898, als der niederländische Botaniker Martinus Willem Beijerinck das Problem behandelte, ob die Tabakmosaikkrankheit, die zur Ausbildung von hellen, mosaikartig angeordneten Flecken auf Tabakblättern führt, durch einen Erreger verursacht wird. Beijerinck veröffentlichte eine 24seitige Abhandlung mit dem Titel »Ueber ein Contagium vivum fluidum als Ursache der Fleckenkrankheit der Tabaksblätter«.

Bei seiner Untersuchung des titelgebenden »flüssig lebendigen Erregers« im filtrierten Presssaft befallener Pflanzen konnte Beijerinck ausschließen, dass es sich um einen pilzlichen oder bakteriellen Erreger handelte: Weder konnte er mit dem Mikroskop Mikroorganismen in dem erkrankten Gewebe entdecken, noch gelang es ihm, daraus Organismen zu isolieren und zu kultivieren. Der durch Porzellanfilter gepresste Saft war im bakteriologischen Sinne steril, doch die Infektiosität des Presssaftes blieb über Monate erhalten und konnte nur durch Kochen aufgehoben werden. Diesen rätselhaften Saft – steril und dennoch infektiös – nannte Beijerinck »Virus«.

Soweit der Stand der Wissenschaft um 1900: Das Virus kommt also aus dem Saft – und dem Lateinunterricht, wo das Wort »Virus« naturgemäß noch etwas anderes als Viren bezeichnet. Aber was eigentlich?

Ein wesentliches Geschäft von »Virus« in der römischen Literatur war der Giftmord. Im zweiten Buch von Ovids »Metamorphosen« ordnet die Göttin Minerva die Vergiftung der attischen Königstochter Aglauros an, die sich bei den Göttern gefährlich unbeliebt gemacht hatte: Zum einen verlangte Aglauros von dem in ihre Schwester Herse verliebten Merkur einen Haufen Gold, gleichsam als Wegzoll in die Gemächer der Familie. Zum anderen hatte sie verbotenerweise in das Körbchen gelugt, in dem der neugeborene Erichthonios, der Sohn des Vulkan und Pflegekind der Minerva, versteckt war.

Minerva beauftragt also die Invidia, die amtlich zuständige Personifikation der Missgunst, sich der Sache endlich anzunehmen. Invidia ist das pure Gift, eine Figur wie aus einem Horrorcomic: »Da von dem Schlage sich auftun die Türflügel, sieht sie (Minerva, jW), wie drinnen Vipernfleisch isst die Invidia, Nahrung für all ihre Laster, (…) und dunkel und faul sind die Zähne, grün ist die Brust vor Galle, die Zunge von Gift unterlaufen (... lingua est suffusa veneno).« (Übersetzung: Niklas Holzberg, 2017)

Das Zungengift der Invidia ist nicht »virus«, sondern (das gängigere Wort) »venenum« – potente Droge, Schlangengift. Damit bewaffnet macht sie sich auf den Weg und verursacht Verheerung und Seuche: »Bedeckt von schwärzlichen Wolken, tritt sie, wo auch immer sie schreitet, die blühenden Felder nieder, verbrennt das Gras, rupft Mohnköpfe ab und verseucht (polluit) mit ihrem Anhauch die Völker, die Städte und Häuser.«

Schließlich ist Invidia beim Opfer des Anschlags angekommen und plaziert das Gift:

»sed postquam thalamos intravit Cecrope natae,

iussa facit pectusque manu ferrugine tincta

tangit et hamatis praecordia sentibus implet

inspiratque nocens virus piceumque per ossa

dissipat et medio spargit pulmone venenum.«

»Als sie betreten hat das Gemach der Tochter des Kekrops (Aglauros, jW) führt den Befehl sie aus, berührt ihr die Brust mit der Hand, der rostgefärbten, erfüllt ihr das Herz mit hakigen Dornen, / haucht ihr schädlichen Geifer ein und verstreut über ihre / Knochen pechschwarzes Gift sowie inmitten der Lunge.«

In der klassischen Übersetzung von Johann Heinrich Voß lautet die Übertragung der letzten beiden Verse etwas flüssiger: »Haucht dann hinein des Verderbs Abschaum, und durch die Gebeine / Strömet sie, schwärzer wie Pech, und tief in die Lungen, den Geifer.«

Das Gift – »Virus«/»Venenum« – changiert zwischen den Formen/Zuständen. Es ist zugleich Hauch, Schaum, Strom und Geifer. Es kann mit der Hand übertragen werden oder mit dem Atem. Ziel sind Herz, Knochen und Lunge.

Nicht selten wird »Virus« – der giftige Schleim, der fließende Geifer – im Altertum auch figurativ gebraucht. Bei Cicero beispielsweise erscheint das Wort in »De Laelius amicitia« (Über die Freundschaft) als Attribut der schlechten Laune, des Grantelns, des Angiftens: »Besäße auch jemand ein so abstoßendes Wesen und eine solche Gefühllosigkeit, dass er den Umgang der Menschen flöhe und hasste, wie wir von einem gewissen Timon zu Athen vernommen haben; so konnte er es doch nicht unterlassen, nach einem Menschen zu suchen, vor dem er das Gift seiner Bitterkeit ausgeiferte« (… ut non anquirat aliquem, apud quem evomat virus acerbitatis suae). (Übersetzung: Raphael Kühner, 1864)

Die Freundschaft ist für Cicero ein so elementares soziales Band, dass nicht einmal der unbelehrbarste Menschenfeind völlig auf menschliche Gesellschaft verzichten kann. Er hat sie wenigstens als Gelegenheit nötig, sein Geschimpfe loszuwerden. Cicero war also kein Freund des »Social distancing«. Das Geifern der auf Distanz bedachten Menschenfeinde ist für ihn nichts anderes als Gift, ein »Virus«.

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