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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Philosophie

Auf dem Sprung

Keine Angst vorm Abstraktionsaufwand. Dietmar Daths gut lesbare Hegel-Einführung ist besonders für junge Marxisten ein Glücksfall
Von Marc Püschel
Dath_Dietmar©Barbara Kirchner, Bonn.jpeg
»Vermeidung von Merk- und Lehrsätzen« – Dietmar Dath

»Die einzige simple Regel für Hegel ist: Es gibt keine simple Regel für Hegel.« Dass dies eine Einführung in das Werk des Philosophen auf nur 100 Seiten fast unmöglich macht, weiß der Vielschreiber und -denker Dietmar Dath selbst am besten. Dass er es für den Reclam-Verlag dennoch gewagt hat, ist besonders für junge Marxisten ein Glücksfall.

Philologisch nicht immer streng, wie Dath eingangs selbst ankündigt, ist er erkennbar darum bemüht, Hindernisse auszuräumen, die sich der je eigenen Hegel-Lektüre in den Weg stellen. Das erste Drittel des Büchleins ist daher gleichsam eine Art Einführung in die Einführung und geht auf altbekannte Vorwürfe ein wie den angeblichen Schematismus »These–Antithese–Synthese« oder Hegels komplexen Satzbau. Dath verknüpft dies mit einem persönlichen Erfahrungsbericht darüber, wie er beim Lesen zunächst von Hegel abgestoßen wurde. Den Wendepunkt beschreibt er anschaulich: »Als ich erkannte, dass mein Widerwille gegen Hegel der Abneigung Sprachverarmter im Internet gegen komplexe Sätze affektiv verwandt war, erschrak ich und besprach die Sache mit der klügsten Hegelianerin, die ich kenne. Sie sagte: ›Du wehrst dich gegen einen Verständnisaufwand.‹ Ich musste zustimmen.«

Das Ergebnis der überwundenen Gegenwehr ist eine typische Dath-Schrift: Seitenblicke auf Naturwissenschaften gibt es zuhauf und dienen der Heranführung an die Frage, was Dialektik sei. Zwar interessiert sich Hegel auch bei Naturkategorien vorrangig für die Begriffsrelationen untereinander und nicht für die empirische Realität, klugerweise warnt jedoch Dath zugleich vor einem positivistischen Verständnis naturwissenschaftlicher Forschung. Diese arbeitet oft in hohem Maße »spekulativ« und setzt dialektische Denkstrukturen wie den Umschlag von Quantität in Qualität voraus, ihre Thesen werden oft erst nach Jahrzehnte experimentell bewiesen.

Das zweite Drittel des Büchleins besteht aus einem soliden biographischen Abriss. Erfreulicherweise beginnt Dath mit der Schrift »Über die englische Reformbill« von 1831, die Hegels Kritik an Standesprivilegien deutlich macht. Natürlich dürfen bekannte Geschichten nicht fehlen, etwa über das Trio Hölderlin, Hegel und Schelling. Daneben erläutert er die Konstruktion des Hegelschen Systems als iterativ »in dem Sinne, in dem Iterationen, also Wiederholungen eines Rechenvorgangs unter Einspeisung seiner je letzten Resultate ins Programm, sich mehr und mehr der gesuchten Lösung annähern«. Wer am wissenschaftlichen Fortschritt interessiert ist, sei darauf verwiesen, dass sich Dath bei seiner Beschreibung der Dialektik hier an den Methoden des Mathematikers Stephen Wolfram orientiert, der erst kürzlich (nach der Reclam-Drucklegung) verkündete, mit einem ähnlichen Verfahren alle Gesetze der Physik aus einer einheitlichen Theorie erklären zu können.

Das letzte Drittel befasst sich mit konkreten Problempunkten: der Dialektik zwischen Idealismus und Materialismus, der These des Endes der Kunst und der Hegelschule in der Mathematik. Hier sind einige sehr kluge Urteile besonders auffällig, etwa, dass Marx die »dialektischen Kategorien, die Hegel konstruktiv und synthetisch verwendet, statt dessen kritisch und analytisch« nutze. Der fast vollständige Abdruck des eingängigen Hegel-Essays »Wer denkt abstrakt?« ist ebenso lobenswert wie der erstaunlich umfassende Blick auf die Rezeptionsgeschichte, der vom »Happening-Psychoanalytiker« Slavoj Zizek über Judith Butler und Francis Fukuyama bis hin zur japanischen Hegelschule reicht. Werbung für Hans Heinz Holz’ Theorie der bildenden Künste und ausgesuchte Tipps zum Weiterlesen (u. a. Lenin, Losurdo und Robert Brandom) gibt es obendrein. Angesichts der Ausblicke auf Physik und Mathematik wäre allerdings ein Verweis auf die Forschungen Dieter Wandschneiders zur Aktualität der Hegelschen Naturphilosophie sinnvoll gewesen.

Wollte man ernstlich etwas bemängeln, so am ehesten die Kritik an der Hegel zugeschriebenen These vom »Ende der Kunst« in der Moderne. Dabei vertrat dieser kein »Auslöschungs- und Abschaffungsdenken, das die Verwandlung von Maßgaben nicht nur der Ästhetik als lineare Zeitkurve sieht«, wie Dath schreibt, sondern vermeldete vor allem das Ende der existentiellen Rolle der Kunst für die Gesamtgesellschaft, die sie etwa im antiken Griechenland eingenommen hatte. Zwar wird auf den interpretatorischen Spielraum, den seine Ästhetik lasse, verwiesen, im Ganzen bleiben die Passagen jedoch unbefriedigend, zumal Dath vor der Gefahr einer naturalistischen Kunstauffassung warnt, nicht aber vor einer formalistischen. Hier wäre Hegel ernster zu nehmen als es heutzutage üblich ist, besonders hinsichtlich des Maßstabes für gute Kunst.

Beim Lesen solcherart zu Dath in Widerrede zu geraten, bestätigt jedoch nur seine Absicht. Man schlägt nach, wie es genau bei Hegel steht, und kommt damit der zu Beginn formulierten Aufforderung zum Selbstdenken nach. »Die Negativität dieses Bändchens nun besteht in der Vermeidung von Merk- und Lehrsätzen, die mein Publikum bejahen und glauben könnte. Die will ich nicht, und arbeite auch nicht mehrheitlich mit Sätzen Hegels, zu denen ich selbst nicken könnte …« Dass sich Dath natürlich auch mit den lehrsatztauglichen Passagen bei Hegel bestens auskennt, beweist die von ihm herausgegebene, im Juni erscheinende Zitatesammlung »Hegel to go« aus der bewährten Reihe des Eulenspiegel-Verlags. Gleichwohl besteht er darauf: Wer Hegel nicht weiterdenke, verstehe ihn nicht. Für einen Einstieg ins Weiterdenken aber bieten die 100 Seiten bestes Material.

Dietmar Dath: Hegel. 100 Seiten. Reclam-Verlag, Ditzingen 2020, 100 Seiten, 10 Euro

Dietmar Dath/Marlon Grohn (Hg.): Hegel to go. Verlag Neues Leben, Berlin 2020, 96 Seiten, 7 Euro

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (22. Mai 2020 um 21:37 Uhr)
    Marx war gar kein Philosoph, sondern kritischer politischer Ökonom, wobei Klassentheorie und Staatstheorie unausgeführt blieben, von der Anthpologie ganz zu schweigen – also noch nicht mal volle Soziologie oder Sozialphilosophie. Das Ausgeben als Gesamtweltanschung war vor allem Stalins Untat – der geschickt die Lücken nutzte, vor allem die »Überbau«-Analysen, die leider Tagespresse und Medien ziemlich beherrschen, die wiederum für die Massenloyalität, ob in Zähldemokratie oder nicht, extrem wichtig sind.

    Die Linken, Marxisten sind damit gar nicht gut gefahren – sie werden meist kommentarlos abserviert.

    »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« ist das Werk von Marx mit Hegel im Titel, und es nicht freundlich zu Hegel.

    Im Kapital wird sich gar nicht richtig auf Hegel gestützt, er kommt auch extrem selten vor.

    Die meisten fragen sich gar nicht, was so eine Philosophie eigentlich »soll«.

    Hegel »verschlimbesserte« Spinoza, der den Zusammenhang von Kirche und Monarchie konsequent in die Staatsphilosophie brachte. (...)

    Natürlich habe ich das Buch nicht gelesen, Hegel und Marx aber schon.

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