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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 12 / Thema
Marxistische Sozialforschung

Geburtsort des Proletariats

Vor 175 Jahren erschien Engels’ Schrift »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« – eine Pionierleistung der Sozialforschung und Meilenstein der Entstehung des Marxismus
Von Jürgen Pelzer
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Die Industrialisierung hatte in England ihren Ursprung und prägte das Land noch im 20. Jahrhundert entscheidend. Bauarbeiten an einer Kohlenmine nahe Doncaster in South Yorkshire, 1961

In den letzten Novembertagen des Jahres 1842 betrat Friedrich Engels englischen Boden. Wie bei einem kürzeren Besuch zwei Jahre zuvor kam er mit einem Schiff aus den Niederlanden, das ihn die Themse hinauf bis nach London brachte. Dort ging er an Land und fuhr mit der Eisenbahn weiter nach Manchester, wo er seine Arbeit im Kontor der Baumwollspinnerei der Firma Ermen und Engels aufnahm, in der am Rand der Stadt gelegenen Victoria Mill, die Baumwollgarne sowie Strick- und Nähgarne herstellte. Hier war sein Vater, der auch in Barmen eine Textilfabrik betrieb, seit 1837 Teilhaber. Auf ihn ging wohl die Initiative für diesen Aufenthalt zurück, obwohl auch der junge Engels die Gelegenheit gesehen haben wird, der deutschen Misere zu entfliehen und das Zentrum des industriellen Kapitalismus zu erforschen. Zuvor hatte er, nach einer kaufmännischen Ausbildung in Bremen und einem Jahr Militärdienst bei der preußischen Armee in Berlin an der dortigen Universität Vorlesungen belegt, einige der Junghegelianer kennengelernt und sich an deren literarischen und politischen Debatten aktiv beteiligt. Die Zeit in Manchester wollte er nun vor allem für soziologische Studien nutzen, denn hier befand er sich an der Front des expandierenden und den Weltmarkt zunehmend dominierenden englischen Industriekapitalismus.

Manchester selbst war damals eine Stadt mit 400.000 Einwohnern und damit zehnmal so groß wie das heimische Domizil im »Wuppertal«, wo sich die Probleme des modernen Industriekapitalismus erst im Ansatz zeigten. London, das er ebenfalls besuchte, war mit dreieinhalb Millionen Einwohnern bereits eine Weltmetropole. In Manchester lernte Engels auch führende Vertreter der Arbeiterbewegung, namentlich die dort zentrierten Chartisten, kennen und begann in ihren Journalen zu publizieren. Gleichzeitig hielt er die Verbindung mit Karl Marx aufrecht, den er erstmals 1842 getroffen hatte. Er schrieb für die Rheinische Zeitung und verfasste später zwei hoch bedeutsame Beiträge für die von Arnold Ruge und Marx herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbücher, die im Februar 1844 erschienen.¹ Vor allem die »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie« zeigen, wie sehr sich Engels um eine materialistische Kritik des Kapitalismus bemühte. Die bürgerliche Ökonomie stellte er als »komplette Bereicherungswissenschaft« hin. Die Klassengegensätze seien letztlich nur durch eine »Aufhebung des Privateigentums« zu überwinden, was nur durch die – auf dem Kontinent weitgehend unbekannten – englischen Arbeiter zu erreichen sei.

Auf der Rückreise nach Deutschland, im August 1844, traf er mit Marx in Paris zusammen, wo sie unter anderem gemeinsame Arbeiten verabredeten. Engels selbst nutzte den folgenden Herbst und Winter für politische Aktivitäten in der »Rheinprovinz« und zur Niederschrift seines Buches über die Lage der arbeitenden Klasse in England, für das er so umfangreich recherchiert hatte. Das Buch sollte Ende Mai 1845 beim Verlag Wigand in Leipzig erscheinen, dem gleichen Verlag, in dem 1841 Ludwig Feuerbachs »Das Wesen des Christentums« erschienen war. Gewidmet war das neue Buch den englischen Arbeitern, den Working Men, wie es in respektvoller Großschreibung auf englisch heißt, denn diese hatten ihm zu einer genauen Kenntnis der Lebensumstände, ihrer »Leiden und Kämpfe«, verholfen.² Die deutschen Arbeiter wiederum sollten aus dieser »Darstellung der klassischen Proletariatszustände im britischen Reich« lernen, was ihnen selbst noch bevorstand. In Deutschland hatten sich die Zustände zwar noch nicht voll ausgebildet, doch dies sei nur ein Frage der Zeit, da es sich schließlich um »dieselbe soziale Ordnung« handle. Erste Anzeichen für das Aufbrechen der Klassengegensätze und den Kampf gegen die unerträglichen sozialen Zustände hatte es ja auch hier gegeben, wobei Engels auf den schlesischen Weberaufstand vom Juni 1844 und die dadurch ausgelösten reichsweiten Protestaktionen verweisen konnte.

Entwicklung des Proletariats

Die »Lage der arbeitenden Klasse in England« ist in mehrfacher Hinsicht eine Pionierarbeit. Sie war zwar nicht die erste oder einzige Darstellung der sozialen Zustände im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Ähnliche Arbeiten hatte es zuvor gegeben, und zwar sowohl in England als auch in Frankreich, den wirtschaftlich am weitesten fortgeschrittenen Ländern. Doch in zwei Aspekten geht Engels bereits im Ansatz einen Schritt weiter: Zum einen erfasst er die Gesamtheit der Arbeiterschaft, beschränkt sich also nicht auf einen einzelnen Industriezweig wie etwa die Baumwollproduktion. Zum anderen erklärt er die Formierung der neuen Klasse, deren Mitglieder oftmals noch als die »Armen« bezeichnet und ausgegrenzt werden, aus den Bedingungen der Industrialisierung. Die soziale Lage – die geradezu unerträglichen Missstände und die politische Reaktion darauf – wird also als Resultat der Evolution des industriellen Kapitalismus dargestellt. Und so beginnt das Buch mit einer Skizze der industriellen Revolution, die in den letzten fünfzig Jahren die englische Gesellschaft transformiert hat. Im wesentlichen besteht dieser Prozess in einer gigantischen Konzentration und Polarisierung, was dazu führt, dass sich aus den bürgerlichen Klassen die relativ kleine Gruppe zunehmend mächtiger werdender Kapitalisten herausbildet, während andere Schichten an Bedeutung verlieren. Ihnen steht die ins Gewaltige anwachsende Schicht der Proletarier gegenüber, denen ein Aufstieg in die kleinbürgerlichen Schichten nun zumeist verwehrt ist. Die Einsicht in diese Entwicklungstendenz führt zu einem neuen Klassenbewusstsein (obwohl Engels diesen Begriff noch nicht benutzt), was sich auch in der politischen Strategie niederschlägt. Will die neue Schicht die unerträglichen und erniedrigenden Umstände nicht einfach leidend, also passiv, hinnehmen, muss sie sich organisieren, um so für ihre Befreiung und für menschenwürdige Zustände zu kämpfen.

Konzentration, Polarisierung und Urbanisierung sind kein Zufall. Diese Prozesse sind auf die Mechanisierung, also den zunehmenden Einsatz von Maschinen und Dampfkraft, zurückzuführen, die größeres Kapital ebenso erfordern wie eine ins Massenhafte anwachsende Zahl von Arbeiterinnen und Arbeitern. Wo immer sich solche Produktionsstätten bilden, ergeben sich die entsprechenden sozialen Folgen. Dazu gehört auch die Entstehung eines Reservoirs überschüssiger Arbeitskräfte. Die sich entwickelnden Städte mit ihren ausgedehnten Slums und Elendsvierteln sind also der Niederschlag dieser fundamentalen ökonomischen Prozesse. Ausbeutung und Wettkampf untereinander treten in nackter Form hervor. Anschaulich beschreibt Engels, wie er in Manchester sowohl den Egoismus, die Gier und die »barbarische Indifferenz« der bürgerlichen Kapitalistenklasse wie auch das unermessliche Leid der Proletarier kennenlernte, die der Willkür der Fabrikbesitzer und der mit ihnen verbundenen staatlichen Behörden, der Polizei und der Justiz, ausgeliefert sind.

Ebenso lähmend wirkt sich die grundsätzliche Unsicherheit der Beschäftigungsverhältnisse aus. Die Arbeiter wissen nicht, wie lange sie ihre mehr oder minder schlecht bezahlten Jobs haben werden. Sie sind den Fluktuationen des Kapitalismus hilflos ausgeliefert. Nur wenige, besser ausgebildete Arbeiter in den Städten kommen auf Löhne, die zum Überleben reichen. In den eher ländlichen Gebieten, auf die Engels gesondert eingeht, sieht dies anders aus. Das ständige Anwachsen der Zahl der Arbeitskräfte, u. a. durch die massenhafte irische Einwanderung, drückt freilich das Lohnniveau, was negative Folgen für alle hat. Engels hat als einer der ersten die für den Kapitalismus essentielle Notwendigkeit dieser »überschüssigen Bevölkerung« erkannt – Marx fand dafür später im ersten Band des »Kapitals« den Begriff der »industriellen Reservearmee«³. Da der Kapitalismus permanenten Fluktuationen unterliegt, ist diese sich aus den bereits existierenden wie den prospektiven Proletariern (etwa Immigranten) zusammensetzende Arbeiterschaft in Reserve notwendig. Engels wies auch als einer der ersten Analytiker auf die periodisch wiederkehrenden Zyklen des Wirtschaftswachstums hin, was Prognosen möglich machte, die freilich nicht immer zutrafen.

Urbanisierung und Verelendung

Die ausführliche Beschreibung der Lebensumstände der Arbeiter ist also eingebettet in eine historisch-materialistische Analyse des sich entwickelnden Industriekapitalismus. Die ökonomischen Entwicklungen, namentlich auf dem Gebiet der Textilindustrie, sind für die enormen Veränderungen der Klassenstruktur und die rapide Urbanisierung verantwortlich. Die umfassende Urbanisierung mit all ihren Konsequenzen wird auf dem Rücken der Arbeiterschaft ausgetragen, die wesentlich expandiert und auch große Schichten mit vorindustriellem Hintergrund einschließt. Hier liegt, quantativ gesehen, der Schwerpunkt der Engelsschen Schrift, die auf umfangreichen persönlichen Recherchen beruht. Engels hat sich die Mühe gemacht, die Elendsquartiere und deren Bewohner gründlich kennenzulernen. Zusammen mit Mary Burns, einer irischen Arbeiterin und seine spätere Lebensgefährtin, hat er die Lebensumstände detailliert und nachprüfbar dokumentiert, dabei eine Unzahl von Statistiken, offiziellen Berichten und bürgerlichen Kommentaren auswertend. Auf diese Weise werden nahezu alle Aspekte erfasst, von den zumeist katastrophalen Arbeitsbedingungen (Kinderarbeit, Arbeitszeiten bis zu 16 Stunden täglich, Bestrafungssysteme in den Fabriken usw.), dem Charakter der Elendsquartiere, in denen oft mehrere Familien zusammengepfercht werden, der mangelnden Kanalisation bis zur systematischen Benachteiligung durch die Behörden und der abschätzigen, entmenschlichenden Behandlung durch die Kapitalistenklasse, die in den Arbeiterinnen und Arbeitern vor allem »Labour« oder gar nur »Hands« sieht, die man hemmungslos ausbeuten und straflos misshandeln kann.

Die dokumentierende und analytische Methode hindert Engels nicht daran, seiner Empörung Ausdruck zu verleihen. Mehrfach ist von der »sozialen Hölle« oder dem »sozialen Krieg« die Rede, denen das Proletariat ausgesetzt ist. Die Arbeiter, die sich nach einem langen Arbeitstag nach Hause bewegen, erinnern ihn in ihrer Niedergeschlagenheit und körperlichen Versehrtheit an eine geschlagene Armee, die Szenerie der Slums, der engen Straßen, der trostlosen, auf Verschleiß und schnellen Profit berechneten Architektur an ein Schlachtfeld. Unmissverständlich macht er dafür die herrschende Bourgeoisie verantwortlich, die nur ihrem Eigeninteresse und ihrer Geldgier folgt. Für die entmenschlichenden Missstände fühlt sie sich zumeist nicht verantwortlich. Die Schuld für die Probleme sucht man oft (wie auch heute üblich) im individuellen Versagen oder dem »natürlichen« Schicksal der Armen, die es zu allen Zeiten gegeben habe. Ihre gesteigerte Zahl lastet man gern der moralischen Zügellosigkeit an, die in den Elendsquartieren neben dem Alkoholismus um sich greife. Obendrein sucht man die Ausgrenzung durch Armengesetze zu steuern, die natürlich keine Abhilfe schaffen.

Für Engels ergibt sich daraus aber auch eine positive Seite: Da die Arbeiter ausgegrenzt werden, sind sie auch dem bürgerlichen Egoismus, der Religion oder der heuchlerischen Moral weniger ausgesetzt, ja sie können sich ihrer Macht als eigenständige Gruppe bewusst werden. Und so findet Engels, weit entfernt davon, ein durchgängig negatives oder mitleidiges Bild aus bürgerlicher Perspektive zu zeichnen, viele Arbeiter, vor allem in den größeren Fabriken, die sich eine breite Bildung verschaffen, die politisch engagiert sind und die sich aktiv für die Zerschlagung der Ausbeuterordnung einsetzen. Freilich trifft dies nicht auf alle zu: Viele sind einfach demoralisiert, verfallen in Alkoholismus oder verausgaben die wenigen Ressourcen, über die sie verfügen. Wiederum andere verfallen in Passivität, passen sich an und hoffen auf die Gnade der Ausbeuter und ihrer Verbündeten. Entscheidend ist hier, dass Engels alle diese Verhaltensweisen als soziale Tatsachen, als Resultate des herrschenden Kapitalismus, beschreibt. Er liefert also keine moralischen Verurteilungen. Dies trifft im übrigen auch auf die Kapitalisten zu, die er aus eigener Kenntnis beschreiben kann – auch bei ihnen kommt es nicht auf mangelnde Qualitäten oder persönliche Schlechtigkeit an, sondern auf die Korrumpierung durch das System, in dem sie tätig sind und das sie tragen. Fixiert auf die Gelegenheit, Geld zu machen oder Profite einzustreichen, ignorieren sie die Zustände, die dies ermöglichen sollen. Eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung kommt ihnen erst gar nicht in den Sinn.

Aufruf zum Kampf

Den Arbeitern bleibt unter diesen Umständen nur die offene Kampfansage an die Bourgeoisie, wie Engels in einem separaten Kapitel über die Arbeiterbewegungen ausführt. Um aus »ihrer vertierenden Lage herauszukommen«, um sich »eine bessere menschlichere Stellung zu verschaffen«, müssen sie gegen die Bourgeoisie ankämpfen. Diese wird ihrerseits alles tun, um ihr eigenes Interesse, das in der Ausbeutung der Arbeiter besteht, zu verteidigen, wozu sie jederzeit die »ihr zu Gebote stehende Staatsmacht« aufbieten kann. Die Geschichte der Arbeiterbewegung setzt ebenfalls mit der industriellen Revolution ein und hat verschiedene Formen angenommen, die anfangs, noch keineswegs repräsentativ, aus Diebstahl, Sabotage oder Maschinenstürmerei bestehen konnten. Sie erschöpften sich zumeist in lokalen, isolierten Aktionen, denen keine einheitliche Theorie oder Strategie zugrundelag. Sie richteten sich immer nur gegen eine einzelne Seite des Systems, das als solches nur unzureichend erkannt wurde.

Freilich kam es bereits in den 1820er Jahren zur Herausbildung nachhaltigerer Formen der Opposition, da ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz den Arbeitern das »Recht der freien Assoziation« und damit das Versammlungsrecht zugestand. Damit konnten bereits bestehende, oft im geheimen agierende Netzwerke offen auftreten. Es bildeten sich erste Gewerkschaften (Trade Unions), welche die Waffe des Streiks einsetzten, die zwar mit häufigen Niederlagen endeten, aber dennoch – wie Engels betont – die Klassensolidarität stärkten und somit eine unverzichtbare Erfahrung darstellten.

In Manchester lernt Engels nun auch gewerkschaftliche Ideen des Chartismus kennen, der zwar (noch) nicht sozialistisch ist, dessen politische Programmatik aber – wie Engels meint – das Potential habe, die Grundfesten des englischen Klassensystems zu erschüttern. Die Volkscharta (Engels nennt sie Volkscharte) von 1838 enthielt sechs zentrale Punkte: das allgemeine Stimmrecht für jeden mündigen Mann, jährlich zu erneuernde Parlamente, Diäten für die Parlamentsmitglieder (so dass auch Mittellose politisch arbeiten konnten), Wahlen durch Ballotage (Wahlurnen, die durch verdeckte Abgabe verschiedenfarbiger Kugeln eine geheime Abstimmung ermöglichen – jW), gleiche Wahldistrikte sowie die Abschaffung der ausschließlichen Wählbarkeit derjenigen, die 300 Pfund Sterling Grundbesitz haben, so dass jeder Wähler auch wählbar ist.⁴ Hinter den primär politischen Forderungen stehen freilich grundsätzliche Hoffnungen auf eine soziale Umgestaltung, obwohl diese zunächst im Vagen bleiben. Es mangelt allerdings an einer sozialistischen Orientierung. Auf deren weitere Entwicklung setzt Engels, der ansonsten mit einer Revolution rechnet, da sich die Klassengegensätze zwangsläufig verschärften und zudem absehbar sei, dass ökonomische Krisen oder die internationale Konkurrenz die Monopolstellung des englischen Kapitalismus erschüttern würden. Die tatsächliche Entwicklung sollte freilich anders verlaufen, worauf Engels 1892 hinweist.

Rückblick auf die »Jugendarbeit«

Als Engels viele Jahrzehnte später auf seine Jugendarbeit zurückblickt, findet er, dass er sich »ihrer keineswegs zu schämen brauche«.⁵ 1892 erscheint sie, fast völlig unverändert, in zweiter Auflage. Fünf Jahre zuvor war erstmals eine amerikanische Ausgabe erschienen, und Engels hatte die Gelegenheit genutzt, darauf hinzuweisen, dass sich auch in den USA – bei allen Unterschieden zur europäischen Entwicklung – eine Klassengesellschaft samt einer Arbeiterbewegung mit sozialistischer Programmatik herausgebildet habe. Der Sozialismus sei keineswegs ein europäischer Exportartikel, der in den USA keine Wurzeln schlagen könne. Hier war es vor allem der Kampf um den Achtstundentag, der den Anstoß zu einer nationalen Arbeiterbewegung gegeben habe. Im Vorwort zur zweiten deutschen Auflage geht Engels bereitwillig auf die Veränderungen ein, die sich in nahezu fünfzig Jahren ergeben haben. Für ihn ist weniger erstaunlich, dass bestimmte Vorhersagen nicht eingetroffen waren (etwa die einer bevorstehenden Revolution), als vielmehr wie viele andere sich bestätigt hätten. Verändert habe sich unter anderem der aggressiv-menschenfeindliche, auch auf Gemeinheiten und Tricks nicht verzichtende Habitus der kapitalistischen Fabrikbesitzer. Auf solche Mätzchen verzichte man jetzt, da Zeit Geld sei und man obendrein eine noch viel stärkere Machtposition einnehme. Was die ökonomische Entwicklung betreffe, so habe ein neuer auf die Stahl- und Transportindustrie beruhender Schub sowie eine Ausweitung des Weltmarkts eingesetzt, der für England eine Periode relativer Prosperität eingeläutet habe.

An den Grundtatsachen des ausbeuterischen kapitalistischen Systems habe sich dagegen nichts geändert. Seine Konturen träten nun noch schärfer hervor. Die ausgedehnten Elendsquartiere seien zwar zum Teil verschwunden, unter anderem deshalb, weil man – wie Engels am Beispiel Manchesters illustriert – ein Übergreifen von Seuchen auf andere Stadtgebiete befürchtet habe. Aber was die Qualität der Arbeiterwohnungen beträfe, so sei kein wesentlicher Fortschritt auszumachen. »Das Elend der Arbeiter« könne man zwar »einhegen«, beseitigen dagegen könne man es nicht. Es bleibe also die Aufgabe der Arbeiterbewegung, dieses sie nach wie vor versklavende System zu überwinden. Da die herrschende Bourgeoisie – und Engels hat hier vor allem die heimische Klasse im Auge – kein Interesse an der Befreiung der Arbeiter hätte, bleibe dies deren eigene Aufgabe. Das noch aus dem Programm der klassischen Philosophie stammende allgemeine Menschheitsbefreiungsideal sei zu relativieren. In der Praxis sei eine solche Perspektive leider nutzlos. Denn: »Solange die besitzenden Klassen nicht nur kein Bedürfnis verspüren nach Befreiung, sondern auch der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse sich mit allen Kräften widersetzen, solange wird die Arbeiterklasse nun einmal genötigt sein, die soziale Umwälzung allein einzuleiten und durchzuführen.«⁶

Anmerkungen

1 Vgl. MEW, Band 1, S. 499 ff., sowie S. 525 ff.

2 MEW, Band 2, S. 234

3 Vgl. MEW, Band 23, S. 657 ff.

4 Vgl., MEW, Band 2, S. 444 f.

5 Ebd., S. 637

6 Ebd., S. 641

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 17. April 2020 über das politästhetische Programm und neue Stücke von Bertolt Brecht nach 1945.

Debatte

  • Beitrag von Reinhard L. aus . (23. Mai 2020 um 06:06 Uhr)
    »... auf den schlesischen Weberaufstand vom Juni 1844 und die dadurch ausgelösten reichsweiten Protestaktionen verweisen konnte.«

    Das ist so nicht richtig. Es gab 1842 kein »Reich« im deutschen Sprachraum. Das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« war 1806 von Napoleon zerschlagen worden, das deutsche Kaiserreich unter preußischer Führung wurde erst 1871 gegründet. Es gab ca. 30 deutsche Fürstentümer, ein paar Hansestädte und eine sich entwickelnde Nationalbewegung, die gerade erst auf die Herstellung eines solchen »Reiches« hinwirkte.

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