Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Komplett besiegt

Zu jW vom 7./8. Mai: »Applaus für Sowjethelden«

Sie schreiben, der Zweite Weltkrieg endete »mit der bedingungslosen Kapitulation der faschistischen Führung in Berlin«. Am 8. Mai gab es aber in Berlin keine faschistische Führung. Reichsmarschall Hermann Göring und SS-Führer Heinrich Himmler waren von Hitler abgesetzt worden, weil sie mit den westlichen Alliierten einen Sonderfrieden schließen und gemeinsam gegen die UdSSR (…) vorgehen wollten. Am 30. April töteten sich Hitler und seine Geliebte, die er einen Tag zuvor geheiratet hatte. Am 1. Mai töteten sich Propagandaminister Joseph Goebbels und seine Frau mitsamt Kindern. In Berlin gab es niemanden, der Hitlers Nachfolge antreten wollte. Gekämpft allerdings wurde noch heftig und verlustreich bis 2. Mai, dann wurden die Kämpfe dort eingestellt. Aber Hitler hatte in seinem Testament seine Nachfolge geregelt und seinen getreuen Anhänger Großadmiral Karl Dönitz eingesetzt. Dieser hatte sich mit einer kleinen Schar von Anhängern nach Flensburg-Mürwik durchgeschlagen und mimte dort Staatschef und Oberbefehlshaber. Die Alliierten griffen zunächst in Mürwik nicht ein. Sie wollten die offizielle Kapitulation der Streitkräfte, damit später nicht behauptet werden könnte, wie im Ersten Weltkrieg, die Armee sei »im Felde unbesiegt« gewesen. Die Kapitulation wurde in endgültiger Form dann in Berlin-Karlshorst am 8./9. Mai 1945 vollzogen. Von deutscher Seite unterzeichneten die Offiziere Hans-Georg von Friedeburg, Wilhelm Keitel und Hans-Jürgen Stumpff die bedingungslose Kapitulationsurkunde. Sie handelten »im Auftrag der Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht« (…). Diese Kapitulation war ein militärischer Vorgang. An ihm waren nur Militärs beteiligt. Andere bewaffnete Verbände »politischer« Soldaten wurden nicht erwähnt: die SS, die Waffen-SS, die Geheime Staatspolizei und weitere Mörderbanden. (…) Die vor allem von Franklin D. Roosevelt und Dwight D. Eisenhower früh durchgesetzte Forderung nach bedingungsloser Kapitulation wurde von den siegenden Mächten konsequent und vollständig vollzogen. Mit der bedingungslosen Kapitulation war eine wichtige Stütze des faschistischen Macht- und Terrorsystems vernichtet worden. Den 8. Mai als Gedenk- und Mahntag zu begehen ist deshalb sinnvoll und notwendig. Aber weitere Schritte müssen folgen und folgten damals mit der Erklärung vom 5. ­Juni 1945 und dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945. Die Befreiung vom Faschismus kann wurzeltief nur gelingen durch eine friedensorientierte, demokratische und soziale Politik.

Prof. Peter Römer, Kassel

Vertrauen gewinnen

Zu jW vom 19.5.: »Wohin treibt Die Linke?«

Der Artikel fordert einen sozialistischen Aktionsplan – welche konkreten Ziele sollte der denn erreichen wollen und mit welchen Mitteln? Die Situation ist doch die, dass das revolutionäre Erreichen einer sozialistischen Wirtschaftsordnung aktuell eine Erfolgsschance von exakt null hat. Dazu fehlt nämlich schlicht eine linke Partei, die das Vertrauen vieler Werktätiger hat. Selbst wenn man Die Linke komplett als sozialistische Partei zählte, läge man im einstelligen Prozentbereich. Was bei einem Sturz des liberalen bürgerlichen Systems herauskäme, wäre also im schlimmsten Fall eine braune Diktatur, sehr wahrscheinlich aber schlicht ein autoritäreres bürgerliches System. Ziel muss es daher doch sein, die Akzeptanz der sozialistischen Idee in der Bevölkerung zu erhöhen, indem Menschen, die offen als Sozialisten auftreten, tatsächliche Verbesserungen für die abhängig Beschäftigten durchsetzen und so Vertrauen gewinnen. Das kann durch außerparlamentarischen Druck oder durch kluges parlamentarisches Handeln geschehen, im Idealfall durch eine koordinierte Nutzung beider Möglichkeiten. Ein die Realität ignorierender sozialistischer Umsturzversuch, der gegen die Mehrheitsüberzeugung der Bevölkerung gerichtet ist, wäre schlicht ein Putsch (zudem ein sofort zum Scheitern verurteilter), der die sozialistische Idee für lange Zeit beschädigen würde.

Hagen Radtke, Rostock (Onlinekommentar)

Agent des Kapitals

Zu jW vom 16./17.5.: »Erholung nach Plan«

Seit Jahrzehnten wird von der Kapitalseite kolportiert: Die Privaten können es besser, der Staat ist ungeeignet oder unfähig. Kurz: Der Markt wird es richten! (…) Und jetzt – der Ruf nach dem Staat. (…) Und die Regierung zeigt sich willig zur Profitsubventionierung. In dieser Krise zeigt sich deutlich: Der Staat ist vor allem eine Agentur des großen Kapitals!

Werner Engelmann, Lahr

An Fakten halten

Zu jW vom 16./17.5.: »Katalysator Corona«

(…) Mir hat von Anfang an der Umgang der jungen Welt mit dem Coronaphänomen gut gefallen – wenn es darum geht, Menschenleben zu schützen, ist Vorsicht angesagt und nicht Dicke-Backen-Machen. (…) Sicher sind viele unlogische pauschale Vorkehrungen verhängt worden, noch sicherer ist, dass viele Funktionsträger die Situation für die willkürliche Durchsetzung von Maßnahmen genutzt haben. Die Zeitung hat aber von Anfang an Widersprüchlichkeiten, Heuchelei und Ignoranz aufgezeigt. (…) Schön im Blick haben, wer die wirklich Unterdrückten sind! Nicht, dass ich nicht nachvollziehen kann, dass man manchmal an eine Verschwörung glauben könnte, manchmal scheint wirklich vieles frappierend zusammenzupassen, aber besser ist, sich an den Fakten zu orientieren. (…) Und jetzt habe ich noch eine Frage: Wenn wir (für die Evakuierung von Flüchtlingslagern, die Unterbringung von Wohnungslosen) eine Kundgebung anmelden, gibt es Auflagen wie »nicht mehr als 20 oder 50 Personen« (…). Aber zu den (…) »Hygienedemos« kommen Hunderte. Es gibt dabei zwar Bilder von mehr oder weniger brutalen Festnahmen, aber linke und demokratische Versammlungen werden schlicht verboten (…). Noch dazu sei die Polizei zuletzt zu den Demonstranten vor der Volksbühne sehr höflich gewesen. Jetzt muss ich aufpassen, dass ich keine Verschwörung ­wittere …

Susanne Rößling, per E-Mail

Die Regierung zeigt sich willig zur Profitsubventionierung. In dieser Krise zeigt sich deutlich: Der Staat ist vor allem eine Agentur des großen Kapitals!