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Aus: Ausgabe vom 25.05.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte zur Klimakrise

Die richtige Frage

Herrschende Gesellschaftsordnung wird nicht von Veränderungen in Atmosphäre überrascht. Sie verursacht sie: Tomasz Konicz über den »Klimakiller Kapital«
Von Gerd Bedszent
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Rote Karte für den Kapitalismus? Fridays for Future-Aktivisten in Hamburg (8.5.2020)

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die Polkappen schmelzen und mehrere Gebiete unseres Planeten in absehbarer Zeit überschwemmt sein werden von den größer gewordenen Ozeanen. Ebenso, dass dieser vergleichsweise schnell voranschreitende Klimawandel keine natürlichen Ursachen hat, sondern menschengemacht ist. Diese zuerst nur vermutete, inzwischen längst nachgewiesene Tatsache wird allerdings immer wieder bestritten und aus dem Bewusstsein verdrängt. Auch die Schülerinnen und Schüler, die gegen Gleichgültigkeit und Ignoranz in der Klimafrage demonstrierten, vermochten daran grundsätzlich nichts zu ändern. Die Frage nach den systembedingten Ursachen der sich anbahnenden Klimakatastrophe wird in diesem Zusammenhang nur sehr selten gestellt. Nun ist sie Gegenstand des Buches »Klimakiller Kapital« von Tomasz Konicz.

Anliegen des Autors ist, wie er gleich am Anfang schreibt, die Ursachen für das Phänomen des menschengemachten Klimawandels an der Wurzel zu packen. Und diese Wurzel ist die Ökonomie, das Wachstumsstreben kapitalistischer Unternehmen, welches wiederum seine Ursache im Kapitalfetisch hat, dem im Grunde destruktiven Zwang zur Geldvermehrung um der Geldvermehrung willen. Wie Konicz schreibt, ist es der stumme Zwang kapitalistisch strukturierter Verhältnisse und nicht etwa Dummheit oder Bosheit, welcher sowohl das Management von Großunternehmen und Banken als auch die Charaktermasken in Politik und Regierungen dazu veranlasst, ernsthafte Maßnahmen zur Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen zu unterlassen bzw. solche Maßnahmen bewusst zu hintertreiben. Wie der Autor meint, habe man über drei Jahrzehnte Zeit gehabt, auf die sich entwickelnde Klimakrise zu reagieren – und faktisch nichts getan.

Naturkatastrophen hat es, wie es in dem Buch zutreffend heißt, zwar immer schon gegeben. Und solche hätten in der Vergangenheit bei statisch strukturierten Mangelgesellschaften nicht selten territorial begrenzte Zivilisationscrashs befördert. Bei dem in der Gegenwart global durchgesetzten Kapitalismus liegen die Verhältnisse jedoch anders. Der kapitalistische Weltmarkt wird primär nicht mit von außen kommenden Umweltveränderungen konfrontiert – er schafft solche Veränderungen durch die ihm innenwohnenden Zwänge selbst.

Konicz unterfüttert seine Ausführungen zum »maroden, labilen und krisenanfälligen Katastrophenkapitalismus« sowohl durch Zahlenmaterial als auch durch die Aufzählung diverser Wetterphänomene der jüngsten Vergangenheit. Die geistern zwar immer wieder kurzzeitig durch alle Medien, die Folgen sind aber schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden. Allein die Lektüre dieser Abschnitte lohnt den Erwerb des Buches. Ebenso nützlich sind aber auch die Ausführungen dazu, wie in der Gegenwart an die Stelle von ohnehin inkonsequenten und rein kosmetischen Klimaschutzmaßnahmen kaum verbrämte Verteilungskämpfe um die durch das Abtauen der arktischen Eismassen freiwerdenden Bodenschätze treten oder bereits getreten sind.

In weiten Teilen des Buches setzt sich Konicz mit der einschlägigen Ideologie der sogenannten neuen Rechten und der von ihnen betriebenen, zum Teil geradezu bizarren Leugnung des menschengemachten Klimawandels auseinander. Hervorzuheben ist dabei die Beschäftigung des Autors mit der evangelikalen Rechten. Konicz beschreibt das Vorgehen rechter Kreise als Fortsetzung neoliberaler Wirtschaftspolitik mit Mitteln brutalster Gewalt, befürchtet für die nähere Zukunft auch in den Industriezentren ähnlich faschistoide Zustände, wie sie in weiten Teilen der globalisierten Welt schon Realität sind.

Geht Konicz von einem unweigerlich bevorstehenden »Weltuntergang« aus? Das nun gerade nicht. Einen Ausweg aus gesamtgesellschaftlicher Barbarei sieht er in der Wiederkehr radikaler Gesellschaftskritik. Der Rassismus der »neuen Rechten« habe primär ökonomische Wurzeln, sei zunehmend insobesondere auf die Abwehr von Klimaflüchtlingen ausgerichtet. Und diese Fluchtbewegungen würden letztlich in der Logik des kapitalistischen Systems ausgelöst. Nun stehe die Neuformierung einer global agierenden klassenkämpferischen Linken an, welche dem »fetischistischen Sachzwangsregime des Kapitals« die Stirn bieten könne. Deren Aufgabe dürften aber nicht nur Verteilungskämpfe sein; sie müsse tatsächlich die Systemfrage stellen. Denn diese sei für die Menschheit mittlerweile eine Überlebensfrage.

Tomasz Konicz: Klimakiller Kapital. Wie ein Wirtschaftssystem unsere Lebensgrundlagen zerstört. Mandelbaum, Wien 2020, 376 Seiten, 20 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernhard May, Solingen: Gegensätze ergänzen sich »Die Schülerinnen und Schüler, die gegen Gleichgültigkeit und Ignoranz in der Klimafrage demonstrierten, vermochten nichts zu ändern«? Warum? Während der Ausgangsbeschränkungen gab und gibt es Solidar...
  • Andreas Riekeberg: Falsche Fragestellung Interessant wäre gewesen, vom Rezensenten erfahren zu können, ob Konicz als das Zentrale am Kapital immer noch sein angebliches Wesen als »automatisches Subjekt« sieht und den Kapitalimus als »bislang...

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